Do, 18. Jänner 2018

"Krone"-Interview

19.05.2012 16:15

Gefallener Lotto-Millionär: "War ein naiver Dummkopf"

Es war der Jackpot seines Lebens. Sechs Richtige im Lotto – der Lagerarbeiter als Millionär. Im Interview mit Conny Bischofberger erzählt Günther Schernthaner, wie elend alles endete.

Desselbrunn, ein adrettes Dorf mit blumengeschmückten Gärten im oberösterreichischen Hausruckviertel. Wie eine trostlose Burg steht Günther Schernthaners Haus im Hang. Hinter der Alu-Fassade gibt es zwar ein holzgetäfeltes Heimkino, aber es fehlen noch immer Geländer, Fliesen, Verkleidungen. Und im Swimmingpool das Wasser.

Es ist der Morgen nach seinem aufsehenerregenden Fernsehauftritt in der Sendung "Ein Fall für Resetarits". Der Lotto-Millionär, der nur noch Schulden hat, rührt Löskaffee in ein Häferl mit heißem Wasser. Über dem Küchentisch hängen gerahmte Kreuzstich-Bilder der vier Jahreszeiten. "Die hat noch meine geschiedene Gattin gestickt", erklärt er seine private Tragödie. "Sie hat mir und den Kindern 1991, kurz vor Weihnachten, mitgeteilt, dass sie es satt habe. Drei Tage später war sie aus unserem Leben verschwunden." Die Kinder waren damals 20 Monate, sieben und neun Jahre alt. Er hat sie mit Nachtjobs als Alleinerzieher durchgebracht.

Mittlerweile sind Markus, Bettina und Thomas erwachsen, und der Vater lebt als Frühpensionist von 950 Euro im Monat – allein. Nur Hündchen Mexx (es gehört seiner Tochter) und viele Findlingskatzen aus der Umgebung sind ab und zu auf Besuch.

"Krone": Herr Schernthaner, wie kann man zehn Millionen Schilling in zehn Jahren verlieren?
Günther Schernthaner: Mir kommt es auch wie ein böser Traum vor. Ich wollte mit dem Lottogewinn eigentlich nur mich und meine Kinder absichern, das Haus fertigbauen - und was dann noch übrigbleibt, vielleicht spenden.

"Krone": Die Bank, bei der Sie heute in der Kreide stehen, unterstellt Ihnen bei allen Geschäften "stark spekulative Motive".
Schernthaner: Das ist ein Blödsinn! Spekulative Motive hatte sie selber. Und der Herr – ich darf den Namen nicht nennen, sonst klagt er mich auf Rufschädigung – der Herr Direktor dieser Versicherung.

"Krone": Kannten Sie ihn?
Schernthaner: Nein, den hat mir die Lottogesellschaft geschickt. Er hat sich hier am Küchentisch ausgebreitet und sofort seinen Laptop und Drucker aufgebaut. Er hatte einen fixfertigen Finanzplan für meine zehn Millionen, der wollte gleich alles haben. Aus dem machen wir 20 bis 24 Millionen Schilling, hat er gesagt.

"Krone": Warum glaubt man sowas?
Schernthaner: Das war kein Finanzhai einer dubiosen Firma, das war ein Experte einer angesehenen Versicherung, zuständig für Sonderkunden! Er hat Prominente in ganz Österreich beraten. Als ich ihm sagte, dass ich nur sieben Millionen anlegen will, da sind ihm die Gesichtszüge gleich entgleist.

"Krone": Wie lautete sein Geschäftsplan?
Schernthaner: Drei Millionen sollten in Aktien angelegt werden, für eine monatliche Pension sein, und vier Millionen für einen Frankenkredit. Meinen Bausparer hat er mir sofort aufgelöst. Dass die Bank mit dem Haus ins Grundbuch gegangen ist, hat er mir erst später gesagt. Und dass mit den Optionsgeschäften alles schiefgegangen ist, habe ich auch nicht von ihm erfahren. Die Aktien sind in den Keller gefallen und der Franken ist abgestürzt.

"Krone": Wer ist schuld?
Schernthaner: Er ist schuld. Denn mir hätte es gereicht, abgesichert zu sein und drei- oder viertausend Schilling mehr pro Monat zu haben.

"Krone": Aber Sie haben es unterschrieben.
Schernthaner: Ja, ich war leider ein naiver Dummkopf. Ich habe ihm wirklich alles abgekauft.

"Krone": Möchten Sie diesem Direktor nicht an die Gurgel gehen?
Schernthaner: Ich würde noch viel mehr tun, wenn ich dürfte. Er hat alles zunichte gemacht. Meine ganze Existenz steht auf dem Spiel.

