Mi, 17. Jänner 2018

"Krone" in Libyen

16.05.2012 22:00

Austro-Ärzteteam Aug in Aug mit den Wüstenrebellen

Im Arabischen Frühling war die "Hercules" für Hunderte Österreicher die letzte Luftbrücke in die Heimat. Jetzt flog unser Heeres-Transporter ein Ärzteteam samt medizinischem Hilfsgerät ins Krisenland Libyen. "Jetzt, wo das Gesundheitssystem am Boden liegt, gilt es zu helfen, damit die Libyer an ihren Arabischen Frühling glauben", bringt der Chirurg Carlo Hasenöhrl die Motivation des rot-weiß-roten Teams auf den Punkt.

Behäbig setzt die Heeres-Hercules auf dem Flughafen von Tripolis auf. Zerfetzte Scheiben, faustgroße Einschusslöcher in Häuserfronten und donnernde Salven aus der Ferne warnen das österreichische Ärzteteam auf dem Weg in die Stadt: Gadafi ist tot – aber echter Frieden ist im Wüstenstaat noch lange nicht eingekehrt.

Ex-Rebellen als Straßen-Rambos
Das Hotel, in dem die 23 Mediziner absteigen, war noch vor zwei Wochen Angriffsziel: Der Bürgerkrieg ist zu Ende, doch die Rebellen von gestern sind die Straßenkämpfer von heute. "Zehntausende Jugendliche verfügen immer noch über ein Riesenarsenal. Sie zu entwaffnen ist unser zentrales Problem", sagt Mohamed Elharezi, Sprecher der Nationalen Übergangsregierung. Viele Straßen-Rambos wollen ihre Gewehre nicht mehr abgeben. Denn im libyschen Machtvakuum zählt jemand, der eine Kalaschnikow trägt, eben weit mehr.

Chauffeur war live bei Gadafis Exekution dabei
Diesmal konzentriert sich der Ärzte-Einsatz auch auf die Rebellenhochburg Bengasi. Von hier aus fegte der Wind des Wandels über den Wüstenstaat – 33.000 Tote und 70.000 Verletzte waren der bittere Preis für den Freiheitssturm gegen Gadafis Terrorregime. Ein Rebell, der bei der Liquidierung von Gadafi und dessen Sohn Mutassim dabei war, chauffiert eines unserer Autos. Stolz prahlt er mit seinem Handy-Video. Das schaurige Zeitdokument zeigt Mutassim Gadafi am Beifahrersitz: röchelnd – sterbend. Dann bietet der Chauffeur das Todes-Video zum Handel an.

Korruption, Söldner und Schmuggler
Natürlich weiß auch Staatsoberhaupt Mustafa al-Dschalil (drittes Bild links) um die angespannte Situation im Land: Korruption, Alkoholschmuggel und Söldner, die nach Syrien ziehen. Als er erfährt, dass Österreicher hier sind, um seinen Leuten zu helfen, steht er vom Krankenbett auf, um ihnen zu danken.

Doch der Bürgerkrieg hat auch tiefe Wunden in die Seelen der Menschen geschlagen: So behandeln die Österreicher im Spital von Bengasi vorwiegend traumatisierte Kriegsopfer. Im Provinzspital von Garian hingegen gilt es zu operieren. Acht Monate nach Kriegsende leiden hier noch viele an schlecht oder gar nicht verarzteten Verletzungen. "Einem Veteranen habe ich sechs Schrapnell-Splitter aus dem Fuß operiert", erzählt der Wiener Professor Thomas Unden.

Zwischendurch werden auch "aktuelle Schussopfer" eingeliefert. Dr. Roland Frank (zweites Bild) entfernt einem knapp 30-Jährigen eine Kugel aus dem Bein. "Hier geht es medizinhygienisch zu wie bei uns vor 30 Jahren", nennt Christine Ecker (49) vom Arbeitersamariterbund ein Problem beim Namen. So etwa tragen die OP-Schwestern ihren Mundschutz über den Schleier von der Straße. Wie auch immer – die Österreicher, die hier sind, können helfen. Und werden überschwänglich gefeiert. Im libyschen Fernsehen, von Lokalpolitikern, von Angehörigen auf der Straße.

Kalaschnikow-Überfall auf ORF und "Krone"
In Tripolis gerät unser Fahrer dann in einen Hinterhalt: Blitzschnell umstellen 15 Bewaffnete das Auto. Hassblicke, Faustgetrommel auf der Motorhaube und nervöse Finger am Kalaschnikow-Abzug. Erst nachdem der Chauffeur erklärt hat, dass die beiden Journalisten das österreichische Ärzteteam begleiten, senken die Wüstenrebellen ihre Waffen und machen den Weg frei.

Stunden später werden zwei Sicherheitsleute des Premiers bei einem Angriff von derselben Gruppierung getötet. Alltag in Libyen – alle Ärzte sind inzwischen wieder gesund daheim.

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