So, 22. Oktober 2017

"Krone"-Interview

12.01.2013 16:59

Schlierenzauer: „Langsam gehen mir die Ziele aus“

Superadler Gregor Schlierenzauer (23) im Interview mit Conny Bischofberger: Der neunfache Weltmeister und Vierschanzentournee-Sieger spricht über die Faszination des Fliegens, seine Taubheit auf dem linken Ohr und die Sehnsucht nach Einsamkeit und Anonymität.

Als wir am Freitag telefonieren, liegt der "König der Lüfte" noch mit Grippe im Hotelbett in Zakopane. "Vor mir hängen meine Sprunganzüge", erzählt Gregor Schlierenzauer und hustet; einen Tag später war er zwar noch immer nicht ganz fit, bei der Einzelkonkurrenz aber schon wieder am Start und belegte Platz acht (siehe Infobox).

Hier gibt's drei Audio-Ausschnitte vom Interview: Schlierenzauer über seine Jugend als Spitzensportler, seine Taubheit und die Faszination des Fliegens.

Im Interview mit der "Krone" spricht der 23-Jährige mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit über Themen wie Druck, Disziplin und Erfolg. Eine Leichtigkeit, die ihn auch leitet, wenn er abhebt und zum nächsten Sieg segelt.

"Krone": Herr Schlierenzauer, vertrauen Sie eher der Schulmedizin, wenn Sie krank sind, oder der Homöopathie?
Gregor Schlierenzauer: Als Spitzensportler liegt mir die Homöopathie näher. Auch weil du extrem aufpassen musst, weil ja viele Medikamente auf der Doping-Liste stehen. Also esse ich Hühnersuppe, trinke viel "Heiße Zitrone" und schmiere mir die Brust mit Tigerbalsam ein. Das ist nicht einmal Homöopathie, das sind einfach die guten alten Hausmittel.

"Krone": Sie sind auf dem besten Weg, mit 23 Jahren eine Legende zu werden. Zwei Siege fehlen Ihnen noch, um den finnischen Rekordhalter Matti Nykänen mit seinen 46 Weltcupsiegen zu übertrumpfen. Was treibt Sie da an?
Schlierenzauer: Ehrgeiz und Motivation. Sehr knapp vor dem 46. Sieg ist die Motivation besonders hoch. Das Schönste wird aber der 47. Sieg sein.

"Krone": Bauen Sie sich da nicht einen ungeheuren Druck auf?
Schlierenzauer: Natürlich, aber Druck ist im Spitzensport normal. Ich bin von klein auf in das hineingewachsen. Immer höher, immer weiter. Das birgt natürlich auch Gefahren. Die gilt es zu erkennen.

"Krone": Welche Gefahren meinen Sie?
Schlierenzauer: Wer immer noch mehr erreichen will, macht irgendwann einmal schlapp. Und zwar dann, wenn er nicht mehr mitkommt. Man ist schließlich keine Maschine, sondern ein Mensch. Aber solange ich den Sport liebe, solange das Feuer in mir brennt und ich Spaß daran habe, ist es gut.

"Krone": Sie sind schon mit 16 im Weltcup gesprungen. Hatten Sie nie das Gefühl, einen Teil Ihrer Kindheit und Jugend zu verlieren?
Schlierenzauer: Jein. Natürlich musste ich extrem hart arbeiten und viele Kompromisse eingehen. Als 16-Jähriger wäre ich gern manchmal zu Hause geblieben oder auf eine Party gegangen, statt zu trainieren. So gesehen habe ich vielleicht etwas verloren. Auf der anderen Seite habe ich mit 23 schon so viel erlebt. Das macht es hundertfach wett.

"Krone": Sie wurden damals schon als "Wunderkind" gefeiert. Haben Sie sich als solches sehen können?
Schlierenzauer: Ich habe wenig Medien konsumiert. Aber das "Wunderkind" ist mir in Erinnerung. Es hat mir nichts ausgemacht. "Wunderkind" motiviert doch sehr stark.

"Krone": Skispringen ist ja ein Sport, den sich ein Normalsterblicher nur schwer vorstellen kann. Was ist so faszinierend daran?
Schlierenzauer: Dieses Gefühl abzuheben, ganz leicht zu sein. Die Materie Luft zu spüren und mit ihr zu spielen. Fliegen macht süchtig.

"Krone": Kennen Sie auch Angst?
Schlierenzauer: Da müsste man jetzt definieren, was Angst ist. Ich würde es eher als Respekt bezeichnen. Wenn der Wind stark ist oder die Wetterbedingungen gefährlich sind, dann ist der Respekt groß. Man versucht dann, sich noch besser zu konzentrieren. Aber Angst...

