Fr, 25. Mai 2018

Episches Finale

10.03.2012 16:40

Grandios geht die Welt zugrunde: "Mass Effect 3"

Fast schon ist der Begriff "episches Finale" überstrapaziert, doch im Fall von "Mass Effect 3" wurde damit nicht zu viel versprochen. Vollgepackt mit emotionalen Momenten ebenso wie Action, hammerharten Entscheidungen, packenden Zwischensequenzen und berührenden Dialogen, ist das Spiel jener würdige Abschluss der Actionrollenspiel-Reihe, den sich Fans erhofft haben. Lediglich der DLC, der bereits seit Spielstart zu kaufen ist, trübt die Freude.

Das Ende der Welt ist nah: Wie Commander Shepard seit Jahren vergeblich warnt, greift die Maschinenrasse der Reaper die Erde an, um alles Leben darauf zu vernichten. Shepard gerät mitten hinein in diese erbarmungslose Attacke, die Hunderttausende Menschen binnen Tagen das Leben kostet - ein mitreißender, düsterer, trauriger Anfang. Unfreiwillig flüchtet Shepard mit seinem Kampfschiff, der Normandy. Denn nur ihm trauen seine Vorgesetzten zu, in der Galaxie nach Verbündeten zu suchen, um dem übermächtigen Gegner in einem verzweifelten letzten Schlag entgegenzutreten.

Wer sich wundert, warum Shepard Zeit bleibt, durch die Galaxis zu düsen: Die Reaper brauchen trotz technologischer Übermacht bis zu hundert Jahre, um alles intelligente Leben auf einer Welt auszulöschen, erklärt Shepards Verbündete Liara T'Soni. So besteht für die Erde - genau wie all die anderen Planeten, die von den Reapern regelrecht überrannt werden - noch ein allerletztes Fünkchen Hoffnung.

Endlich: Entscheidungen wirken sich aus
Liara ist nur eine von vielen alten Bekannten, die Shepard auf seinem Kreuzzug wiederfindet. Ashley oder Kaidan, Garrus, Tali, Wrex und viele mehr sind zumindest zeitweise wieder mit Shepard unterwegs, eine wahre Freude für "Mass Effect"-Fans. Besonders für diejenigen, die ihren Spielstand aus dem Vorgänger aufgehoben haben und nun importieren. Denn anders als in "Mass Effect 2" wirken sich jetzt endlich unzählige der bisher getroffenen Entscheidungen aus - von kleinen Nebenaufträgen bis hin zu den Hauptmissionen.

Importiertes Savegame bringt neue Möglichkeiten

Das hat gleich mehrere Vorteile: Wer mit importiertem Spielstand spielt, trifft anders auf die alten Freunde. Sie kommentieren gemeinsam Erlebtes, reißen mehr Witze, gehen miteinander vertrauter um und man kann vorherige Liebschaften - wie immer sind hetero- und homosexuelle Beziehungen möglich - weiterführen (oder aber auch Herzen brechen). Zudem tauchen einige Charaktere aus "Mass Effect 2" nicht auf, wenn kein Spielstand importiert wurde. Zwar sind stattdessen oft andere, neue Spielfiguren enthalten, doch mehr Spaß macht das Zusammentreffen mit alten Bekannten.

Außerdem stehen einige Dialog- und Entscheidungsmöglichkeiten nur mit importiertem Spielstand zur Verfügung, einige Male hat dies entscheidende Auswirkungen auf den Fortgang der Geschichte. Wer keinen Spielstand importiert, hat also nicht Zugriff auf das gesamte Handlungsspektrum. Das bedeutet nicht, dass die Geschichte unvollständig wäre, der Spieler erlebt sie nur anders - in einigen Fällen jedoch mit schlechterem Ausgang. Diese Entscheidung des Entwicklers BioWare kann man positiv und negativ betrachten: Einerseits haben Spieler mit importiertem Savegame so wirklich das Gefühl, etwas geleistet zu haben, dass sich die "Arbeit" in den vergangenen Teilen ausgezahlt hat, dass sie nun belohnt werden für ihre Taten. Andererseits haben Spieler ohne Savegame nicht auf den vollen Spielumfang Zugriff.

Mehr Spaß für Veteranen
Die Behauptung des Publishers Electronic Arts, bei "Mass Effect 3" handle es sich um den perfekten Einstieg in die Reihe, kann in jedem Fall nicht gelten. Wer das Spiel wirklich genießen will, sollte die beiden vorherigen Teile gespielt haben - sonst fehlen die persönlichen Verbandelungen Shepards mit seinen Helfern und es erschließen sich die komplexen Beziehungen zwischen den diversen Völkern der Galaxie nie ganz. Im Finale der Reihe wird nämlich etwas weniger geredet - anders als beispielsweise in Teil eins, wo man stundenlang über die Zitadelle laufen und sich dabei nur von der faszinierenden Hintergrundgeschichte der Galaxie und ihrer Einwohner berieseln lassen konnte.

