Di, 21. November 2017

„Menschenfresser“

10.01.2013 16:32

Wiener Band DMVA polarisiert mit ihrem Debütalbum

Vier Wiener Maskenmänner sehen sich nicht nur als "Die Mutter von Allem", sondern segeln auf ihrem Debütalbum "Menschenfresser" auch wagemutig durch Hip-Hop-, Electro-, Punk- und Discobeat-Gewässer. Wer sich die Zeit nimmt, auf diese schräge Vermischung einzugehen, könnte eine österreichische Underground-Perle entdecken.

Provokation als Stilmittel oder als bewusstes Zeichen zur gewünschten Aufmerksamkeit zu verwenden, gehört heutzutage im Musikgeschäft fast schon zum guten Ton. Ob das jetzt Lady Gaga mit nymphomanischen Fleischkleidern, Deichkind mit leuchtenden Pyramidenhüten oder die Veteranen Kiss mit dem täglichen Griff in den Schminktopf sind – eine möglichst obskure Optik soll die dargebotene Musik verstärken und das Zielpublikum aufrütteln.

Höhlenmenschen-Electro
DMVA – ausgeschrieben: Die Mutter von Allem – bedienen sich ebenso schamlos dieser abstrusen Stilistik und garnieren ihr visuelles Potpourri aus hautengen 80er-Jahre-Hotpants, kruden Maskierungen und Höhlenmenschen-Promofotos mit vielen elektronischen Beats, derben Texten und latentem Hedonismus. Musikalisch als auch textlich befinden sich die Wiener dabei im direkten Windschatten von Deichkind, ohne aber zur bloßen Kopie zu verkommen.

So sieht sich das Quartett selbst als gesellschaftlichen "Zeitgeist", fühlt sich zuweilen "Geiler als Gott" und lädt zum perversen "Schweinereiten". Das alles kann man zuweilen als egozentrisch-kranken Humor im spätpubertären Mantel verorten, andererseits könnte man sich aber auch einfach von den eingängigen Beats und den extravaganten Texten tragen lassen. Doch wer befürchtet, dass bei DMVA nur der pure Stumpfsinn herrscht, könnte falscher nicht liegen. Gesellschaftskritisch und voller sozial- und finanzpolitischer Seitenhiebe hanteln sich die Electro-Popper durch Songs wie "Menschenfresser", "Fick die Bosse" oder "Kettenkind", die allesamt auf größere oder kleinere Missstände im Alltag zurückgreifen.

Wut auf das Establishment
Die Wut auf hippe Trends verspüren DMVA gleich in mehrfacher Ausführung, wie etwa eine Textpassage aus "Menschenfresser" beweist: "Künstler, Lehrer, Hipster-Pisser, Schnösel, Anwalt, Besserwisser, konservative Anarchisten, liberale Trendfaschisten, Böse Onkelz, Slipknot-Stukis, Shania Twain und Bobo-Pipis, Föhnfrisuren-Anzugträger". Doch ist nicht das ständige "Dagegensein" auch eine Form von populärer Hipness? Völlig egal, denn DMVA nehmen sich selbst nicht wirklich ernst und lassen dem Hörer hinter ihrer durchaus eingängigen Melange aus Hip-Hop-Zitaten, Punk-Licks und Atzen-Discostimmung genug Spielraum für Eigeninterpretationen.

Klar denkt man bei diversen Beats an die kurzlebige "Krocha"-Bewegung, klar könnte man sich mit schnippischer Gehässigkeit über so manch klangliche Redundanz echauffieren, doch DMVA zeigen nicht nur Mut zur Andersartigkeit, sondern vor allem unermessliche Toleranz für das Vermischen unterschiedlicher Musikstile. "Menschenfresser" kann zum Nachdenken anregen und gleichzeitig zum gemütlichen Studenten-WG-Umtrunk animieren – und wie viele Alben gibt es schon, die derart variabel gehört werden können? Eine CD wie ein Überraschungsei – es gibt Spiel, Spaß und Spannung.

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