Sa, 16. Dezember 2017

Neuer Skandal

18.04.2012 16:24

US-Truppen nutzten Leichenteile als Foto-"Requisiten"

US-Soldaten haben nach Angaben der "Los Angeles Times" mit Körperteilen toter Selbstmordattentäter in Afghanistan posiert. Damit erschüttert bereits der vierte Skandal seit Jahresbeginn die amerikanischen Truppen am Hindukusch. Die Zeitung veröffentlichte am Mittwoch Bilder, die Männer in Uniform u.a. mit blutigen abgetrennten Beinen zeigen. Die Fotos sollen aus dem Jahr 2010 stammen. Das Pentagon hat nach eigenen Angaben eine Untersuchung eingeleitet.

Die grausigen Bilder sollen 2010 während eines einjährigen Einsatzes der 4. Brigade der 82. Luftlandedivision in Afghanistan entstanden sein. US-Fallschirmjäger hatten damals den Auftrag, die sterblichen Überreste aufständischer Selbstmordattentäter zu identifizieren, berichtete die US-Zeitung. Doch statt einfach ihre Mission zu erfüllen, sollen die Soldaten dann mit den Leichen posiert haben.

Lächelnd mit Leichenteilen posiert
Zu sehen sind in der Online-Ausgabe der "Los Angeles Times" zwei von insgesamt 18 Fotos. Auf einer der Aufnahmen ist ein lächelnder junger US-Soldat zu sehen, hinter dem ein toter Aufständischer mit geöffneten Augen liegt, den ein zweiter Soldat zu halten scheint. Ein weiteres Foto zeigt mehrere Fallschirmjäger mit den abgerissenen Beinen des toten Aufständischen in der Hand.

Auf weiteren - nicht veröffentlichten - Aufnahmen seien grinsende Soldaten zu sehen, die eine Hand eines Toten, deren Mittelfinger ausgestreckt sei, halten. Auf einem anderen Foto sei neben einer Leiche ein inoffizielles Truppenabzeichen mit der Aufschrift "Zombie Hunter" platziert worden, so die grausige Schilderung der Zeitung.

"Verfall der Führung und Disziplin"
Die Bilderserie sei der "LA Times" eigenen Angaben zufolge von einem Soldaten, der anonym bleiben wolle, zugespielt worden. Die US-Armee habe die Zeitung darum gebeten, die Fotos nicht zu veröffentlichen. Man habe sich aber nach vorsichtiger Abwägung dazu entschieden, eine kleine Auswahl zu veröffentlichen, um unabhängig und unparteiisch über "alle Aspekte der amerikanischen Mission in Afghanistan" zu berichten, erklärte der "Times"-Herausgeber.

Der Soldat habe der Zeitung zufolge in Afghanistan in der betroffenen Brigade der 82. Luftlandedivision gedient. Nach Angaben dieses Soldaten zeugten die Fotos von einem "Verfall der Führung und Disziplin", der die Sicherheit der Truppen gefährden könne. Durch die Veröffentlichung der Fotos hoffe er, dazu beitragen zu können, dass sich solche Vorfälle in Zukunft nicht wiederholen.

Die rund 3.500 Mann starke 4. Brigade habe 2010 bei ihrem Einsatz in Afghanistan insgesamt 35 Männer verloren, mindestens 23 durch selbst gebastelte Bomben oder Selbstmordattentäter, ergänzte die "LA Times" zum möglichen Hintergrund für den Vorfall. Der anonyme Informant und zwei weitere Soldaten hätten demnach in der Vergangenheit über mangelnde Sicherheitsvorkehrungen an zwei US-Stützpunkten geklagt.

Panetta: "Inhumane Handlungen"
Verteidigungsminister Leon Panetta verurteilte das auf den Fotos zu sehende Verhalten. "Diese Bilder spiegeln in keiner Weise die Werte oder den Professionalismus der breiten Mehrheit der US-Truppen wider, die heute in Afghanistan dienen", so Panetta. Die Verantwortlichen für diese "inhumanen" Handlungen würden zur Rechenschaft gezogen, hieß es in einer Mitteilung des Pentagons weiter.

Auch der Kommandant der ISAF, US-General John Allen, verurteilte "die auf den Fotos abgebildeten Handlungen" aufs Schärfste. "Die Handlungen der fotografierten Personen vertreten nicht die Politik der ISAF oder der US-Armee." Die ISAF habe strenge Vorgaben, wonach mit den sterblichen Überresten von Feinden "so menschenwürdig wie möglich" umgegangen werden müsse. Und der US-Botschafter in Kabul, Ryan Crocker, teilte mit, solche Taten "entehren die Opferbereitschaft von Hunderttausenden US-Soldaten und Zivilisten", die in Afghanistan gedient hätten.

Vierter Skandal binnen vier Monaten
Der Vorfall kommt zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Die US-Armee in Afghanistan wurde seit Jahresbeginn von einer ganzen Reihe an Skandalen erschüttert: Im Jänner tauchte ein Video auf, auf dem amerikanische Soldaten auf tote Taliban-Kämpfer urinierten. Im Februar wurden auf einer US-Basis Koranexemplare verbrannt. Und ein US-Unteroffizier wurde jüngst angeklagt, bei einem Massaker im März 17 afghanische Zivilisten ermordet zu haben (Berichte zu den Skandalen in der Infobox). In Afghanistan wird nun neuerliche Empörung befürchtet.

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