Mo, 23. April 2018

Am Rand der Panik

16.05.2012 15:34

700 Mio. € an einem Tag: Griechen räumen Konten leer

Die politische Lage in Griechenland stürzt die Bevölkerung nach den Worten von Präsident Karolos Papoulias in tiefe Unruhe, das Land befinde sich derzeit am Rand der Panik: Alleine am Montag seien zumindest 700 Millionen Euro von den Banken des Landes abgehoben worden, erklärte er unter Berufung auf Staatsbankchef Georgios Provopoulos. Nach dem Scheitern der Regierungsbildung dürfte sich die Lage sogar noch zuspitzen: Zwei griechische Banken berichteten am Mittwoch, die Abflüsse am Dienstag hätten in etwa dasselbe Niveau erreicht.

Abflüsse in dieser Höhe binnen zwei Tagen sind ungewöhnlich hoch, hieß es am Mittwoch aus Griechenland. Ein hochrangiger Bankmanager betonte aber, es gebe bisher keine Anzeichen einer Panik wie im April 2010 vor dem ersten Rettungspaket für Griechenland. Nach Notenbank-Daten summierten sich die Bankeinlagen von Firmen und Verbrauchern Ende März auf 165 Milliarden Euro. Das sind 72 Milliarden Euro weniger als im Jänner 2010. Experten zufolge kommen zur Kapitalflucht die Folgen der Wirtschaftsschwäche hinzu, die zahlreiche Griechen zum Aufzehren ihrer Ersparnisse zwingt.

"Angst könnte sich zur Panik entwickeln"
Präsident Papoulias äußerte unterdessen die Sorge, dass es zu einem weiteren Ansturm auf die Bankschalter kommen könnte. Das ging am Mittwoch aus Protokollen der Verhandlungen hervor, die Papoulias zuletzt mit den Parteichefs über eine Regierungsbildung führte. Darin verwies der Präsident auf warnende Äußerungen von Staatsbankchef Provopoulos. "Herr Provopoulos sagte mir, es gebe keine Panik, aber es gebe eine große Angst, die sich zu einer Panik entwickeln könne", wurde Papoulias zitiert. Der Staatsbankchef habe ihm außerdem erklärt, dass die Lage der Banken "sehr schwierig" und das Banksystem "derzeit sehr schwach" sei. Zudem vermute er, dass sich die Lage in den nächsten Tagen noch zuspitzen werde, berichtete Papoulias.

Papoulias wollte damit noch einmal deutlich machen, wie ernst die Lage sei. Allerdings zeigte sich der Chef des Bündnisses der Radikalen Linken (Syriza), Alexis Tsipras, wenig beeindruckt. "Ach was? Sie haben jetzt entdeckt, dass das Geld abfließt. Es sind doch seit Ausbruch dieser Krise 73 Milliarden Euro verloren gegangen", zitierte die griechische Presse den Politiker. Er meinte, die dramatische Beschreibung der Situation werde ihn nicht dazu bewegen, mit den Konservativen und den Sozialisten zu kooperieren.

Banken in höchster Bedrängnis
Seit Monaten ziehen die Griechen bereits ihr Geld von den Banken ab, und die gescheiterten Regierungsverhandlungen am Dienstag (siehe Infobox) haben das Vertrauen der Bürger in die Politik wohl kaum gestärkt. Nun stürmen sie verstärkt die Geldinstitute, da sie im Falle eines Austritts aus der Euro-Zone eine enorme Abwertung des Geldes befürchten.

Für die Banken sind die Abhebungen höchst problematisch. Die griechischen Geldhäuser sollen nach früheren Berichten über einen nationalen Bankenrettungsfonds mit bis zu 50 Milliarden Euro rekapitalisiert oder in Einzelfällen fusioniert und abgewickelt werden. Dabei stammen 25 Milliarden Euro aus Mitteln des Euro-Rettungsfonds EFSF, die auch bereits zur Verfügung stehen. Davon will die Regierung 18 Milliarden Euro laut einem Bericht des staatlichen Fernsehens vom Mittwoch nun auch an die Banken weiterreichen.

Zudem genehmigte die EU-Kommission am Mittwoch 680 Millionen Euro an Hilfen aus Rettungsfonds-Mitteln zur Abwicklung der griechischen "T Bank". Damit soll es der "Hellenischen Postbank" erleichtert werden, die Tätigkeiten der "T Bank" zu übernehmen. Die kleine Bank war 2011 wegen zu geringen Eigenkapitals in Schwierigkeiten geraten.

Horrorszenario Euro-Austritt
Der frühere griechische Ministerpräsident Costas Simitis sprach unterdessen sogar von einer "Katastrophe", sollte Griechenland den Euro-Raum verlassen müssen. Eine Rückkehr zur Drachme würde bedeuten, dass die Banken mindestens drei Monate geschlossen bleiben müssten, um sich auf die Umstellung vorzubereiten – und das wäre Unsinn und würde bestimmt einen Ansturm auslösen, meinte er.

Der Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, Thomas Mirow, warnte ebenfalls vor den Konsequenzen im Falle eines Euro-Austritts Griechenlands. Für das Land wäre die Rückkehr zur Drachme eine "unerhört schwierige, eine dramatische Situation", sagte Mirow. Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker stellte klar: "Es ist unser unerschütterlicher Wille, dass Griechenland in der Euro-Zone bleibt."

Neuwahlen am 17. Juni
Nach dem Scheitern der Verhandlungen über eine längerfristige Expertenregierung beriet der griechische Staatschef Papoulias am Mittwoch über die Bildung einer Übergangsregierung. Diese soll das Land bis zur neuen Parlamentswahl führen, die - wie am Mittwoch bekannt wurde - am 17. Juni stattfinden wird (siehe Infobox).

Papoulias war es zuvor nicht gelungen, die zerstrittenen Parteien im griechischen Parlament zur Bildung einer Koalitionsregierung zu bewegen. Unter den Parteien herrscht erbitterter Streit über die Sparmaßnahmen, die mit Griechenlands internationalen Geldgebern im Gegenzug für Finanzhilfen vereinbart sind.

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