Mo, 18. Dezember 2017

Prozesstag 8

25.04.2012 14:57

Breivik: "Die Person in dem Gutachten bin nicht ich"

200 Fehler ortet Norwegen-Attentäter Anders Breivik in dem Gutachten, das ihm Unzurechnungsfähigkeit attestiert. "Die in diesem Bericht dargestellte Person gehört zweifellos ins Irrenhaus. Aber das bin nicht ich", sagte der 77-fache Mörder am Mittwoch im Zeugenstand aus. Zuvor hatten Überlebende des Oslo-Attentats ihre Qualen geschildert.

Breivik unterstellt seinen Gutachtern verschiedene mögliche Motive für ihr "Fehlurteil": "Wahrscheinlich sind sie von den Attentaten emotional so betroffen, dass sie keinen klaren Blick mehr haben. Vielleicht sind sie aber auch einfach nur inkompetent oder vom Gericht als Auftraggeber wirtschaftlich abhängig. Möglich ist aber ebenso, dass sie mich deswegen als verrückt darstellen, weil sie an mir Rache nehmen wollen oder weil sie von der Regierung beeinflusst wurden", sagt Breivik am Mittwoch.

Der 33-Jährige ortet in dem Bericht "200 Fehler". Die Gutachter waren unter anderem zu dem Schluss gekommen, dass der Attentäter an paranoider Schizophrenie leide und deswegen schuldunfähig sei. Dagegen wehrt Breivik sich vehement. "Die Psychiatrie wäre schlimmer als der Tod", hatte er in der Vergangenheit immer wieder betont. Er werde das Gutachten anfechten.

"Ich bin ein Business-Narzisst"
Später spricht Staatsanwalt Svein Holden den Attentäter auf den im Gutachten ebenfalls diagnostizierten Narzissmus an. "Das trifft zu, ich bin ein Narzisst", gibt Breivik unumwunden zu, schränkt dann jedoch gleich wieder ein: "Aber nicht in besonders hohem Grad. Eher so wie wie die meisten erfolgreichen Menschen in Norwegen. Ich würde es am ehesten als Business-Narzissmus bezeichnen."

Auch zu seinen Gefühlen kurz vor der Tat spricht Breivik. "Ich habe gewusst: Wenn ich Utöya überlebe, dann wird jeder Tag danach für mich zur Hölle." "Und?", fragt Holden nach, "trat Ihre Befürchtung ein?" "Nein, das kann man eigentlich nicht sagen. Ich spüre nur täglich, dass ich eine große Verantwortung für meine Taten zu tragen habe. Und manchmal ist es in der Haft auch etwas einsam. Ich bin eigentlich ein sehr geselliger Mensch."

Staatsanwalt lässt Breivik auflaufen
Bei einem Wortwechsel lässt Holden den Attentäter dann nach allen Regeln der Kunst auflaufen - und Breivik somit einmal mehr wie ein kleines, trotziges Kind erscheinen. Es geht um eine Nachkriegs-Verschwörungstheorie, die Breivik geäußert hatte. Holden erklärt Breivik, dass "zahlreiche Historiker" seine These als Blödsinn abgetan hätten. "Wie viele waren es genau?", fragt Breivik. Holden entgegnet: "Ich stelle hier die Fragen, nicht Sie!" Breivik wird wütend: "Aber wenn Sie behaupten, dass ich lüge, dann müssen Sie mir auch sagen, wie viele Historiker das behaupten!" "Nein, muss ich nicht", sagt Holden und fährt mit der Befragung fort.

Überlebende schildern ihre Leiden
Bereits am Vormittag hatten mehrere Personen ausgesagt, die das Bomben-Attentat von Oslo schwer verletzt überlebt hatten. Sie berichteten von immer noch schmerzenden Wunden, Schreckhaftigkeit und Alpträumen, die sie nach wie vor begleiten. Einer der Betroffenen hat immerhin die Rückkehr in ein einigermaßen normales Leben geschafft: "Ich habe einfach den Fokus geändert. Ich bin nicht mehr wegen meiner Verletzungen und der Folgeschäden wütend, sondern ich freue mich, dass ich überlebt habe."

Breivik verfolgt Schreckensberichte wie ein Unbeteiligter
Breivik folgte den Ausführungen überwiegend unbeteiligt, zeigte keinerlei emotionale Regungen. Erst als ihn der Staatsanwalt auf die Aussagen anspricht, fühlt er sich dazu bemüßigt zu reden: "Natürlich sind diese Berichte hart, aber für andere ist das sicherlich viel schwieriger zu ertragen als für mich", sagt der 33-Jährige.

Und dann schwenkt er wieder auf seine Propaganda-Schiene ein. Die Taten seien notwendig gewesen, seine Gewalt nur die letzte Lösung. Er habe die Leute wachrütteln wollen, denn "es gibt mehr im Leben, als nur Sushi zu essen und einen Flachbild-Fernseher zu besitzen".

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