Di, 22. Mai 2018

Panik, Phobie & Co.

02.09.2011 16:51

Krank vor Angst: Wenn Furcht das Leben bestimmt

Angst ist im Grunde ein natürliches, lebenswichtiges Gefühl. Sie hält uns von Situationen ab, die eine Bedrohung für das Wohlbefinden bedeuten und geht mit körperlichen Symptomen wie Herzjagen, Schwitzen, Zittern, Übelkeit, Schwindel bis hin zu Atembeschwerden einher.

Von einer Erkrankung spricht man erst dann, wenn Angst zu häufig, zu stark oder in unpassenden Situationen (zum Beispiel beim Ansehen eines Liebesfilms) auftritt bzw. wenn sie die Bewältigungsmöglichkeiten übersteigt.

Etwa zehn bis 15 Prozent aller Österreicher entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Angsterkrankung. "Man unterscheidet dabei drei Gruppen. Wer Angst vor etwas Bestimmten hat – das können volle Räume, Spinnen, Schlangen etc. sein – leidet an einer erwarteten, zielgerichteten Angst, auch als Phobie bezeichnet. Betroffene neigen zur Vermeidung der furchtauslösenden Situation", erklärt Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Bach, Leiter der Abteilung für Psychiatrie am LKH Steyr. Ungerichtete Angst tritt entweder anfallsartig (sogenannte Panikattacken; bei mehreren spricht man von "Panikstörung") oder als "generalisierte Angststörung" auf. Bei Letzterer fürchtet sich der Betroffene den ganzen Tag über.

Was sind die Ursachen?
"Wie bei allen psychischen Erkrankungen zeichnet dafür ein Bündel an Faktoren verantwortlich", berichtet Bach. Zum einen spielt die genetische Anfälligkeit eine Rolle. Es gibt Menschen, die ein größeres Risiko haben zu erkranken, etwa durch Vererbung. Auch psychologische Faktoren sind nicht außer Acht zu lassen. So können sich etwa frühkindliche Trennungserlebnisse (zum Beispiel, wenn die Mutter eines zweijährigen Kindes stirbt) auswirken. Nicht zu vergessen auf soziale Faktoren wie Stress am Arbeitsplatz oder in der Partnerschaft.

"Betroffene suchen nur dann Hilfe, wenn der subjektive Leidensdruck hoch ist", erklärt der Experte und nennt dazu ein Beispiel: "Leidet ein Manager, der viel beruflich reisen muss, an Flugangst, wird er eine Therapie in Anspruch nehmen. Derjenige, der nur für einen Urlaub in den Flieger steigen müsste, wird versuchen, vor der Angst zu fliehen, und mit dem Auto oder Zug zu verreisen."

Am häufigsten suchen laut Bach jene Betroffenen einen Arzt auf, die an Panikattacken (plötzliche Angst zu sterben) oder schweren Phobien leiden. Letztgenannte haben übrigens die Tendenz zur Generalisierung, das heißt, sie weiten sich aus. Mehr als 50 Prozent dieser Patienten haben mehr als eine Phobie. Interessant ist auch der Aspekt, dass jeder zweite Angstkranke zusätzlich an Depressionen leidet und umgekehrt.

Wie wird behandelt?
"Zu allererst müssen andere psychiatrische und körperliche Erkrankungen ausgeschlossen werden. So kann etwa eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse Phobien auslösen, Angst ist mitunter auch Nebenwirkung eines eingenommenen Medikamentes", so der Psychiater. Unter anderem sind dafür eine Blutuntersuchung, ein EKG und die Überprüfung des Blutdrucks notwendig. Erst dann kann behandelt werden.

"Grundsätzlich empfehlen wir Betroffenen die Einnahme von Antidepressiva sowie Psychotherapie, insbesondere Verhaltenstherapie", erklärt Bach. "Aufgrund des sogenannten additiven Effekts ist die Heilungschance höher als mit nur einer Behandlungsform." Patienten haben aber die Möglichkeit mitzuentscheiden und nur eine der beiden gleich wirksamen Möglichkeiten auszuwählen.

Beruhigungsmittel (Tranquilizer) kommen nur mehr – wenn überhaupt – im Akutfall zum Einsatz, eignen sich aber nicht zur Langzeittherapie, weil die Gefahr einer Abhängigkeit besteht.
Idealerweise sollten Angstkranke immer einen Facharzt für Psychiatrie und Neurologie aufsuchen. Das ist aber vor allem dann unumgänglich, wenn mithilfe von Antidepressiva (zum Beispiel verschrieben vom Hausarzt) innerhalb von vier Wochen keine Besserung erzielt werden konnte, Selbstmordgefahr besteht oder Substanzmissbrauch (bei Angststörungen häufig Alkohol oder Tranquilizer) vorliegt.

Die Prognose, dank einer maßgeschneiderten Therapie wieder ohne Furcht leben zu können, ist übrigens sehr gut. Innerhalb weniger Monate bilden sich bei 85 Prozent aller Betroffenen die Beschwerden zurück.

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