So, 20. Mai 2018

"Krone"-Interview

20.03.2012 17:00

Stronach kämpft für Wandel: "Schulden sind wie Krebs"

Frank Stronach auf Uni-Tour durch Österreich - er will die Studenten zu einer "geistigen Revolution" anstacheln. Im Interview mit Conny Bischofberger gibt der 79-Jährige Einblick in den politischen Masterplan und seine Managerseele.

Im Restaurant "Fontana" steht das Servier- und Küchenpersonal habt Acht. Frank Stronach himself hat sich zum Lunch in der Magna-Europa-Zentrale angemeldet. Es gibt Fisch aus dem Neusiedler See, den liebt Stronach, dazu steirischen Weißwein und für den Erdäpfelsalat als Vorspeise sehr viel Kernöl. "Was der Bauer kennt, das isst er", lacht der gebürtige Steirer.

Was machen die schwarzen Oliven da? "Das ist unser Beitrag zur Griechenland-Förderung." Es klingt wie eine letzte Mahnung. Die Milliardenhilfen sind ihm schon lange ein Dorn im Auge. So könne das alles nicht mehr weitergehen, seufzt er, während er systematisch den Zander auf Bärlauchrisotto zerteilt. Deshalb will Stronach der Jugend Ideen geben und auch viel Geld, sie zu einer "geistigen Revolution", einer "Total-Reform" anstacheln; diese Woche an den Unis von Innsbruck, Wien und Graz.

"Krone": Herr Stronach, Sie sind bald 80, haben schon viel erreicht im Leben, warum tun Sie sich jetzt noch dieses Megaprojekt an?
Frank Stronach: Weil der Tag kommen wird, an dem mich meine Urenkel - drei Enkel habe ich ja schon - fragen werden: Was hast du getan, um diese Welt besser zu machen? Darauf kann ich ihnen sagen: Ich habe Geld reingetan und auch meine Zeit. Was ich da mache, ist schon in gewisser Weise eine Gewissensberuhigung.

"Krone": Ihr Aufruf an die Studenten, politisch aktiv zu werden, liegt ein halbes Jahr zurück. Wann kommt jetzt die neue Partei?
Stronach:
Ich habe sie nicht aufgefordert, eine politische Bewegung zu gründen, ich habe versucht, sie zu provozieren! Die ältere Generation vererbt den Jungen und auch ihren Nachkommen große Schulden. Schulden sind wie Krebs. Du wirst sie nicht mehr los. Mit den derzeitigen aufgeblasenen Strukturen kann man sie unmöglich zurückzahlen. Es braucht eine geistige Revolution. Wir stehen damit aber erst am Anfang.

"Krone": Wo sind diese Revolutionäre? Die müssten doch bei Ihnen Schlange stehen?
Stronach: Wir haben Hunderte Mails gesichtet. 80 Prozent der Leute wollen einfach nur mitmachen. 20 Prozent haben eigene Ideen. Wir haben eine Plattform gegründet, wo wir die Kräfte bündeln. Auf der Website, die diese Woche online geht, veröffentlichen wir die Grundprinzipien. Einige Techniker haben Input gegeben, wie direkte Demokratie online umgesetzt werden kann. Die neuen Medien bieten da ganz neue Zugänge. Aber es wird alles noch längere Zeit dauern.

"Krone": Ist das für Sie als Geldgeber nicht sehr frustrierend?
Stronach: Unsere Jugend ist sehr verwöhnt, sehr verhätschelt, sie ist sozusagen mit der Staatsmilch aufgezogen worden, nie durch schwere Zeiten gegangen, sie kennt Gott sei Dank keinen Krieg. Der Lebensstandard ist derzeit noch hoch. Sie glaubt, dass der Staat schon auf sie schauen wird. Aber da täuschen sie sich. Was das Geld betrifft: Das bekommen nicht die Studenten.

"Krone": Sondern?
Stronach: Die Unis: Graz 200.000 Euro, die TU und die WU Wien jeweils 200.000, Innsbruck 150.000 Euro und Linz wahrscheinlich auch. Und ich mache dort meine Vorträge.

