Mo, 21. Mai 2018

Frappierend aktuell

17.09.2011 12:12

In Wien probte vor 100 Jahren das Volk den Aufstand

Gestürmte Gebäude, geplünderte Geschäfte, Verwüstungen, Tote und Verletzte: Die Rede ist nicht etwa von den jüngsten Krawallen in London oder Paris, sondern von den als "Teuerungsunruhen" oder "Hungerrevolte" bekannten Ausschreitungen in Wien vor 100 Jahren. Am 17. September 1911 trugen sich in Teilen der Stadt Szenen zu, die kaum von frappierenderer Aktualität sein könnten.

In der Peripherie der k.u.k.-Hauptstadt entluden sich damals die seit Jahren aufgestauten sozialen Spannungen in bis dahin beispiellosen Krawallen. Auslöser für die Ausschreitungen waren das erdrückende Wohnungselend in den Außenbezirken, die ständig steigenden Lebensmittelpreise und die Wut des Proletariats über die Regierung, die den Entwicklungen am Weltmarkt sowie dem Mietwucher völlig hilflos ausgeliefert war.

Keine Spur von Gemütlichkeit
Unterentwickelte Industrie, rückständige Landwirtschaft und daraus resultierende Versorgungsengpässe ließen die kränkelnde Monarchie aus dem letzten Loch pfeifen. In Wien blühte indes die Grund- und Bauspekulation, was besonders außerhalb des Linienwalls - dem heutigen Gürtel - zu katastrophalen sozialen Verhältnissen führte.

Hernals, Ottakring, Fünfhaus, Rudolfsheim und Simmering wiesen um 1910 nur noch minimale, Meidling und Favoriten de facto keinerlei Wohnungsreserven auf. So wird in dem Buch "Die Anarchie der Vorstadt" ein Wien skizziert, das an seinen Rändern nichts von jener Romantik und Gemütlichkeit zu bieten hatte, wie diesen Gegenden gerne angedichtet wird.

Die Schmelz als Vorstadtgauner-Hochburg
Hohe Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot - Stichwort: "Bettgeher" -, Alkoholismus, schlechte Schulbildung, Verwahrlosung, Krankheiten und Kriminalität dominierten jene düsteren Brachen und Häuserschluchten, die vom Wiener Bürgertum aus Angst und Abscheu strikt gemieden wurden.

Als Hochburg und Basis des Vorstadtgaunertums galt zu dieser Zeit die Schmelz. Diese unverbaute Steppe mit ihrer gewaltigen Ausdehnung wurde von Polizisten ausschließlich in Patrouillenstärke und bei Tag betreten - wenn überhaupt. Sie war die Heimat von Banden und Obdachlosen und sie war die Nachbarin des im Schachbrettraster mit Zinskasernen zugepflasterten Ottakrings. Am 17. September trugen sich dann in diesem Teil der Stadt dramatische Szenen zu.

Sturm auf Amtsgebäude und Wachzimmer
Vor Rathaus und Parlament hatten sich rund 100.000 Menschen unter der Führung des stimmgewaltigen Reichstagsabgeordneten Franz Schuhmeier versammelt. Bald flogen die ersten Steine, zahllose Fenster der Regierungsgebäude gingen zu Bruch, die Polizei schritt mit aufgepflanzten Bajonetten ein. Die Masse wurde Richtung Burggasse und Lerchenfelderstraße zurückgedrängt, worauf die Situation endgültig außer Kontrolle geriet.

Amtsgebäude und Wachzimmer wurden gestürmt, Geschäfte geplündert, Auslagenscheiben eingeschlagen, Brände gelegt und Straßenbahnwaggons attackiert, sogar die Schokoladefabrik Manner auf der Schmelz war Ziel der Angriffe. Zu den Demonstranten gesellten sich "Lumpenproletarier" und die "Ottakringer Elendsjugend", die in kleineren, beweglichen Trupps massive Zerstörungen anrichteten.

Drei Tote und zahlreiche Verletzte
Ottakring glich zu diesem Zeitpunkt längst einem Kriegsschauplatz, der südwestliche Bezirksteil war gegen 3 Uhr nachmittags militärisch besetzt. Die Koppstraße wurde bei der Kreitner- und Klausgasse von Bosniaken abgeriegelt, die ihrerseits von den Demonstranten, die sich in der Herbststraße angesammelt hatten, mit einem Steinhagel eingedeckt wurden, ist einem zeitgenössischen Lagebericht zu entnehmen.

Kurz darauf fielen die ersten Schüsse. Die Kugeln schlugen zwar über den Köpfen der wütenden Menge ein, doch Querschläger verletzten drei Personen derart, dass sie ihren Verletzungen erlagen. Der 20-jährige Franz Joachimsthaler erlitt einen Bauchschuss und starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Polizeirat Emil Frömmel wurde von einem aus dem Fenster geschleuderten Bügeleisen am Kopf getroffen und schwer verwundet.

Ausnahmezustand über Ottakring verhängt
Erst in den Abend- und Nachtstunden des 17. September 1911 ebbten die Proteste und Tumulte ab, der Aufstand der Armen war teils niedergeschlagen worden, teils hatte er sich schlichtweg aufgelöst. Über Ottakring wurde am 18. September der Ausnahmezustand verhängt.

Der Sozialdemokrat Otto Bauer hielt später fest: "Zum ersten Mal seit dem Oktobertag 1848, an dem die Truppen Windischgrätz' die Hauptstadt dem Kaiser wiedererobert haben, ist in Wien auf das Volk geschossen worden. Was selbst in den gewaltigsten Stürmen des Wahlrechtskampfes nicht geschehen ist, hat sich am 17. September 1911 in Wien ereignet. In ganzen Stadtvierteln blieb kein Haus, kein Fenster, keine Laterne unversehrt."

Bürgerliche Medien sowie Regierung zeigten sich fassungslos ob dieser "sinnlosen Gewalt", doch sie konnten - oder wollten - die Hintergründe dieses Gewaltausbruchs nicht beleuchten. Auch in diesem Punkt ähnelt Wien 1911 dem Paris und London des Jahres 2011.

Schüsse im Parlament
Die Teuerungsunruhen hatten noch drei Wochen später, am 5. Oktober 1911, ein aufsehenerregendes parlamentarisches Nachspiel. Erstredner zum Tagesordnungspunkt "Teuerungskrawalle" war Victor Adler, der Justizminister Hochenburger für die Eskalation der Ereignisse verantwortlich machte. In diesem Augenblick schrie jemand von der Galerie "Hoch der Sozialismus" - und gleichzeitig krachten Schüsse durch das Parlament. Als Täter konnte der 24-jährige arbeitslose Tischlergeselle Nikola Njegos ausgemacht werden. Er wurde wegen des Attentats zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt und starb während der Haft.

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