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23.05.2012 12:36

Klage gegen Nasdaq wegen Facebook-Börsengang

Der verpatzte Börsengang von Facebook wird zum Fall für Gerichte und Aufsichtsbehörden. Ein Investor aus dem US-Bundesstaat Maryland verklagte am Dienstag den Börsenbetreiber Nasdaq, ein anderer Facebook und die für den Börsengang verantwortlichen Banken. Diese müssen zudem Untersuchungen verschiedener US-Behörden fürchten.

Der Kläger aus Maryland, Phillip Goldberg, beantragte in seiner Klageschrift vor dem Bundesbezirksgericht in Manhattan den Status einer Sammelklage im Namen aller Investoren, die wegen der technischen Probleme der Nasdaq am 18. Mai Geld verloren hätten.

Die Technologiebörse Nasdaq gestand jetzt ein, sie hätte den Börsengang lieber abgeblasen, wenn ihr vorher das gesamte Ausmaß der technischen Probleme bewusst gewesen wäre. Wegen der Fehlfunktion wussten Anleger am Freitag zum Teil über Stunden nicht, ob ihre Aufträge erfüllt worden waren.

Zweite Klage gegen Facebook und Banken
Die zweite Klage wurde von der Kanzlei Glancy Binkow & Goldberg aus Los Angeles am Dienstag vor einem kalifornischen Gericht eingebracht. Die Anwälte werfen Facebook und den Banken im Namen ihres Mandanten vor, die Börsenunterlagen schlampig zusammengestellt und wichtige Informationen zum Geschäft und dessen Aussichten verschwiegen zu haben. Ein Investor habe dadurch bis Dienstagabend 18 Prozent seines Geldes verloren. Die Kanzlei fordert Wiedergutmachung im Namen aller Geschädigten.

Gewinnprognosen angeblich heimlich gesenkt
Die Anwälte werfen der Gegenseite insbesondere vor, verheimlicht zu haben, dass die beteiligten Banken kurz vor dem Börsengang ihre Gewinnprognosen für das soziale Netzwerk gesenkt hätten. Namentlich werden Morgan Stanley, JPMorgan Chase und Goldman Sachs aufgeführt. Das sind die drei sogenannten "Lead Underwriter", also die wichtigsten Organisatoren des Börsengangs.

Bank gibt sich schuldlos an Aktiendebakel
Bei ihren Vorwürfen stützen sich die Anwälte auf US-Medienberichte, unter anderem vom "Wall Street Journal". Demnach haben nur eine Hand voll ausgewählter Kunden der Banken von den gesenkten Erwartungen an das künftige Facebook-Geschäft erfahren. Entsprechend vorsichtig seien diese Kunden dann beim Kauf von Facebook-Aktien geworden. Die Facebook-Hauptbank Morgan Stanley erklärte am Dienstag, alle Regularien eingehalten zu haben.

Wertete Facebook selbst seine Aktien ab?
Der Blog "Business Insider" ging am Dienstag sogar noch einen Schritt weiter: Ein Facebook-Manager habe den Analysten dazu geraten, ihre Vorhersagen nach unten zu korrigieren, hieß es unter Berufung auf eine ungenannte Quelle.

Viel zu viele Aktien auf den Markt geworfen
Damit wirkt der Vorwurf, die Banken hätten sich bei der Nachfrage verschätzt und zu viele Papiere auf den Markt geworfen, noch am harmlosesten. Ursprünglich hatte Facebook einen Stückpreis zwischen 28 und 35 Dollar angepeilt. Dann jedoch stockte das Unternehmen den Ausgabepreis und die Zahl der Aktien kräftig auf - was sich nun als fataler Fehler herausstellt. Nach Informationen des "Wall Street Journal" war es die Entscheidung von Facebook-Finanzchef David Ebersman, die Zahl der angebotenen Aktien um ein Viertel zu erhöhen. Zuvor habe ihm Morgan Stanley allerdings versichert, dass die Nachfrage sehr hoch sei.

Miserabelster Milliarden-Börsengang seit fünf Jahren
Nach Daten des Anbieters Dealogic, die das "Wall Street Journal" veröffentlichte, ist kein anderer US-Börsengang im Milliardenbereich seit fünf Jahren so miserabel gelaufen. Das nächst schlechtere Unternehmen, der Vermögensverwalter Och-Ziff, war im Jahr 2007 nach drei Handelstagen auf ein Minus von 13 Prozent gekommen. Unter den Börsenverlierern findet sich auch der enge Facebook-Partner und Spieleentwickler Zynga mit minus acht Prozent.

US-Behörden sind Bank auf der Spur
Die für den Börsengang verantwortlichen Banken müssen nicht nur Klagen, sondern auch die US-Behörden fürchten: Neben der US-Börsenaufsicht SEC kündigte auch der Vorsitzende der Regulierungsbehörde Finra, Richard Ketchum, an, die Vorfälle um den Börsenstart bei Morgan Stanley zu prüfen.

Sollte die Bank die Gewinnprognose tatsächlich vor dem Start gesenkt haben, wäre dies ein Fall für die Regulierungsbehörden, sagte Ketchum der Nachrichtenagentur Reuters. Wegen der Vorwürfe kündigte auch der Bundesstaat Massachusetts eine Untersuchung an. Eine entsprechende Vorladung sei zugestellt worden, teilte die zuständige Landesbehörde mit.

Bank will keine Schuld erkennen
Morgan Stanley erklärte am Abend, man habe bei Facebook die gleichen Abläufe eingehalten wie bei jedem anderen Börsengang auch. Dabei seien auch alle Vorschriften eingehalten worden. Die Aktie des US-Instituts fiel im nachbörslichen Handel um 1,4 Prozent.

Facebook-Aktie im Sinkflug
Am Montag hatte das mit viel Euphorie erwartete Facebook-Papier elf Prozent verloren, nachdem es beim Börsendebüt letztlich nur dank Stützungskäufen von Konsortialführer Morgan Stanley den Ausgabepreis von 38 Dollar halten konnte. Am Dienstag ging es mit einem Abschlag von knapp neun Prozent aus dem Handel.

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