"Krone": Läuft Ihnen nicht die Zeit davon?
Stronach: Das wird sich innerhalb des nächsten halben Jahres herauskristallisieren, in der Zwischenzeit werden die Probleme zunehmen, die Arbeitslosigkeit wird steigen, die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer. Das wird für eine Mobilisierung sorgen. Die Jugend wird einsehen, dass sie ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen muss.

"Krone": Muss es erst schlimmer werden?
Stronach: Ich hoffe nicht. Denn sonst geht es uns wie Griechenland. Die werden 50 oder 100 Jahre brauchen, bis sie sich erholen können.

"Krone": Aber es läuft auf eine neue Partei hinaus?
Stronach: Das kann durchaus sein. Die jetzige Regierung fährt uns ja komplett gegen die Wand. In der Privatwirtschaft würde man dieses Management austauschen. All die Machtblöcke hätten dann nichts mehr zu sagen. Es läuft also auf drastische Veränderungen hinaus. Auf einen Schuldenstopp, auf Verwaltungsreduzierung. Nicht mit der Motorsäge. Demokratisch und zivilisiert. Wir brauchen auch einfachere Steuergesetze.

"Krone": Jeder wird das unterschreiben, was Sie sagen. Aber wer macht es, wer sind Ihre Mitstreiter?
Stronach: Hier neben mir sitzt zum Beispiel eine (stellt uns seine Assistentin Kathrin Nachbaur vor, die am iPhone die nächsten Termine checkt). Ich kann nur Anstöße geben. Agieren müssen die Jungen.

"Krone": Sie bauen ja auch Elektroautos, züchten Biorinder in Florida, planen gerade ein High-Tech-Diagnosezentrum in Graz: Wo setzen Sie Ihre Prioritäten?
Stronach: Im Moment steht das Stronach Institut für sozialökonomische Gerechtigkeit ganz oben auf der Liste. Obwohl: Österreich ist ein kompliziertes Land, nicht wahr? Die Leute sind ja sehr nett, aber sie sind Gefangene eines Systems. Ich versuche halt, diese Ketten ...

"Krone": ... zu sprengen?
Stronach: Konstruktiv zu lösen.

"Krone": Wie begegnen Ihnen diese netten Menschen? So wie dem lang ersehnten reichen Onkel aus Amerika?
Stronach: Ich glaube, sie sehen mich immer noch als einer von ihnen. Ich hab' ja meinen Charakter nichtverändert. Ich kann mich noch immer mit einem Stallburschen abgeben oder einem Bauern die Hand schütteln. Natürlich, man wird gescheiter und weiser.

"Krone": Das kanadische Magazin "McLeans" hat einmal über Sie geschrieben: Man weiß nicht, ob er ein Genie ist oder doch ein Wahnsinniger. Wie sehen Sie das?
Stronach: Ein Wahnsinniger bin ich nicht, da bin ich ganz sicher. Das Genie ist relativ, vielleicht bin ich relativ genial.

"Krone": Sie haben ein Imperium mit einem Jahresumsatz von 28 Milliarden Dollar praktisch aus dem Nichts aufgebaut. Was ist das Geheimnis Ihres Erfolges?
Stronach: Das Leben war immer gut zu mir. Ich bin sehr gesund und mit sehr viel Hausverstand geboren. Aber ich habe auch immer versucht, Gutes zu tun. Erfolg kann immer nur daran gemessen werden, wie glücklich man ist.

"Krone": Und das Geld kommt dann von selber?
Stronach: Das Geld kommt dann, wenn man etwas gerne macht, wenn man Phantasie hat, wenn man weiter und höher denkt. Wer mit den Adlern kreisen will, darf nicht mit den Hühnern picken. Deshalb sage ich meinen Studenten immer: Ihr müsst den Ehrgeiz haben, zu den Besten zu zählen. Geld ist immer ein Nebenprodukt davon.

"Krone": Wann war bei Ihnen dieser Moment, wo Sie wussten, dass Sie nicht zu den Hühnern gehören?
Stronach: Das war, wo ich schon ein paar Millionen auf der Bank gehabt habe (lacht). Im Nachhinein sagt sich das auch leichter. Ich war aber immer schon sehr selbstsicher.