"Krone": War es Glück damals, als Sie am 24. Juni 2001 den Jackpot geknackt haben?
Schernthaner: Damals war es Glück. Bis zur dritten Kugel denkst du dir ja noch nichts. Wenn du dann den Vierer und den Fünfer hast, dann flehst du richtig: "Ma bitte, lass es die sechste Kugel auch noch sein!" Und dann ist sie da. Ich bin laut schreiend im Haus herumgerannt. Dann habe ich zu meinen Kindern gesagt: Endlich sind wir aus dem ganzen Schlamassel heraußen! Und dann sind wir ins Nachbardorf gefahren, haben uns Cappy-Sekt geleistet und still gefeiert.

"Krone": Wollten Sie den Gewinn geheimhalten?
Schernthaner: Ja. Das ist ein ganz lautes Ja. Aber mein Kleiner hat sich leider in der Schule verplappert. Und dann war ich ganz schnell der Herr Millionär.

"Krone": Was war anders am nächsten Morgen?
Schernthaner: Ich bin immer wieder zum versperrten Kastel gelaufen, um den Schein mit den Zahlen im Teletext zu vergleichen. Du kannst es ja nicht glauben.

"Krone": Welchen kleinen - oder auch größeren - Luxus haben Sie sich dann geleistet?
Schernthaner: Die Kinder haben sich schon immer eine Reise nach Disneyworld gewünscht. Wir sind also nach Florida geflogen. Das war die schönste Zeit meines Lebens, die Kinder so glücklich zu sehen.

"Krone": Haben Sie auch an andere gedacht?
Schernthaner: Ich habe an das St.-Anna-Kinderspital gespendet und an die CliniClowns. Auch meinen Freunden habe ich ein bisschen Geld gegeben und der Musikkapelle in einer Nachbargemeinde ein Schlagzeug gekauft. Den Katzen, die mich immer besuchen kommen, hab ich ein kleines Hotel im Garten gebaut. Und sie kriegen täglich Milch und Futter.

"Krone": Wer hat sich mit Ihnen gefreut?
Schernthaner: Meine drei, vier Freunde schon. Aber sonst... Die Leute sind von Neid zerfressen.

"Krone": Wie hat sich das bemerkbar gemacht?
Schernthaner: Ich habe einen Pool gebaut. Die Nachbarn haben sich anonym über Staub- und Lärmbelästigung beschwert. Ein Bankbeamter hat heimlich meine Kontostände beim KSV abgefragt. Fünf Monate nach dem Jackpot ist meine Mutter gestorben. Als ich ihre Urne zum Grab getragen hab', hat einer gerufen: Da geht er, der stolze Millionär.

"Krone": Fühlen Sie sich noch wohl in Ihrem Dorf?
Schernthaner: Ehrlich gesagt: Na. Vielleicht sollte ich irgendwo anders hinziehen, an einen See.

"Krone": Macht Geld unglücklich?
Schernthaner: Wenn einem so was widerfährt wie mir, ja. Glücklich hat es mich jedenfalls nicht gemacht. Eher einsam. Ich bin oft mit dem Zug einfach weggefahren, geflüchtet... Nach Salzburg, Passau oder Wien. Nur da, wo mich niemand gekannt hat, habe ich mich wohl gefühlt.

"Krone": Spielen Sie noch immer Lotto?
Schernthaner: Ja, immer wenn ein Jackpot ist, drei Quicktipps. Aber ich werde wohl kein zweites Mal diese Chance kriegen.

"Krone": Was würden Sie machen, wenn?
Schernthaner: Ich würde mir einen großen Safe kaufen und keinen Cent mehr den Banken anvertrauen. Nie mehr.

"Krone": Wie soll es jetzt weitergehen?
Schernthaner: Der Verein für Konsumenteninformation will einen Prozess für mich anstrengen. Ich möchte nur in meinem Haus wohnen bleiben. Aber die Bank will es zwangsversteigern.

"Krone": Können Ihnen Ihre Kinder helfen?
Schernthaner: Sie haben auch alle ihre Verpflichtungen und kommen nur knapp über die Runden. Das will ich auch gar nicht, dass sie mich jetzt unterstützen müssen.

"Krone": Was ist es für ein Gefühl, am Ende des Lebens mit nichts dazustehen?
Schernthaner: Es macht mich schon irgendwie fertig. Wenn alles schief geht, muss ich mit 55 noch einmal von Null anfangen. Ein schiaches Gefühl ist das.

Vom Glückspilz zum Pechvogel
Am 24. Juni 2001 gewinnt Güntherzehn Millionen Schilling im Lotto (noch zwei andere hatten die sechs Richtigen – 4, 23, 27, 31, 38, 41 – getippt). Drei Millionen steckt er in sein Haus (unter anderem in ein Heimkino), fliegt mit den Kindern ins Disneyworld nach Florida und unterstützt Freunde. Sieben Millionen legt er an - davon vier Millionen in einen Schweizer-Franken-Kredit, für den er mit seinem Haus haftet. Heute steht der Oberösterreicher mit 95.000 Euro Schulden da, sein Haus will die Bank demnächst zwangsversteigern.

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