Do, 23. November 2017

Nach 7.784 Tagen

14.12.2011 15:53

Grenzeinsatz zu Ende: „Ihr werdet uns fehlen!“

"Tagwache!" Auch am letzten von 7.784 Tagen Assistenzeinsatz geht es am Grenzraum-Posten Zwerndorf an der March in Niederösterreich korrekt militärisch zu. Der klare Befehl: "Präsenz zeigen und beobachten!" Das heißt: ausschwirren in Einkaufszentren, zu Kindergärten oder zu Schulen und durch Anwesenheit in Uniform und mit Waffe möglichen Einbrechern, Dieben, Räubern - sogenannten Kriminaltouristen - zu signalisieren: Hier führt kein Weg vorbei.

"Die Soldaten haben ein beruhigendes Gefühl verbreitet", sagt die Hausfrau und zweifache Mutter Susanne S. (40), Kundin in einem der Gänserndorfer Großmärkte. So wie fast alle Leute hier bedauert sie es, "dass nun wahrscheinlich eine Ära der Sicherheit zu Ende geht". Nur allzu gut wissen die Menschen in dieser Grenzregion um die präventive Wirkung der Fuß-Patrouillen.

Mit Flinte, Feldstecher und Funkgerät
"Mit Flinte, Feldstecher und Funkgerät ausgerüstet, waren sie die Augen und Ohren der Polizei im Bezirk", erklärt eine Briefträgerin. Denn seit 22. Dezember 2007 versahen die Soldaten nicht mehr an der Staatsgrenze, sondern auch im Hinterland gleichsam einen Sicherheitsdienst.

Bilanz: 30 Brände entdeckt, 90-mal Erste Hilfe geleistet und vor allem gab es 2.100-mal Alarmmeldungen über "Kriminal-Vorkommnisse" im Einsatzraum (weitere Zahlen und Fakten zum Grenzeinsatz auch in der Infobox). Eine skurrile und aufschlussreiche Palette an Beobachtungen: Autoknacker, Einbrecher, Kupferkabel- und Zeitungskassendiebe, Wilderer, Bankomat-Banden, geheime Hanfplantagen samt Drogendealern, Menschenhändler, Schlepper, Illegale etc. "Bevor unsere Soldaten hier stationiert waren, wurde gestohlen, was nicht angenagelt war", erinnert sich der Zwerndorfer Leopold W. (71). "Fahrräder, Boote, Wäsche von der Leine, Rasenmäher – und etliche Autos."

Viele illegale Grenzgänger marschierten nach dem Wegfall des Eisernen Vorhangs einfach über die grüne Grenze. Kriminal-Pendler spannten gar Seile über die March, um so gesichert mit der Beute durch den Fluss waten zu können – auf dem Friedhof von Zwerndorf liegt übrigens ein unbekannter Grenzgänger begraben. Die Wasserleiche wurde nie identifiziert.

"Es ist traurig, wenn du Kinder und Babys findest"
"Das Schlimmste für mich war immer der Aufgriff von Kindern. Oft sind uns ja ganze Großfamilien, vom Baby bis zur Oma, bei Nacht, Nebel und Kälte in die Arme gelaufen", erzählt Unterleutnant Siegbert Felfering (56) vom Einsatz an der Grenze. Der gebürtige Kärntner, stolzer Vater eines Bundesliga-Kickers, war alle 21 (!) Jahre jedes Jahr sieben Wochen im Assistenzeinsatz.

"Die größte Asylantengruppe haben wir 1991 bei Nikitsch gestellt", sagt er. "Es ist schon traurig. Aber wir können ja nicht alle Asylwerber aufnehmen, auch bei uns gibt es viele Arme und Bedürftige."

Zwerndorfer Pensionisten: "Wir werden sie vermissen"
Bei der Weihnachtsfeier des Zwerndofer Pensionistenvereins ist man sentimental darüber gestimmt, dass "die tapferen Burschen jetzt abgezogen werden". Offen und warmherzig hatten die Einheimischen die Soldaten aus ganz Österreich stets aufgenommen. "Wir werden sie vermissen – denn für uns haben sie die Sicherheit verkörpert!", sagt etwa die 80-jährige Hilde S. Aus Dankbarkeit hat sie den Wachsoldaten jeden Tag Wurstsemmeln oder Golatschen vorbeigebracht.

"Jetzt sollen wir selber mehr auf unsere Sicherheit schauen, hat ein Obriger gemeint!", schüttelt ein Rentner den Kopf, "mehr Alarmanlagen, Sicherheitsschlösser usw." Und ein anderer, nur halb im Scherz: "Am besten, wir besorgen uns Baseball-Schläger und schützen uns selbst."

Eines jedenfalls macht sich mit dem Ende des Assistenzeinsatzes spürbar breit – Angst!

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