Mo, 11. Dezember 2017

Sarajevo gedenkt

06.04.2012 22:47

Vor 20 Jahren begann der blutige Bosnien-Krieg

In Sarajevo ist am Karfreitag mit einem Konzert an den Beginn des Bosnien-Kriegs (1992 bis 1995) vor 20 Jahren erinnert worden. Genau 11.541 Stühle blieben dabei leer, um der Toten der 44-monatigen Belagerung der Stadt zu gedenken. Der 6. April 1992, mit dem auch die Belagerung Sarajevos begann, stürzte das Land in einen dreieinhalb Jahre langen blutigen Krieg: Rund 100.000 Menschen wurden getötet, mehr als 2,2 Millionen Menschen mussten fliehen.

Die Belagerung durch bosnisch-serbische Truppen war die längste Belagerung einer Stadt in der modernen Geschichte. Die 11.541 roten Sessel waren in der Tito-Straße, einer der Hauptstraßen, in 825 Reihen angeordnet. Ihre Gesamtlänge belief sich auf 800 Meter und reichte von dem "Ewigen Feuer", einem Denkmal zu Ehren der Kriegsopfer im Zweiten Weltkrieg, bis hin zur Ali-Pascha-Moschee. "Die Sessel erinnern an jene Menschen, welchen wir vor dem Krieg täglich begegneten", erläuterte Danijel Zontar, der Kunstdirektor des Erinnerungskonzerts.

"Müssen Erinnerung wahren"
"Wir müssen die Erinnerung an diese Menschen wahren, damit so etwas nie mehr und schon gar nicht in Europa vorkommt", war auch Bürgermeister Alija Behmen überzeugt. In etlichen Schaufenstern wurden anlässlich des Jahrestages Plakate ausgestellt, die an die Kulturereignisse aus der Zeit der Stadtbelagerung erinnern. Denn auch unter der Beschießung war Sarajevo nach Kräften bemüht, das Kulturleben aufrechtzuerhalten.

Die Besatzung Sarajevos begann eigentlich schon am 5. April 1992, als von serbischen Truppen zuerst der städtische Flughafen im Stadtviertel Ilidza besetzt wurde. Daraufhin wurden auf Bergen um die bosnische Hauptstadt schätzungsweise rund 120 Mörser und 250 Panzer der bosnisch-serbischen Truppen aufgestellt. Sie stammten von den einstigen jugoslawischen Streitkräften (JNA, Jugoslawische Volksarmee).

3.777 Granaten an einem Tag
Die meisten der 11.541 Todesopfer kamen durch Mörsergranaten und Scharfschützenschüsse ums Leben. Aufschriften "Vorsicht, Sniper!" gehörten in den Kriegsjahren zum Stadtbild. Auf die Stadt wurden im Schnitt pro Tag 329 Granaten abgeschossen. Den traurigen Rekord erlebte Sarajevo am 22. Juli 1993, als 3.777 Granaten abgefeuert wurden. Bei dem anhaltenden Beschuss wurden mehr als 50.000 Personen verletzt, an die 35.000 Häuser wurden zerstört, darunter auch Krankenhäuser, staatliche Einrichtungen und Kulturdenkmäler.

Der verlustreichste Granateinschlag ereignete sich am 5. Februar 1994. Eine Mörsergranate schlug in den überfüllten Markale-Marktplatz ein und tötete 68 Menschen, 144 wurden verletzt. Eineinhalb Jahre später, am 28. August 1995, schlugen fünf Mörsergranaten in denselben Markt ein und töteten 37 Menschen, 90 weitere wurden verletzt.

In einer Warteschlange für die Brotverteilung in der zentral gelegenen Vase-Miskina-Straße kamen gleich zu Kriegsbeginn - am 27. Mai 1992 - 22 Menschen ums Leben, rund 60 weitere wurden schwer verletzt. Von bosnischen Serben wurde die Verantwortung für die schwersten Mörserangriffe immer wieder bestritten und bosniakischen Truppen zugeschrieben.

800 Meter langen Tunnel gebaut
Die Stadt ließ sich nicht kleinkriegen. Mitte 1993 wurde ein 800 Meter langer Tunnel fertiggestellt, der Menschen ermöglichte, das belagerte Sarajevo zu verlassen. Er diente auch zur Versorgung der Stadt. Das Haus der Familie Kolar im Stadtviertel Butmir, wo sich der Eingang in den Tunnel befand, wurde nach Kriegsende samt einer kleinen Tunnelstrecke in ein Museum verwandelt. Im Kellerraum sind Gegenstände aus der Tunnelzeit zu sehen.

Die Belagerung Sarajevos wurde offiziell Ende Februar 1996 beendet. Auf der Basis des Dayton-Befriedungsabkommens besteht die ehemalige jugoslawische Teilrepublik Bosnien-Herzegowina seither aus zwei weitgehend eigenständigen Entitäten - der Bosniakisch-Kroatischen Föderation und der Serbischen Republik. Als quasi unter internationaler Vormundschaft stehendes Staatsgebilde ist Bosnien-Herzegowina institutionell gelähmt. Das gegenseitige Misstrauen der drei Bevölkerungsgruppen und eine überbordende Bürokratie haben zu Unregierbarkeit und wirtschaftlicher Dauerkrise geführt.

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