"Krone": Ein Beispiel?
Stronach: Als junger Bursch bin ich in die feinsten Restaurants hineinmarschiert und hab einen Tisch verlangt. Die waren natürlich völlig ausgebucht. Darauf ich: "Habt's einen Tisch für den Bundeskanzler? Ja? Dann gebt's mir den, der kommt heute nicht."

"Krone": Welches Bild taucht vor Ihren Augen auf, wenn Sie an das erste selbstverdiente Geld denken?
Stronach: Da liege ich auf der Kühlerhaube meines schwarzen Pontiac mit den roten Ledersitzen und betrachte unser kleines Haus in der Elinsiedlung in Kleinsemmering. Das war, als ich das erste Mal heimgekehrt bin aus Kanada, um meine Mutter in der Steiermark zu besuchen. Ohne Voranmeldung. Ich hab an die Fensterläden geklopft und gerufen: "Mama, i bin's!" Sie hat immer Franzi zu mir gesagt.

"Krone": Wie klingt Ihr Taufname Franz Strohsaab' ja als als Tellerwäscher in einem Spital in der Nähe von Toronto angefangen. Da konnte keiner Strohsack aussprechen. Oder Franz. Ich hätte lieber Bäume umgeschnitten oder Steine ausgegraben, irgendeine männliche Arbeit. Und dann war ich plötzlich umgeben von lauter älteren Damen. Nichts gegen ältere Damen. Aber das hat mein Image bei den Frauen nicht gehoben.

"Krone": Wie fühlt sich das eigentlich an, bald 80 zu werden?
Stronach: Ich fühle mich eigentlich wie ein junger Bua, mit all der Kraft auch, aber mit der ganzen Lebenserfahrung eines älteren Herrn.

"Krone": Wie alt möchten Sie werden?
Stronach: Ich hoffe schon, dass ich den Hunderter erreiche. Deshalb gehe ich auch nicht dort schwimmen, wo viele Haifische sind. Und ich fahre auch nicht Ski, wo die Lawinengefahr grad am höchsten ist (grinst). Nein, im Ernst: Wichtig ist doch, sein Bestes zu geben. Versuchen, ein besserer Mensch zu sein.

"Krone": Wo sehen Sie sich mit 100? In Österreich oder in Kanada?
Stronach: Ich sehe mich in der Steiermark frühstücken und in Toronto abendessen.

"Krone": Als ewig junger Jetsetter?
Stronach: Ich fliege alle drei Wochen zwischen den Kontinenten hin und her. Gar nicht auszudenken, wie viele Millionen Meilen das in den letzten 15 Jahren waren. Ich hatte das Glück, schon früh auszubrechen, in ein ganz anderes Klima hineinverpflanzt zu werden, wie ein junger Baum. Ich mag dieses Pendeln zwischen den Welten. Ich kann es mir anders auch gar nicht mehr vorstellen.

"Krone": Und wo sehen Sie Ihre Bewegung in 20 Jahren?
Stronach: Hoffentlich am Ziel. Realwirtschaft statt Finanzwirtschaft. Ideen statt politischer Stillstand. Mit glasklaren Gesetzen ohne Schlupflöcher und Möglichkeiten zu Korruption. Dann hätte ich mein persönliches Ziel erreicht.

Mäzen und Milliardär
Geboren am 6. September 1932 als Franz Strohsack in Kleinsemmering in der Steiermark. Mit 22 wandert er per Schiff nach Kanada aus und baut die "Magna International" auf, die seit 1996 in Oberwaltersdorf ihre Europa-Zentrale hat. 2010 zieht sich Stronach aus dem Tagesgeschäft zurück und gründet 2011 das "Frank Stronach Institut für sozialökonomische Gerechtigkeit". Der Milliardär und Mäzen regt Studierende zu einer "geistigen Revolution" an und stiftet dafür Professuren bzw. finanziert Forschungsgruppen.

Am Montag sprach Stronach an der Uni Innsbruck, am Mittwoch um 17 Uhr ist er an der WU in Wien zu Gast, am Donnerstag um 18.30 Uhr an der Uni Graz.

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