Mi, 23. Mai 2018

Zynismus pur?

13.03.2012 15:06

Agentur macht Obdachlose in NY zu WLAN-Hotspots

Obdachlose bewegen sich viel in der Stadt, in der an vielen Orten der Empfang schlecht ist - was kann also besser sein, als sie als WLAN-Hotspots zu nutzen, die gegen Bezahlung bereitstehen? So ist allen geholfen. So oder so ähnlich muss die zynisch anmutende Idee einer New Yorker Marketingagentur geboren worden sein, die derzeit in aller Welt für Kopfschütteln sorgt.

"Homeless Hotspots" nennt sich die laut eigenen Aussagen "gemeinnützige Initiative", die von der Marketingagentur BBH gegründet wurde. Sie wurde Ende vergangener Woche bei der Technologiekonferenz SXSW vorgestellt, wo sie von der "New York Times" aufgegriffen wurde - und seither für entsetzte Reaktionen sorgt.

Denn die Idee mutet überaus zynisch an: Jeder obdachlose Mitarbeiter trägt ein Gerät mit sich, das einen Hotspot für eine schnelle 4G-Internetverbindung aufbaut. Statt etwa Obdachlosen-Zeitungen anzubieten, verkaufen die derzeit zwölf Männer und eine Frau den WLAN-Zugang - für zwei US-Dollar (rund 1,5 Euro) für 15 Minuten. Bezahlt wird mit Diensten wie PayPal, das Geld kommt direkt dem Obdachlosen zu, der den Hotspot betreibt. Zudem bezahlt die Agentur den Mitarbeitern 20 US-Dollar (etwa 15 Euro) pro Tag.

Obdachlose zum Mieten
Mag die Idee an sich ehrbar sein, mehrt sich in aller Welt Kritik am Konzept, die "praktischerweise herumlaufenden" Obdachlosen als Hotspots zu gebrauchen. So tragen sie ein T-Shirt, das sie auf dieses Dasein reduziert: "Ich bin Clarence, ein 4G-Hotspot", ist da zu lesen. Dazu kommt, dass man sich quasi seinen persönlichen Obdachlosen-Diener mieten kann. So erzählte Clarence gegenüber tech.li, er biete auch "Concierge-Dienste" an: Wer etwas drauflege, den begleite er so lange durch die Stadt, wie er den Internetzugang benötige - Unterhaltung inklusive.

Kritik an "beschämender, entmenschlichender Idee"
Die verantwortliche Agentur BBH nennt "Homeless Hotspots" laut "New York Times" ein "gemeinnütziges Experiment" - doch mit den entsetzten Reaktionen aus aller Welt hat man offenbar nicht gerechnet. So schrieb Tim Carmody von "Wired", das Projekt klinge wie "etwas aus einer überaus satirischen Science-Fiction-Dystopie", es sei "komplett problematisch". Der britische Markenexperte Luke Scheybeler bezeichnete die Aktion gegenüber der "Daily Mail" als "beschämende, abscheuliche, herablassende, entmenschlichende Idee".

Obdachlose angeblich froh über Jobmöglichkeit
Mittlerweile betreibt BBH Schadensbegrenzung - man habe mit ähnlichen Aktionen schließlich Erfolge gefeiert, etwa als man Obdachlosen in New York Handys und Twitter-Zugänge gegeben habe, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Man habe nun nur versucht, Obdachlose mit anderen Menschen ins Gespräch kommen zu lassen. "Der Hotspot ist ein Weg für sie, ihre Geschichte zu erzählen", so Saneel Radia von BBH Labs, der karitativen Organisation des Unternehmens.

Auch Mitchell Gibbs, Chef des Obdachlosenasyls Front Steps, in dem die Mitarbeiter untergebracht sind, versteht die Aufregung nicht: "Es ist eine Chance auf Arbeit, egal, wer es anbietet." Die Obdachlosen selbst schienen an ihrem Job als wandelnder Hotspot nichts auszusetzen zu haben, schreibt die "New York Times" weiter. So habe etwa Clarence Jones betont: "Ich liebe es, mit Leuten zu reden, und es ist ein Job. Ein ehrlicher Tag der Arbeit und Bezahlung."

Ob die Kritik dadurch verstummt, ist aber zu bezweifeln, schließlich sind viele Obdachlose wohl froh über jede Möglichkeit, Geld zu verdienen. Ob das Projekt längerfristig weitergeführt wird, steht noch nicht fest.

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