Gespräche knackiger, aber berührend
Auch die Dialoge mit den Mitstreitern auf der Normandy sind diesmal etwas knackiger ausgefallen, was dem Spielvergnügen jedoch ebenfalls keinen Abbruch tut. Schließlich kennt Shepard fast alle Crewmitglieder seit Langem - es geht diesmal nicht ums Kennenlernen, sondern den finalen Kampf gegen die Reaper. Dennoch gibt es auch diesmal genügend Gelegenheiten, sich über Vergangenes, die unsichere Zukunft sowie Feind-, Freund- und Liebschaften auszutauschen. Wie schon in den Vorgängern wachsen die Crewmitglieder dem Spieler auch in "Mass Effect 3" so immer mehr ans Herz.

Schwere Entscheidungen, tolle Dialoge
Die Dialoge sind weiterhn wunderbar gelungen. Sie sind nicht nur glaubwürdig, berührend, oft aber auch witzig, sondern bieten zudem wie immer spannende Entscheidungsmöglichkeiten. Besonders in den packenden Zwischensequenzen gilt es, seine Aktionen gut zu bedenken - denn nicht nur der Fortbestand der Menschheit, sondern auch vieler anderer Spezies liegt in Shepards Hand. Immer wieder werden dem Spieler in Teil drei hammerharte moralische Entscheidungen abverlangt, die schwere Konsequenzen nach sich ziehen.

Mehr Waffen, mehr Upgrades
Wird nicht gerade über das Schicksal ganzer Völker geurteilt, wird in "Mass Effect 3" vor allem eines: geballert bis zum Umfallen. Für das Finale hat BioWare die besten Mechaniken aus den vorhergehenden Teilen verbunden und aufgemöbelt. Es gibt nun endlich wieder mehr Waffen, die zudem mit vielen Extras modifiziert und verbessert werden können. Die Menüführung beim Einkauf von Waffen und Rüstung sowie Verbesserungen lässt allerdings zu wünschen übrig, wenigstens ein Hinweis auf neue Inhalte hätte es sein dürfen - so klickt man sich zu lang sinnfrei durch das Menü. Immerhin werden die Waffen gegen Ende des Spiels spürbar stärker, sodass der Spieler sich immer mächtiger fühlt. Waffen haben nun zudem ein Gewicht, das sich negativ auf den Cooldown von Fähigkeiten auswirkt. Wer also viel mit sich herumschleppt, kann seine Fähigkeiten weniger oft einsetzen - die Entscheidung liegt beim Spieler. A propos Fähigkeiten: Auch die wurden ebenso wie die Talente ausgebaut.

Flottere Kämpfe mit mehr Taktik
Die Kämpfe selbst, wie immer wird Shepard von zwei vor der Mission wählbaren Kumpanen begleitet, haben an Tempo gewonnen. Der Commander ist nun agiler unterwegs und wagt sich eher als in den Vorgängern auch mal in den Nahkampf. An den Gegnern hat BioWare für Teil drei gebastelt, es gibt nun mehr unterschiedliche Typen mit verschiedenen Fähigkeiten und Panzerungen, sodass die Kämpfe nun taktischer anmuten als zuvor. Dennoch bleibt das bekannte Deckungssystem das beherrschende Element, aufgrund der teils zickigen PC-Steuerung bei der Deckungssuche - wenn Shepard ins Leere springt, statt hinter eine Mauer - ist es jedoch immer noch nicht ideal gelöst. Dafür fällt das Zielen mit Maus und Tastatur leichter als mit dem Controller. Der jedoch größte Vorteil für PC-Spieler: Die Ladezeiten fallen um ein Vielfaches geringer aus - ein immenser Vorteil.

Weniger Minispiele, aber immer noch Spielzeitstreckung
Ebenfalls positiv: BioWare hat die Minispiele deutlich reduziert. Hacken ist ganz rausgeflogen, das leidige Planeten abscannen aus Teil eins und zwei ist nun binnen Sekunden erledigt. Auch trifft man beim Scannen nicht mehr zufällig auf langweilige 08/15-Nebenmissionen wie in Teil eins oder muss Rohstoffe sammeln wie in Teil zwei. Nebenaufträge erhält man meist auf der Zitadelle, indem man einem Gespräch lauscht. So erfährt man etwa, dass ein Artefakt oder Blutproben benötigt werden. Man muss daher weiterhin alle Systeme abgrasen. Per Mausklick scannt man die nähere Umgebung und entdeckt so interessante Objekte und Planeten, die man binnen Sekunden abgesucht hat. Danach erhält man automatisch einen Nebenmissions-Gegenstand. Das geht zwar insgesamt viel schneller als in den Vorgängern, doch mit jedem Scan werden die Reaper in der Umgebung alarmiert, bis sie schließlich in das gerade besuchte System eindringen und die Normandy verfolgen. Also muss der Spieler flüchten, wieder in das Sonnensystem zurückfliegen, um weiterzusuchen, wieder hinaus, wieder hinein und so weiter. Spielzeitstreckung à la Carte.

