Mo, 23. Oktober 2017

Triumph in Cannes

27.05.2012 20:21

Hanekes „Amour“ mit Goldener Palme ausgezeichnet

Der österreichische Filmemacher Michael Haneke hat zum zweiten Mal die Goldene Palme bei den Filmfestspielen in Cannes gewonnen. Sein berührendes und zärtliches Drama "Amour" über Krankheit und Tod bei einem alten Paar wurde am Sonntag von der Jury zum besten Film des Wettbewerbs 2012 gekürt. Seit 1997 regelmäßig im Wettbewerb vertreten, triumphierte Haneke nach "Das weiße Band" (2009) nun als erst siebenter Filmemacher ein weiteres Mal.

Michael Haneke kam zur Entgegennahme des Preises gemeinsam mit seinen beiden Hauptdarstellern Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant auf die Bühne, denen er besonders dankte.

Hanekes Dank gehe aber auch an die Jury, sein wunderbares Team, seine Produzenten und Geldgeber und vor allem an seine Frau, die ihn seit über 30 Jahren unterstütze. Der Film sei auch die Illustration eines Versprechens, das sie einander gegeben hätten.

"Haneke bester lebender Regisseur"
Riva sagte, dass das gemeinsame Drehen eines Films auch das miteinander Teilen von einem Stück Leben sei. Trintignant teilte den Preis gleich in sechs Teile: Je einer gehe seiner Meinung nach an die Produzentin, an den Regisseur Haneke, den er als den besten lebenden Regisseur der Welt bezeichnete, seine beiden Kolleginnen Riva und Huppert, das ganze Team sowie an seine Ehefrau.

Als Präsentatoren der Entscheidung der Goldenen Palme fungierten Adrian Brody und Audrey Tautou. Die Entscheidung selbst wurde vom Jury-Präsidenten Nanni Moretti bekannt gegeben.

"Toller Erfolg für Österreich"
Hanekes Produzent Veit Heiduschka sprach nach der Verleihung von "einer Sensation" und einem "tollen Erfolg für Österreich". Von offizieller Seite regnete es am Abend ebenfalls Gratulationen. Kulturministerin Claudia Schmied sprach von einer "verdienten Auszeichnung" und konstatierte, dass man Nominierungen und Preise "keinesfalls irgendwann als alltäglich ansehen" dürfe.

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz unterstrich die "große Kreativität österreichischer Filmschaffender" und richtete seine Glückwünsche aus. Auch Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny zog via Aussendung seinen Hut: "Chapeau!"

In einer Reihe mit Coppola und Co.
Mit seiner zweiten "Goldenen Palme" reiht sich damit Haneke in die Liste der größten Regisseure ein - wie dem Amerikaner Francis Ford Coppola, dem Japaner Shohei Imamura oder den belgischen Brüdern Dardenne, denen dieses Kunststück bisher gelungen war.

In "Amour" erzählt er in ruhigen und langen Einstellungen in einer bürgerlichen Altbauwohnung von den letzten Monaten des Ehepaars Georges und Anna, das seit Jahrzehnten verheiratet ist und nach Annas Schlaganfällen mit deren schleichendem Verfall lernen muss umzugehen. Der Film ist ein erschütterndes und intensives Kammerspiel, das nicht zuletzt von seinen großartigen Darstellern Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva und Isabelle Huppert lebt. Huppert spielt die Tochter der beiden pensionierten Musiklehrer.

Seidl ging leer aus
Der zweite österreichische Film, "Paradies: Liebe" von Ulrich Seidl, war zu Beginn des Festivals kontrovers aufgenommen worden und ging bei der Preisverleihung leer aus.

Den großen Preis der Jury erhielt der italienische Filmemacher Matteo Garrone für seinen Film "Reality", den Regiepreis sicherte sich Carlos Reygadas für "Post tenebras lux". Der Drehbuchpreis ging an den rumänischen Palmen-Mitfavoriten "Beyond the Hills" von Cristian Mungiu, dessen Darstellerinnen Cristina Flutur und Cosmina Stratan auch den Preis für die besten Darstellerinnen erhielten. Als bester Schauspieler wurde der Däne Mads Mikkelsen für seine Rolle in "The Hunt" von Thomas Vinterberg geehrt.

Großes Medienecho für "Amour"
Insgesamt waren seit 16. Mai 22 Filme im Wettbewerb vorgestellt worden. Aber kein Werk hatte in Cannes solch eine Wucht und einen Nachhall erzeugt wie Hanekes "Amour". "Alles an diesem Film ist dicht und nuancenreich", hatte die "taz" geschwärmt. Der "Guardian" sprach von einem "bewegenden, furchteinflößenden und kompromisslosen Drama von unheimlicher Intimität und Klugheit" und attestierte Haneke ein "Filmemachen auf dem höchsten Level von Intelligenz und Einsicht".

Die "Zeit" lobte die Hauptdarsteller, die von einem Regisseur geführt würden, "dessen Werk sich von Film zu Film in immer gelassenere Höhen schraubt". Die Frage nach der zweiten Palme sei in dem Moment nicht so wichtig, "wo dieser Film unerbittlich sanft in den Herzen und Köpfen der Zuschauer implodiert".

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