So, 21. Jänner 2018

"Schlampereien"

11.05.2012 08:54

Größte US-Bank versenkt in einem Monat 2 Mrd. Dollar

Die größte US-Bank JPMorgan Chase hat sich kräftig verspekuliert. Das Wall-Street-Institut hat seit Anfang April rund zwei Milliarden Dollar oder umgerechnet 1,5 Milliarden Euro bei riskanten Finanzwetten verloren. Bankchef Jamie Dimon sah sich am späten Donnerstagabend gezwungen, persönlich die Anleger zu informieren, und sprach von "Schlampereien". Die Finanzwelt zeigte sich schockiert.

Die Verluste seien selbst verschuldet, sagte Dimon in einer eilig anberaumten Telefonkonferenz. Er sprach von "ungeheuerlichen Fehlern", Schlampereien und falsche Entscheidungen. Derzeit werde untersucht, wie es genau dazu kommen konnte. "Das ist nicht die Art, wie wir unser Geschäft betreiben wollen", erklärte Dimon.

Die Fehler seien umso peinlicher angesichts der Tatsache, dass sich das Management stets gegen eine strengere Regulierung der Banken im Rahmen der sogenannten Volcker Rule ausgesprochen habe, räumte Dimon ein. "Das lässt uns ziemlich dumm dastehen."

Portfolio für Finanzwetten brachte Verluste ein
Konkret habe es im synthetischen Kreditportfolio im Bereich Chief Investments seit Ende März "signifikante Buchverluste" gegeben. Der Bereich ist nach Angaben von JPMorgan der Arm der Bank, der genutzt wird, um Wetten einzugehen, die Beteiligungen an individuellen Beständen absichern sollen, etwa Kredite an Firmen mit einer schlechten Bewertung bei einer Ratingagentur.

"Wir werden das lösen", versicherte Dimon. Er lehnte es mehrfach ab, die Details der problematischen Finanzwetten offenzulegen. Der Bankchef musste aber einräumen: "Es kann noch schlimmer werden." Denn die Finanzwetten laufen weiter. Die Bank will nicht überhastet aus den Geschäften aussteigen und damit noch größere Verluste riskieren. Für die verantwortliche Sparte der Bank sagte Dimon einen Verlust von 800 Millionen Dollar im laufenden Quartal voraus.

Verzockte Milliarden lösten Finanzkrise aus
Derartige Wetten waren ein Auslöser für die Finanzkrise des Jahres 2008. Neue Finanzmarkt-Vorschriften wie die Volcker Rule in den USA sollten eigentlich verhindern, dass die Banken jemals wieder in ihre Zockermentalität zurückfallen und am Ende der Staat für die Folgen gerade stehen muss.

"Dieser Handel hat nicht die Volcker Rule verletzt, aber das Dimon-Prinzip", sagte der Bankchef. Jamie Dimon ist einer der lautesten Kritiker einer starken Bankenregulierung.

Bestverdienendes Kreditinstitut der USA
Solche Fehlschläge ist man von JPMorgan Chase eigentlich nicht gewohnt. Die New Yorker Bank ist das bestverdienende Kreditinstitut der Vereinigten Staaten und war fast ohne Blessuren durch die Finanzkrise gesteuert. Im ersten Quartal lag der Reingewinn bei 5,4 Milliarden Dollar.

Dementsprechend geschockt reagierten die Börsianer an der Wall Street. Die JPMorgan-Aktie verlor nachbörslich fast 7 Prozent und zog auch andere Bankentitel mit in den Keller. Die Anteilsscheine von Citigroup tendierten im elektronischen Handel gut 2 Prozent schwächer, die von Bank of America gaben 1,7 Prozent nach.

"Strengere Bankenregulierung nötig"
Für Bankenkritiker wie den demokratischen US-Senator Carl Levin war der Milliardenverlust von JPMorgan Chase eine Steilvorlage: Dies sei eine "starke Erinnerung" daran, dass eine strenge Bankenregulierung nötig sei, erklärte Levin noch am Abend. Er hatte eine wichtige Rolle bei der Aufarbeitung der Finanzkrise im US-Kongress gespielt. Es müsse sichergestellt werden, dass der Steuerzahler nicht mehr "für derart risikoreiche Wetten geradestehen muss", forderte Levin.

Bereits vor ein paar Wochen war Kritik an den Spekulationen von JPMorgan Chase hochgekocht. Die Finanz-Nachrichtenagentur Bloomberg und das "Wall Street Journal" hatten berichtet, dass ein Londoner Händler der Bank derart große Geschäfte tätige, dass der ganze Markt davon bewegt würde. Der Händler bekam den Spitznamen "Wal von London" verpasst. Bankchef Dimon hatte damals von einem "Sturm im Wasserglas" gesprochen.

Erinnerungen an UBS-Fall
Der Fall bei JPMorgan weckt böse Erinnerungen an den riesigen Handelsverlust bei der UBS im vergangenen Herbst: Durch verbotene Spekulationsgeschäfte eines Händlers in London gingen rund 2,3 Milliarden Dollar verloren. Der Mann muss sich inzwischen vor Gericht verantworten. Wegen der Affäre trat Oswald Grübel kurzum als Konzernchef zurück und wurde von Sergio Ermotti abgelöst.

Das könnte Sie auch interessieren
Kommentar schreiben

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team

Kommentare
324

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Für den Newsletter anmelden