Tolle Atmosphäre mit viel Abwechslu Teils stolpert der Spieler über verwaschene Texturen und hölzerne Animationen. Das fällt aufgrund der durchweg schönen, abwechslungsreichen Level und der tollen Atmosphäre aber kaum auf. Ob einsam in der Dunkelheit - erstmals mit Taschenlampe an der Waffe - oder auf der von unterschiedlichsten Spezies bevölkerten Zitadelle, beim Erkunden uralter Ruinen oder moderner Raumstationen, die Umgebung hüllt den Spieler ein und reißt ihn mitten hinein in das "Mass Effect"-Universum. Dazu tragen auch die wunderschönen, teils fast blendenden Lichteffekte bei.

Sprecher besonders auf Englisch grandios
Ebenfalls unabdinglich für die Atmosphäre: Die deutschen Sprecher wissen zu überzeugen. Noch besser aber ist, dass das Spiel auf PC wie Konsolen multilingual erscheint. So steht auch die englische Original-Sprachausgabe, die durchaus als perfekt bezeichnet werden darf, zur Verfügung. Der Musikeinsatz hingegen scheint diesmal etwas weniger gelungen als bei den Vorgängern, auch wenn der orchestrale Soundtrack dem Spieler des Öfteren einen Schauer über den Rücken jagt.

Multiplayer top, DLC ein Flop
Weniger Freude dürfte manchen Spielern machen, dass "Mass Effect 3" auf dem PC als Kopierschutzmaßnahme nach einem Zugang bei EAs Online-Spieledienst Origin verlangt. Auch mit einem kostenpflichtigen DLC (Downloadable Content) am Tag des Erscheinens haben die Macher für reichlich Unmut unter den Spielern gesorgt (siehe Nachtrag unten). Dafür darf man auf allen Plattformen erstmals nicht nur allein, sondern auch mit drei Mitspielern Gegnerwellen den Garaus machen. Verschiedene Multiplayer-Maps für spaßige, kurze Einsätze stehen zur Verfügung, Teamarbeit ist Pflicht. Der Mehrspielermodus ist jedoch vollkommen optional.

Fazit: "Mass Effect 3" erfüllt, was sich die Fans für den Abschluss der glaubwürdigen, mitreißenden SciFi-Reihe erhofft hatten. Es ist das Wiedersehen mit alten Freunden, der letzte verzweifelte Kampf, die Entscheidung über Leben und Tod zahlreicher Rassen. Es warten traurige, witzige, spannende, mitreißende Dialoge und Zwischensequenzen, die den Spieler dank der - besonders auf Englisch überragenden - Sprecher berühren wie kaum ein anderes Game es vermag. Spielerisch wurde vieles verbessert, mehr Individualisierung und actionreichere Kämpfe lassen Schwächen wie das allgegenwärtige Deckungssystem oder das nervige Planeten absuchen vergessen. Endlich wirken sich alle Entscheidungen, auch aus Teil eins der Reihe, aus - und es warten noch härtere, der Spieler spürt das Schicksal ganzer Völker auf seinen Schultern. Alle Fragen werden beantwortet, auch wenn der Schluss für Diskussionen sorgen dürfte. Hier wäre etwas weniger mehr gewesen.

Plattform: Xbox 360 und PC (getestet), PS3
Publisher: EA
krone.at-Wertung: 9/10

Nachtrag: Nachdem inzwischen klar ist, dass der DLC "Aus der Asche" zahlreiche relevante Story-Details beinhaltet, da er elementare Informationen über die vernichtete Rasse der Protheaner verrät, hat krone.at von der ursprünglichen Wertung 10/10 Abstand genommen. Es handelt sich hierbei nicht um eine optionale Mini-Erweiterung - wer "Aus der Asche" nicht kauft, verpasst, trotz relativ kurzer Spielzeit, einen wichtigen Teil des Games. Für derart wichtige Inhalte, die das Spielgefühl verändern und die Geschichte beeinflussen, sollten Spieler nicht zusätzlich zur Kasse gebeten werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentar schreiben

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team

Kommentare
324

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Aktuelle Schlagzeilen

Für den Newsletter anmelden