Mi, 13. Dezember 2017

Schlummernde Gefahr

21.02.2012 08:31

Lawine begräbt Bergretter: "Dann war es dunkel"

"Da kannst du nichts mehr machen", erinnern sich Hannes Hirscher (Bild) und Günter Karnutsch. Die beiden erfahrenen Alpinisten und ausgebildeten Bergretter aus Salzburg sind selbst nach Lawinenabgängen noch einmal mit dem Leben davongekommen. Sie wissen um die Tücken im Hang – und die dort schlummernde Gefahr.

Günter Karnutsch (55) weiß, wovon er spricht. Seit 30 Jahren ist der Alpinist aus Salzburg bei der Bergrettung, dazu seit Jahren Präsident der Salzburger Bergführer. Und trotzdem gibt er offen zu: "Ich würde nie behaupten, alles zu wissen."

Im Winter 2001 passierte ihm, was er zuvor nie glaubte, dass genau ihm passieren könnte: Am Untersberg, seinem Hausberg, erfasste ihn bei einer Variantenabfahrt eine Lawine. Das Schneebrett riss Karnutsch mit und schleuderte ihn über eine Felswand in die Tiefe. Mit dem Handy rief er die Helfer, nach drei Stunden wurde er mit schweren Knieverletzungen geborgen. Aber er war am Leben.

"Hätte diesen Hang nicht fahren dürfen"
"Im ersten Moment weißt du nicht, was mit dir passiert. Da triffst du keine bewussten Entscheidungen", erinnert sich Karnutsch. "Erst als ich verletzt im Schnee lag, kam die Frage: Was habe ich falsch gemacht?" Er wusste die Antwort: Selbstüberschätzung. "Ich stellte meine Erfahrung über die Lawinen-Strategie. Hätte ich alle Kriterien objektiv beurteilt, ich hätte diesen Hang nicht fahren dürfen." Die Gefahr, so Karnutsch, ist trotz aller Erkenntnisse nie in den Griff zu bekommen. "Viele erfahrene Tourengeher entscheiden aus dem Bauch heraus."

Mit einem Vorurteil will er aufräumen: "Piepser, Airbag und Schaufel sind löblich und wichtig, aber keine Garantie zum Überleben. Am besten ist, so eine Situation vermeiden."

"Die Lawine war nicht zu erahnen - es war nur Pech"
Auch Hannes Hirscher (34) überlebte eine Lawine. Der Hundeführer und Vize-Ortsstellenleiter der Bergrettung Annaberg ist im Februar 2008 beim Eisklettern im Anlauftal in Bad Gastein von einer Staublawine 300 Meter in die Tiefe gerissen worden. "Wir waren gerade beim Einstieg in die Wand. Dass uns die Lawine zu diesem Zeitpunkt erwischt hat, war nicht zu erahnen - nur Pech", erinnert sich Hirscher: "Ich hörte noch meinen Begleiter fluchen, dann hob es mich aus der Wand und es war dunkel."

Das Nächste, woran er sich erinnern konnte, war, als er von Rettungskräften ausgegraben wurde. "Nur mein Fuß ragte aus dem Schnee. Mein Körper war blau, ich bewusstlos, weg. Das war an der Grenze." Aber trotz etlicher Brüche stand er wenige Wochen später wieder so halbwegs auf den Beinen. "Ich merke, heute bin ich vorsichtiger."

Trugschluss: "Wer oben bleibt, überlebt"
Ab 18 Minuten - so die eisene Grundregel - sinkt unter den Schneemassen die Chance drastisch, lebendig gerettet zu werden. Eine neue Studie, bei der 143 Todesfälle nach Lawinenabgängen zwischen 2005 und 2011 untersucht wurden, zeigt: 58 Prozent der Verschütteten erstickten im Schnee, rund 25 Prozent starben an schweren Verletzungen, ohne überhaupt verschüttet worden zu sein. Bergführer-Präsident Günther Karnutsch warnt daher: "Der Gedanke 'Wer oben bleibt, überlebt' ist ein Trugschluss." Bei den übrigen Opfern spielten gleich mehrere tödliche Faktoren zusammen.

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