Sa, 16. Dezember 2017

"Ein Zeichen setzen"

19.04.2012 09:15

Wien: Dr.-Karl-Lueger-Ring wird "Universitätsring"

Nach jahrelangen Debatten ist es nun fix: Der Dr.-Karl-Lueger-Ring in Wien wird umbenannt. Der betreffende Abschnitt der Ringstraße wird künftig "Universitätsring" heißen. Wirksam werde die Namensänderung mit dem Beschluss im zuständigen Gemeinderatsausschuss, der noch vor dem Sommer erfolgen soll, sagte Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ). Die Stadt wolle damit ein "Zeichen für ein differenziertes Lueger-Bild" setzen.

Er komme damit nicht zuletzt dem - in der Vergangenheit wiederholt bekräftigten - Wunsch der Uni Wien nach einer Änderung der Adressbezeichnung nach, betonte der Ressortchef.

Lueger (1844 - 1910) sei ein "kommunaler Erneuerer" gewesen, da der frühere Wiener Bürgermeister kommunale Dienstleistungen wie die Wasser- und Energieversorgung oder das Straßenbahnnetz von Grund auf neu organisiert hatte. Andererseits gelte Lueger auch als "Begründer des modernen Antisemitismus", so Mailath-Pokorny. Außerdem gebe es Belege für die Wissenschaftsfeindlichkeit des ehemaligen Stadtoberhaupts, wonach er etwa Universitäten als "Brutstätten der Religions- und Vaterlandslosigkeit" verunglimpft habe.

Von der Umbenennung betroffen ist der Ring-Abschnitt zwischen Schottengasse und Stadiongasse. Während die Adressänderung mit dem - noch vor dem Sommer anvisierten - Beschluss im Ausschuss rein formal erledigt ist, wird der tatsächliche Austausch der Straßenschilder noch etwas dauern. Mailath-Pokorny rechnet damit, dass rund um den Beginn des Wintersemesters - also gegen Anfang Oktober - die erste neue Bezeichnungstafel feierlich enthüllt werden kann.

"Nicht so tun, als ob es keine dunklen Seiten gegeben hätte"
Die Namensänderung sei laut Mailath-Pokorny aber eine Ausnahme: "Ich habe grundsätzlich nicht vor, Umbenennungen in der Stadt vorzunehmen." Namensgebungen spiegelten immer auch die Geschichte einer Stadt wider - und "man soll nicht so tun, als ob es keine dunklen Seiten gegeben hätte".

Im Fall der umstrittenen historischen Figur Karl Lueger könne man aber insofern eine Ausnahme machen, da der Politiker im Stadtleben auf vielfältige Weise gewürdigt werde. So wird etwa durch zwei Denkmäler im öffentlichen Raum - eines davon steht am ebenfalls nach dem früheren Bürgermeister benannten Dr.-Karl-Lueger-Platz - oder drei Gedenktafeln an den Kommunalpolitiker erinnert. Außerdem gibt es die Dr.-Karl-Lueger-Gedächtniskirche am Zentralfriedhof und nicht zuletzt eine nach Lueger benannte Eiche im Rathauspark.

Ungeachtet der fixierten Neubenennung des Ring-Abschnitts läuft derzeit eine Prüfung aller Wiener Straßen und Plätze, die nach Persönlichkeiten benannt und möglicherweise historisch belastet sind. Ein Ergebnis der seitens der Stadt eingesetzten Kommission soll laut Mailath-Pokorny noch im Frühjahr vorliegen. Dann werde man sich wohl jeden Fall einzeln anschauen.

Universität freut sich über Neutaufe
Freuen dürfte sich jedenfalls die Uni Wien, die in den vergangenen Jahren wiederholt auf eine Umbenennung ihrer Adresse gedrängt und zuletzt im Mai des Vorjahres für den Namen "Universitätsring" plädiert hatte. Als Wunschdatum nannte das Rektorat damals das Jahr 2015, in dem die Alma Mater ihr 650-Jahr-Jubiläum feiert. Bekannte Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft wie Ruth Klüger, Robert Schindel, Eric Kandel oder Isolde Charim hatten sich ebenfalls für eine andere Bezeichnung des Lueger-Rings ausgesprochen.

Auch die Grünen hatten wiederholt eine Umbenennung gefordert. "Nun wurde unserer jahrelangen Forderung nachgegeben", freute sich der grüne Kultursprecher Klaus Werner-Lobo. Der nun fixierte Schritt sei als Erfolg seiner Partei, aber auch der Uni und "jener Gruppen, die vom Antisemitismus betroffen waren", zu werten. Der Straßenname sei zuletzt "im Ausland nicht mehr darzustellen gewesen": "Es war immens peinlich, dass das (die Bezeichnungsänderung, Anm.) bis zuletzt verhindert wurde."

Teils scharfe Kritik hagelte es hingegen von der Rathaus-Opposition. Die FPÖ zeigte sich erbost über "linken Gesinnungsterror" und die von Rot-Grün betriebene "politische Umerziehung". "Einem ausländischen Massenmörder wie Che Guevara bauen die Sozialisten in Wien ein Denkmal, aber ein herausragender Wiener Bürgermeister wird aus einem Straßennamen gedrängt", echauffierte sich Parteichef Heinz-Christian Strache. Die ÖVP plädierte zwar für ein "differenziertes" Lueger-Bild, sprach jedoch von "unglaublicher Arroganz" angesichts dessen, dass man in die Gespräche nicht eingebunden worden sei.

Für die am Straßenabschnitt ansässigen Institutionen bzw. vor allem für die Büros - betroffen sind insgesamt acht Hausnummern - würden nur geringe Kosten entstehen, versicherte Mailath-Pokorny. Es habe bereits durchaus positive Gespräche gegeben. Außerdem sei mit der Post vereinbart, dass die alten und neuen Adressen parallel ein Jahr lang ab Wirksamwerdung der Umbenennung gültig seien.

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