Mo, 20. November 2017

Unschuldig in Haft?

13.10.2011 08:33

Welser: „Ich hab‘ ja immer gewusst, ich war‘s nicht“

17 Jahre lang könnte ein heute 60-jähriger Oberösterreicher unschuldig wegen Mordes im Gefängnis gesessen sein. Einen Tag nach Bekanntwerden des möglichen Justizirrtums in Salzburg hat Manfred B. in einem Interview mit dem ORF-Radio geschildert, dass er all die Jahre gehofft habe, dass der wahre Mörder gefunden werde. "Meine Stärke da drinnen war die Hoffnung, dass jeden Tag die Wahrheit ans Licht kommen kann. Ich habe ja gewusst, ich war's nicht."

Das Opfer, Heidemarie M. (23), kam aus einer gutbürgerlichen Salzburger Familie, rutschte aber in die Drogensucht ab. Als sie kein Geld mehr für ihr Heroin hatte, begann sie, als Prostituierte zu arbeiten. Manfred B., damals 29 Jahre alt, agierte als ihr Zuhälter. In seinem Appartement in der Linzergasse 50 empfing Heidemarie ihre "Kunden".

Die Eltern der hübschen Frau versuchten mehrmals, sie aus der Rotlichtszene herauszubringen. Angeblich sollen sie ihrem Zuhälter sogar Geld für die "Freilassung" Heidemaries geboten haben. Und die junge Frau wollte noch im Herbst 1980 tatsächlich weg, weit weg. M. vertraute sich noch einer Bekannten an und sprach davon, dass sie umgebracht werden könnte.

Zum Ausstieg aus der Szene sollte es nicht mehr kommen. Am Nachmittag des 5. November wurde Heidemarie in der Wohnung mit dem Kabel eines Filmprojektors brutal gewürgt. Todesursache: ein Kreislaufschock. Manfred B. fand die leblose Frau, bekleidet unter anderem mit einem mit Blut befleckten T-Shirt.

B. beteuerte stets seine Unschuld
B. stand schnell als Tatverdächtiger fest. Er beteuerte stets seine Unschuld. In einem Aufsehen erregenden Indizienprozess wurde er trotzdem zu 20 Jahren Haft verurteilt. Den Aussagen eines anderen Häftlings, der gehört haben will, dass jemand anderer der Mörder ist, wurde kein Glauben geschenkt.

17 Jahre saß B. in Garsten in Oberösterreich ein. Seine Frau ließ sich von ihm scheiden. Als er 1997 frei kam, baute er sich in Wels eine neue Existenz auf. Er fand eine neue Liebe und heiratete. Das Paar bekam eine Tochter. B. hatte sich schon damit abgefunden, für immer als Mörder zu gelten. Doch jetzt, 31 Jahre nach dem Mord, tauchten neue Spuren auf.

Nach 31 Jahren Treffer bei Fingerabdrücken
"Damals wurden am Tatort auf einer Schatulle unbekannte Fingerabdrücke gesichert. Die Daten waren immer gespeichert. Und jetzt gab es einen Treffer", so Barbara Feichtinger, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Salzburg. Die Abdrücke stammen von einem Holländer, der in München lebt und nun dort mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Als 17-Jähriger war der Mann als Lehrling in Salzburg angestellt. In der Schatulle, die er berührte, lag Bargeld, das nach dem Mord verschwunden war.

Von ihm könnte auch die Blutspur auf dem T-Shirt des Opfers stammen. Damals konnte nur die Blutgruppe 0 festgestellt werden. Weder das Opfer noch B. hatten diese Blutgruppe. Dieser Spur kann aber nicht mehr nachgegangen werden. Das T-Shirt musste, wie gesetzlich vorgeschrieben, nach dem Strafverfahren vernichtet werden.

Brisantes Detail: Das Bundeskriminalamt hatte bereits am 2. Juli des Vorjahres die Polizei in Salzburg darüber informiert, dass der damals sichergestellte Fingerabdruck dem Holländer zugeordnet werden konnte, sagte Manfred B.s Anwalt Clemens Krabatsch am Donnerstag. Die Staatsanwältin, bei der der Akt gelandet war, stellte aber erst am 23. Februar 2011 – also fast acht Monate später - beim Landesgericht Salzburg den Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens.

Dort beschäftigt sich seither ein Drei-Richter-Senat mit der Sache. Ende August sei dann in München das Rechtshilfeersuchen - der Holländer soll dort einvernommen werden - gestellt worden, so der Jurist. Krabatsch hofft, dass zumindest bis Jahresende die Ergebnisse aus Bayern vorliegen.

"Ich hab' ja immer gewusst, ich war's nicht"
Für B. ist das eine "super" Neuigkeit, "dass die Staatsanwaltschaft selber einen Antrag auf Wiederaufnahme gestellt hat". "Ich hab' ja immer gewusst, ich war's nicht", so der 60-Jährige Donnerstag früh im ORF-Radio. Heute gehe es ihm gut, "ich habe einen Job, ich habe Familie", so B., aber es sei schwierig gewesen, als verurteilter Mörder Arbeit, Wohnung und Freunde zu finden. "Ich bin oft am Boden gelegen, aber immer wieder aufgestanden", schilderte er.

Warum er, obwohl es keine Beweise gab, verurteilt wurde? "Mir ist vorgekommen, man hat einfach einen Schuldigen gebraucht", beschreibt er seine Vermutung. Bei ihm hat "ja scheinbar alles zusammengepasst": ein Mord im Milieu, das Opfer eine Prostituierte, er ihr Zuhälter. "Ich wusste nur eines: Ich war unschuldig." All die Jahre habe er gehofft, dass eines Tages derjenige gefunden werde, "der das getan hat". Jetzt scheint es endlich so weit zu sein.

Laut Krabatsch stünden B. bei einem Freispruch bis zu 310.000 Euro Haftentschädigung zu. Doch wichtiger als das Geld sei seinem Mandanten, seine Unschuld zu beweisen.

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