Mo, 20. November 2017

Obonya im Interview

20.07.2013 16:25

„Irgendwann wird aus dem Jedermann eine Jedefrau“

Bei den Salzburger Festspielen feiert ein ganz neuer "Jedermann" Premiere: Im Gespräch mit Conny Bischofberger spricht Cornelius Obonya, Spross der berühmtesten Theater-Dynastie des Landes, über Erotik auf der Bühne, die Vertreibung Alexander Pereiras und die Salzburger Bussi-Bussi-Gesellschaft.

Seine Nerven möchte man haben: Einen Tag vor der Premiere erscheint "Jedermann" Cornelius Obonya in Shorts, Espandrillos und einem schwarzen Leinensakko auf der Festspielterrasse und gibt seelenruhig ein Interview. Markantes, viereckiges Gesicht, schwungvoll zerfurchte Stirn, verschmitzter Blick. Die Espressotasse wiegt er mit beiden Händen im Schoß. Lampenfieber? "Das kommt noch", nickt Obonya, "am Höhepunkt steht dann die vollständige Versenkung in der Rolle." Er spricht feinstes Burgtheaterdeutsch.

Hier gibt's drei Audio-Mitschnitte vom Interview: Obonya über sein eigenes Gottesbild, die Rolle des "Jedermann" und seine Schauspielerfamilie.

Hinter ihm zeichnet ein ORF-Kamerateam gerade einen Festspielbeitrag auf. Clarissa Stadler, die sich in einem roten Sommerkleid vor der prächtigen Domkulisse in Szene gesetzt hat, ist etwas nervös: "Wenn ich doch nur Augen für Herrn Obonya habe", seufzt sie und sagt ihren Text gleich nochmal auf. "Jedermann" schenkt ihr kurz ein Lächeln.

"Krone": Herr Obonya, die Rolle des "Jedermann" hat schon Ihr Großvater Attila Hörbiger acht Saisonen lang gespielt. Fühlen Sie sich am Domplatz mit ihm auf eine besondere Art verbunden?
Cornelius Obonya: Manchmal habe ich mir schon gedacht, mein Gott, so wie ich jetzt auf die Fassade des Doms schaue, wird er auch hinaufgeschaut haben. Aber dann ist die Arbeit wieder so intensiv, dass ich ihn auch wieder vergesse. Obwohl ich seit meiner Kindheit eigentlich in einer dauernden Verbindung mit ihm bin.

"Krone": Was ist Ihre stärkste Erinnerung an ihn?
Obonya: Es gibt einen Moment, aber den möchte ich nicht sagen. Nur soviel: Ich habe ihn Nonno genannt, und er war ein unglaublich herzlicher und lustiger Mensch.

"Krone": Inwiefern hat Sie diese Theaterdynastie geprägt?
Obonya: Wenn sich die ganze Familie dem Theater verschrieben hat, bekommt man eine sehr frühe Ahnung davon, was das bedeuten kann. Nur die Probleme dieses Berufs kann einem die Familie auch nicht ersparen, sie ist kein Surfbrett, auf das man sich einfach stellt und dann fährt das ab. Ganz im Gegenteil. Man hat viele Antworten früher bekommen, als man sich die Fragen dazu erarbeiten konnte.

"Krone": Wie alt waren Sie, als Sie wussten, dass Sie auch Schauspieler werden wollen?
Obonya: 15. Meine Mutter hat in "Hotel Ultimus" gespielt und ich erinnere mich an die rauchgeschwängerte Theaterkantine, wo die Anstrengung fühlbar wurde, die dem Ergebnis auf der Bühne vorausging. In diesem Moment wollte ich das zu meinem Beruf machen, was ich schon als Kind geliebt hatte: Mich verkleiden und wer anderer sein.

"Kron": In welche Rolle ist der kleine Cornelius geschlüpft?
Obonya: Cornelius hat keiner zu mir gesagt. Bis heute sagen die meisten Leute Conny zu mir. Ich hatte eine kleine Verkleidungskiste mit Plastikdegen und einem alten Bademantel. Von dem habe ich nur die Ärmel um den Hals geschlungen und hatte einen mittelalterlichen Rittermantel um.

"Krone": Ihr Salzburg-Debut haben Sie schon 2002 gegeben. Haben Sie damals davon geträumt, einmal den "Jedermann" zu spielen?
Obonya: Damals war ich noch zu jung. Um den "Jedermann" zu spielen, braucht man ein gewisses Alter und eine Kraft... Wenn man ihn dann spielen darf, dann gibt das schon einen kleinen Ruck in der Karriere.

"Krone": Ist es eine Art Höhepunkt?
Obonya: Durchaus. Aber auch die nachfolgenden Projekte werden wieder neue Höhepunkte sein. Wie hat Fred Liewehr so schön gesagt? "Und wieder eine Gelegenheit, sich den Ruf zu versauen." Das passt eigentlich vor jeder Premiere.

