Do, 14. Dezember 2017

In Schutz genommen

05.04.2012 11:12

Historiker Segev zu Grass-Gedicht: "Er ist kein Antisemit"

Nach seiner scharfen Kritik an Israels Atompolitik geht die Debatte um Literaturnobelpreisträger Günter Grass und seine Äußerungen weiter. Dabei stößt der 84-Jährige vorwiegend auf heftigen Protest, vereinzelt aber auch auf Zustimmung. So meinte der israelische Historiker Tom Segev gegenüber einem deutschen Radiosender: "Er ist kein Antisemit, er ist nicht anti-israelisch."

Segev, der 2010 eine Biografie über den österreichischen "Nazi-Jäger" Simon Wiesenthal vorgelegt hatte, gilt als "Neuer Historiker", der sich kritisch mit der Geschichte Israels und des Zionismus auseinandersetzt.

In der israelischen Zeitung "Haaretz" schrieb Segev, das Gedicht sei "eher pathetisch als antisemitisch", übte dabei aber auch Kritik an Grass. Es sei "ungerecht", Israel und den Iran zu vergleichen. Im Gegensatz zum Iran habe Israel niemals damit gedroht, ein anderes Land von der Landkarte verschwinden zu lassen, schrieb er im Hinblick auf Drohungen des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad.

"Man muss ein klares Wort sagen dürfen"
Auch der Präsident der deutschen Akademie der Künste, Klaus Staeck, nahm den Literaturnobelpreisträger gegen die Kritik in Schutz. "Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden", sagte er in der "Mitteldeutschen Zeitung". "Die reflexhaften Verurteilungen als Antisemit finde ich nicht angemessen." Grass habe "das Recht auf Meinungsfreiheit auf seiner Seite" und nur "seiner Sorge Ausdruck verliehen". Diese Sorge teile er "mit einer ganzen Menge Menschen".

Scharfe Kritik setzte es dagegen von anderer Seite. Der Text wäre in der rechtsradikalen "National-Zeitung" "gut platziert" gewesen, empörte sich etwa der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn im Interview mit "Spiegel Online". In dem Gedicht stehe "so ziemlich jedes antisemitische Klischee, das man aus der rechtsextremen Ecke kennt".

"Was gesagt werden muss" veröffentlicht
Grass hatte am Mittwoch unter anderem in der "Süddeutschen Zeitung" das Gedicht "Was gesagt werden muss" veröffentlicht (siehe Infobox). Darin heißt es: "Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden." Sich selbst bezichtigte der Autor, zu lange dazu geschwiegen zu haben, und fuhr fort: "Ich schweige nicht mehr."

Politiker, jüdische Organisationen und Intellektuelle warfen Grass vor, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Nicht Israel, sondern das iranische Mullah-Regime bedrohe den Weltfrieden. Der Zentralrat der Juden in Deutschland nannte den Text "ein aggressives Pamphlet der Agitation". Der Publizist Ralph Giordano nannte es einen "Anschlag auf Israels Existenz".

2006 seine SS-Vergangenheit gestanden
Grass hatte sich 2006 dazu bekannt, dass er als 17-Jähriger am Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS war. Kritiker warfen ihm vor, seine SS-Zugehörigkeit jahrzehntelang verschwiegen zu haben, während er andere wegen ihrer NS-Vergangenheit öffentlich kritisierte. Manch einer sprach ihm die moralische Integrität ab.

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