"Krone": Wann haben Sie zuletzt Angst gehabt?
Schlierenzauer (denkt lange nach): Vor dem Krampus vielleicht. Wobei, ich habe sogar vor dem Nikolaus Angst gehabt.

"Krone": Wie bereiten Sie sich auf so einen Sprung innerlich vor?
Schlierenzauer: Ich gehe da meinen eigenen Weg. Ich habe meine Bilder, meine Strategien. Ich halte nicht viel von Mentaltrainern. Ich hab' so was nie gebraucht.

"Krone": Sie sind bereits neunfacher Weltmeister: Wird Ihnen nicht manchmal angst und bange, mit 30 keine Ziele mehr zu haben?
Schlierenzauer: Es stimmt, dass mir die Erfolge und Ziele langsam ausgehen (lacht). Ich sehe das deshalb von einer ganz anderen Seite. Denn es gibt weitaus Wichtigeres im Leben, als ganz oben zu stehen. Die Prioritäten werden sich ändern, wenn ich älter bin. Ich werde vielleicht eine Familie gründen, Kinder haben, ein Haus bauen wollen. Zurzeit genieße ich es aber, mit meinen jungen Jahren sehr erfolgreich zu sein.

"Krone": Ist die permanente Öffentlichkeit sehr anstrengend?
Schlierenzauer: Es gibt Schlimmeres.

"Krone": Wie und wo entkommen Sie?
Schlierenzauer: Zu Hause, im Urlaub - an einigen Orten. Mit dem Red-Bull-Kapperl ist es allerdings schwer. Deshalb kleide ich mich manchmal anonymer und setze eine Sonnenbrille auf.

"Krone": Es heißt ja, dass jedes Kilo Körpergewicht einen Skispringer einen Meter kostet. Sind alle Skispringer auf Diät?
Schlierenzauer: Manche mehr, manche weniger. Ich habe ein Riesenglück mit meiner Veranlagung. Ich bin einer von den schlaksigen Typen, die alles essen können und nur schwer zunehmen. Ich ernähre mich aber gesund, nicht wegen der Kalorien, sondern weil das das Benzin, die Power für deinen Motor ist.

"Krone": Wann zuletzt ein Wiener Schnitzel gegessen?
Schlierenzauer: Ist gar nicht so lange her. 7. Jänner. Auch die Marillenstangerl von meiner Oma hab' ich mir zu Weihnachten gegönnt.

"Krone": Herr Schlierenzauer, Sie haben bei Armin Wolf in der "ZiB 2" gesagt, dass Sie auf dem linken Ohr taub sind. Wie leben Sie mit dieser Behinderung?
Schlierenzauer: Ich kenne es nicht anders, und es hat auch was Gutes: Mir ist die Welt nämlich auch so schon laut genug. Beim Einschlafen leg' ich mich auf das Ohr, mit dem ich höre, und schalte so alle Lärmquellen ab. Auch wenn ich etwas nicht hören will, dreh' ich mich einfach auf die linke Seite. Das ist manchmal wirklich praktisch.

"Krone": Aufgrund dieser Taubheit waren Sie untauglich fürs Bundesheer. Wie werden Sie nächsten Sonntag abstimmen, oder dürfen Sie sich als Spitzensportler dazu nicht äußern?
Schlierenzauer: Ich bin ein freier Mensch, ich darf sagen, was ich will. Ich weiß gar nicht, ob ich am 20. Jänner da bin, werde mich aber noch damit auseinandersetzen.

"Krone": Wenn Sie einen Sohn hätten, wären Sie dann dafür, dass er Wehrdienst machen muss?
Schlierenzauer: Ich habe weder einen Sohn noch hab' ich Wehrdienst geleistet, deshalb tu' ich mir auch wirklich schwer, das zu entscheiden.

"Krone": Wie wollen Sie in 50 Jahren den Menschen in Erinnerung sein?
Schlierenzauer: In erster Linie durch meine Erfolge. Aber nicht nur durch Erfolge. Auch durch eine gewisse Natürlichkeit und Leichtigkeit. Ich will als einer in Erinnerung bleiben, der seinem Gefühl traut und folgt. Wenn ich das Gefühl habe, dass es morgen passt, dann werde ich springen. Das wird ganz spontan sein.

"Krone": Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie wieder zu Hause in Tirol sind?
Schlierenzauer: Auf die Trinkwasserqualität. Aus dem Wash ein Familien- und Genussmensch. Deshalb freu' ich mich auf die Familie und das gute Essen.

"Krone": Worauf besonders?
Schlierenzauer: Auf die Lasagne, von der Mama gemacht. Meine absolute Lieblingsspeise. Ich glaube, das wäre sogar meine Henkersmahlzeit.

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