"Krone": Das Facelifting, das die beiden Regisseure Julian Crouch und Brian Mertes dem "Jedermann" 2013 verpasst haben, wird viele vor den Kopf stoßen. Hat diese Neuinszenierung das Potential zum Festspielskandal?
Obonya: (lacht) Skandal? In keiner Weise!

"Krone": Da trägt die Buhlschaft Strapse und zeigt Busen. Und "Jedermann" deutet - immerhin auf dem Domplatz - Sex auf der Bühne an.
Obonya: Wir versuchen nur, uns so zu benehmen wie Menschen, die sich körperlich sehr anziehend finden. Das Publikum soll verstehen, warum "Jedermann" und Buhlschaft heiß aufeinander sind!

"Krone": Wie sexy ist der "Jedermann"?
Obonya: Das kann ich, der ihn spielt, nicht beurteilen. Das könnte wohl auch die Buhlschaft nicht von sich selbst sagen.

"Krone": Knistert es bei solchen Szenen zwischen Ihnen?
Obonya: Wir sind schlicht und ergreifend zwei verheiratete Menschen, die diese Rollen zu spielen haben. Es ist also genau jenes Knistern, das zwischen zwei Schauspielern sein muss, um diese Erotik transportieren zu können.

"Krone": Die Taxifahrerin, mit der ich hierher gefahren bin, hat geschimpft, dass sie diesen "Jedermann" nicht anschauen werde, weil er sich viel zu weit vom Original weg entfernt habe.
Obonya: Das ist leider etwas sehr Österreich-übliches, über Dinge zu urteilen, noch bevor man sie gesehen hat.

"Krone": Gott ist in der neuen Inszenierung ein Kind. Könnte Jedermann eines Tages auch eine Frau sein?
Obonya: Natürlich! Da müsste man dann das Stück neu schreiben, am besten müsste frau das neu schreiben. Irgendwann, da bin ich mir sicher, wird aus dem Jedermann eine Jedefrau. Ich fände das nicht schlecht.

"Krone": Im Stück geht es auch um Glaube und Gottesfurcht. Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Obonya: Ich habe mir meinen Kindheitsgott bewahrt... Er sieht so aus wie auf den Barockschinken. Ein alter, gütiger Mann mit einem weißen Bart. Mit diesem Gott habe ich mich immer sehr wohl gefühlt. Auch wenn ich gebetet habe: "Lieber Gott, mach, dass die Ruckelei im Flugzeug jetzt aufhört."

"Krone": Was möchten Sie als neuer "Jedermann" dem Zuschauer mitgeben?
Obonya: Dass er, von mir aus auch mit dem wohlverdienten Glaserl Sekt in der Hand, nach der Vorstellung drüber nachdenkt, wie das wäre, wenn er noch ein Stündlein zu leben hätte. Wem müsste er noch Abbitte leisten? Welche Rechnung hat er noch offen?

"Krone": Kennen Sie Ihre Rechnung?
Obonya: Ich kenne sie einigermaßen... Da ich ein sehr harmoniebedürftiger Mensch bin, versuche ich aber, Rechnungen tunlichst sofort zu begleichen. Manchmal gelingt das, manchmal nicht.

"Krone": Um den "Jedermann" gibt es alljährlich auch ein großes Brimborium. Sind Sie gerne Zugpferd für die Society-Maschinerie?
Obonya: Ich bin kein großer Society-Mensch, ich bin lieber zurückgezogen. Aber ein bisschen gehört es auch dazu. Ich glaube, es gibt auch kaum einen Schauspieler, der Aufmerksamkeit nicht liebt... Klaus Maria Brandauer hatte schon Recht: In Salzburg ist der "Jedermann" auch eine Art Faschingsprinz.

"Krone": Ein großes Thema bei den Salzburger Festspielen ist auch der Abschied von Intendant Alexander Pereira. Angeblich soll nur noch jeder Dritte ihn hier grüßen. Was ist da Ihre Expertise?
Obonya: Mir ist aufgefallen, dass es in Salzburg schon von vornherein so ein kleines Pereira-Bashing gab. Da war der Mann noch keine drei Stunden bestellt, gingen schon die üblichen Messerwetzereien los. Ich denke, Alexander ist ein wunderbarer Kommunikator, der auch noch Geld herankarrt, und das ist machen will, dann kann das Geld dafür nicht mehr ausschließlich vom Staat kommen. Diesem Mann nicht die Hand zu reichen, ist einfach widerlich.

Schauspieler-Clan
Cornelius Obonya, geboren am 29. März 1969 in Wien, ist der Sohn von Elisabeth Orth und Hanns Obonya (gestorben 1978). Seine Großeltern mütterlicherseits sind Paula Wessely und Attila Hörbiger; Christiane Hörbiger ist seine Tante. Max-Reinhardt-Seminar mit 17, nach einem Jahr wechselt er zu Gerhard Bronner. Kabarett-, Musical-, Opern-, Theater-, Film- und Fernseh-Karriere. Verheiratet mit der Regisseurin Carolin Pienkos, der siebenjährige Sohn heißt wie sein Urgroßvater Attila.

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