Mi, 23. Mai 2018

In Panzer-Limousine

27.08.2011 10:12

Gadafi soll Flucht nach Algerien geschafft haben

Die libyschen Rebellen wollten eigentlich den Aufenthaltsort des untergetauchten Machthabers Muammar al-Gadafi in Tripolis ausfindig gemacht und umzingelt haben: "Das Gebiet, in dem er sich befindet, wird belagert", wurde der Justizminister der Rebellen, Mohammed al-Alagi, am Freitagabend von der Nachrichtenagentur Reuters zitiert. Samstag früh hieß es dann bei der ägyptischen Agentur MENA, der Diktator befinde sich laut Rebellen wohl bereits in Algerien - er sei mit seinen Söhnen in einem gepanzerten Limousinen-Konvoi geflüchtet...

Aufständische hatten in dieser Woche schon einmal verkündet, sie hätten den angeschlagenen Diktator eingekreist - diese Berichte stellten sich - wie auch Letzterer - später jedoch als falsch oder voreilig heraus. Im Bereich um Abu Salim im Süden der Hauptstadt war es jedenfalls in den vergangenen Tagen zu heftigen Gefechten mit Gadafi-treuen Kräften gekommen. Die Kämpfe zwischen Aufständischen und den Truppen des Diktators konzentrierten sich zuletzt auch auf die beiden verbliebenen Hochburgen des alten Regimes, Gadafis Heimatstadt Sirte sowie die Wüstenstadt Sebha im Zentrum des Landes.

Zuvor "um Haaresbreite entkommen"
Britische Kampfjets bombardierten am Freitag einen Bunker des ehemaligen Machthabers in der Nähe von Sirte, wo er sich ebenfalls versteckt haben könnte. In anderen Meldungen hieß es, die Rebellen hätten einen Lkw-Konvoi verfolgt, in dem Gadafi vermutet werde. Auch von einem schlichten Haus im Zentrum von Tripolis, das von Rebellen gestürmt worden sei, war die Rede - dort hätte man ihn "um Haaresbreite verpasst". Die Meldung über eine eindeutige Sichtung Gadafis - oder gar eine Festnahme - blieb allerdings weiterhin aus.

Berichte über Berge von Leichen
Derweil tauchen immer wieder blutige Details über Gräueltaten sowohl auf Seiten des Gadafi-Anhangs als auch der Rebellen in den internationalen Medien auf: Die Agentur AFP berichtete etwa über Massenhinrichtungen von Gefangenen in Tripolis. Al-Jazeera zeigte Bilder von Leichenbergen in Parks, die Situation in den Krankenhäusern sei katastrophal. Die BBC berichtete von 200 verwesenden Toten - Männer, Frauen, Kinder - in nur einem einzigen Spital. Es gibt in Tripolis offenbar keinen Strom mehr, auch die Trinkwasserversorgung sei nahezu erschöpft.

EU-Außenbeauftragte: "Menschenrechte wahren"
EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton rief alle Libyer auf, die Menschenrechte zu achten. In dieser Forderung seien sich die Europäische Union, die Arabische Liga, die Afrikanische Union und die Vereinten Nationen einig. Gadafi müsse seine Waffen bzw. die Macht niederlegen, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden.

Der deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maiziere kritisierte Fehler der internationalen Staatengemeinschaft bei der Einschätzung der Lage in Libyen. "Wir haben uns mindestens dreimal geirrt - nicht nur wir Deutschen, der ganze Westen." Gadafi sei erst "massiv unterschätzt" und dann "massiv überschätzt" worden. "Dann haben wir gesagt, es wird lange anhalten und es gibt überhaupt keine Veränderungen, und in einer Woche war Tripolis erobert."

Freitagsgebet im Zeichen des Rebellen-Sieges
Der Chef der Übergangsregierung, Mahmud Jibril, wird indes nicht müde, die Fortschritte der Aufständischen zu bekunden: Man hätte inzwischen fast im ganzen Land die Oberhand. Nur Sebha, Sirte sowie das südöstlich von Tripolis gelegene Bani Walid seien noch nicht unter Kontrolle. Ziel sei es, die Städte ohne Blutvergießen einzunehmen, so Jibril gegenüber der türkischen Agentur Anadolu.

Hunderte Menschen hatten beim ersten Freitagsgebet seit der Eroberung weiter Teile der libyschen Hauptstadt die Kämpfer der Aufständischen gefeiert. Sie hätten das Land "Zentimeter für Zentimeter, Haus für Haus und Straße für Straße befreit", sagte der Imam in einer Moschee im Stadtzentrum. Das Zitat geht auf Gadafi zurück, der es in einer Rede gegen die Rebellen benutzt hatte. Die Zuhörer lachten und riefen "Gott ist groß". Danach zog man durch die Straßen und skandierte: "Gehe erhobenen Hauptes, freier Libyer!"

Regime-treue Söldner künftig bei der Polizei
Selbst wenn in naher Zukunft nun auch der Rest von Tripolis eingenommen, Gadafi außer Gefecht gesetzt und die schlimmsten Schlachten vorüber sein könnten - der womöglich noch schwierigere Kampf um den Wiederaufbau ihres Landes steht den Libyern erst bevor. Der stellvertretende Chef der Übergangsregierung, Ali al-Tarhouni, will nun gar die meisten Anhänger des Gadafi-Regimes in den künftigen Staat integrieren. "Wir werden 90 Prozent der Polizisten behalten", sagte er deutschen Medien. "Verhandlungen darüber laufen schon."

Um die Fehler nach dem Machtwechsel im Irak zu vermeiden, würden aber nur jene Sicherheitsleute entlassen, die "Blut an den Händen" hätten. Auch die Kämpfer der Aufständischen sollen eine Zukunft in den Sicherheitskräften haben. "Wir werden allen Rebellenkämpfern anbieten, in die Polizei oder die Armee einzutreten."

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