Sa, 16. Dezember 2017

Seit knapp 29 Jahren

16.04.2012 10:49

Fall um vermisstes Mädchen verfolgt den Vatikan

Knapp 29 Jahre nach dem spurlosen Verschwinden der Tochter eines Vatikan-Angestellten ist nun wieder Bewegung in den mysteriösen Fall gekommen. In einer ungewöhnlich langen Stellungnahme bekräftigte der Kirchenstaat kürzlich seine Bereitschaft, bei der Aufklärung mit den Ermittlern zusammenzuarbeiten. Es gebe nichts zu verbergen, betonte Vatikansprecher Federico Lombardi. Der Fall sorgt seit jeher für wilde Gerüchte und Rätselraten.

Der Vatikan reagierte mit seiner jüngsten Stellungnahme auf Medienberichte, in denen dem Heiligen Stuhl kürzlich vorgehalten worden war, nicht genug getan zu haben, um das Schicksal von Emanuela Orlandi zu klären. Die damals 15-Jährige soll am 22. Juni 1983 entführt und dann ermordet worden sein.

Zusammen mit Mafia-Boss bestattet?
Ihr Bruder Pietro hat die Hoffnung niemals aufgegeben: "Ich bin optimistisch und zuversichtlich, dass wir der Aufklärung einen Schritt näherkommen", sagte er - zumal der Vatikan sich auch bereit erklärt hat, notfalls das Grab des 1990 erschossenen Mafia-Bosses Enrico De Pedis (Bild 2) zu öffnen. Dieser wird immer wieder im Zusammenhang mit dem Fall genannt. Es gibt Gerüchte, das Mädchen sei mit ihm zusammen beigesetzt worden.

Bereits 2008 hatte De Pedis' ehemalige Freundin ausgesagt, die Drahtzieher der Entführung säßen im Vatikan. Sie nannte damals den früheren Leiter der Vatikanbank, Erzbischof Paul Marcinkus, der 2006 gestorben war. Der Vatikan wies die Anschuldigungen als "infam und unbegründet" zurück.

Zur Erpressung der Vatikanbank entführt?
Im vergangenen Jahr behauptete dann Antonio Mancini - ein früheres Mitglied von De Pedis' Magliana-Bande - Emanuela sei gekidnappt worden. Die Vatikanbank sollte nach seinen Worten so gezwungen werden, Geld zurückzugeben, das der Mafiaboss und seine Komplizen bei ihr investiert hätten. De Pedis habe das Geld aber schließlich abgeschrieben.

Aus Dankbarkeit darüber, so Mancini weiter, habe der Vatikan die Bestattung des Mafiabosses in der Basilika Sant' Apollinare (Bild 3) in Rom erlaubt - obwohl dies über Jahrhunderte nur Kardinälen und anderen hohen Kirchenmännern vorbehalten gewesen war.

Zusammenhang mit Papst-Attentat?
Lange Zeit war auch gemutmaßt worden, die Entführung habe im Zusammenhang mit dem Attentat auf Papst Johannes Paul II. zwei Jahre zuvor gestanden. Anonyme Anrufer hatten seinerzeit - angeblich im Namen der rechtsextremen türkischen "Grauen Wölfe" - im Austausch für das Mädchen die Freilassung des Papst-Attentäters Ali Agca gefordert. Doch Ermittlungen in diese Richtung landeten in einer Sackgasse. Auch Aufrufe des Papstes, die 15-Jährige freizulassen, fruchteten nicht.

Vor einigen Wochen hatte Emanuelas Bruder Pietro an einer Demonstration vor der Basilika Sant' Apollinare teilgenommen, um die Öffnung des Grabes zu fordern. Er sei zwar nicht gänzlich überzeugt, dort wirklich seine Schwester zu finden, aber er beharre darauf, nichts unversucht zu lassen. Deshalb machten ihm die aktuellen Worte von Vatinkansprecher Lombardi Mut. "Aus der Sicht der Kirche gibt es kein Hindernis, das Grab zu untersuchen und die Überreste (von De Pedis) anderswo beizusetzen", sagte dieser.

Vatikan: "Keinerlei Beweise"
Lombardi machte aber auch deutlich, dass es keinerlei Beweise für den Vorwurf gebe, der Vatikan halte Informationen zu dem Fall zurück. Zuweilen entstehe der Eindruck, diese Anschuldigungen müssten angesichts des Unbehagens und der Frustration, die Wahrheit nicht herausfinden zu können, als Alibi herhalten.

Daran war auch Emanuelas Vater zugrunde gegangen. Ercole Orlandi, ein Hofdiener von Papst Johannes Paul II., starb 2004 an einem Herzleiden. Sein Anwalt erklärte damals: "Er ist in der Hoffnung gestorben, dass seine Tochter noch am Leben ist."

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