Mo, 21. Mai 2018

Libyen vor der Wende

22.08.2011 19:10

"Bruder Führer" Muammar al-Gadafi hat bald ausregiert

Für seine Anhänger ist Muammar al-Gadafi (69) ein Held. Sie lieben sein herrisches Auftreten und seine respektlose Art im Umgang mit den Großen dieser Welt. Für die Mehrzahl der Libyer aber wurde er durch seine Brutalität und seinen wachsenden Größenwahn in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr zu einer Hassfigur. Genau das ist auch der Grund, warum sich jetzt die Herrschaft seines Clans - dessen Vermögen von der Opposition auf unfassbare 100 Milliarden Euro geschätzt wird - knapp vor dem 42. Jahrestag der Machtergreifung dem Ende zuneigt.

Gadafi war dabei nicht nur der dienstälteste, sondern auch mit Abstand der schrillste unter den arabischen Herrschern. Bei seinen Reisen wohnte er immer wieder in einem Beduinenzelt-Refugium, auch reinrassige Berberpferde ließ er mitunter einfliegen. Hunderten ausgesuchten jungen Mädchen erklärte er gerne, was es mit dem Islam auf sich hat.

Völlig isolierter "König der Könige"
Sein Land führte er seit seinem Amtsantritt am 1. September 1969 in einem wilden Zickzackkurs erst von der Monarchie in eine Art Volksrepublik. Widersprüche waren dabei an der Tagesordnung: Als Gadafi den Vorsitz in der Afrikanischen Union führte, ließ er sich von den afrikanischen Königen und Stammesführern zum "König der Könige" wählen. Jahrzehntelang war er bemüht, westliche Einflüsse abzuwehren. Fast völlig auf sich gestellt waren die Libyer in den 1990er-Jahren, nachdem die Vereinten Nationen wegen der Terrorverbindungen des libyschen Regimes ein Luftverkehrsembargo gegen das nordafrikanische Land verhängt hatten.

Ab 2003 vom Westen hofiert
Im Jahr 2003 verkündete Gadafi dann plötzlich, Terror und Aufrüstung seien sinnlos. Deshalb werde er nun die Unterstützung von Extremistengruppen beenden und alle Programme zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen einstellen. Belohnt wurde Gadafi für diese Kehrtwende mit verbesserten Beziehungen, auch auf wirtschaftlicher Ebene, zu mehreren westlichen Staaten. Besonders eng wurde der Kontakt zu Italien, wohl auch, weil sich Gadafi und der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi auf der menschlichen Ebene bis zuletzt gut verstanden.

Der 1942 als Sohn eines nomadisierenden Bauern in der Nähe der Stadt Sirte geborene Staatsführer liebte dabei in seiner Amtszeit den Kult um seine Person. Er ließ überall im Land seine Fotos in Überlebensgröße aufhängen. Diese auf Werbetafeln platzierten Bilder, die ihn wahlweise mit cooler Sonnenbrille oder in bunten Fantasiegewändern zeigten, bildeten in den vergangenen Monaten auch eine hervorragende Zielscheibe für die Wut der Aufständischen. Sie rissen überall im Land seine Fotos nieder, steckten die Plakate in Brand und warfen mit Steinen darauf.

Auch als Kinderbuchautor tätig
Aber auch abseits der großen Politik war "Bruder Revolutionsführer" fleißig: In dem 130 Seiten starken Kinderbuch mit dem skurrilen Titel "Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten" (1995) ruft Gadafi wie einst der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau zu einem "Zurück zur Natur" auf. Die Farben der neuen Revolution sollten gelb wie die Sonne, grün wie das Gras und blau wie Himmel und Wasser sein. 1975 erschien bereits sein "Grünes Buch", eine Art "Bibel" der libyschen Revolution, das die ideologische Grundlage für Gadafis Herrschaft bildet und Elemente des Sozialismus und des Islam verbindet.

Nach sechs Monaten erbitterten Krieges gegen die Aufständischen ist das Regime nun aber nicht nur ideologisch dem Ende nahe. Seit Ende letzter Woche waren die Rebellen mit ihrer "Operation Sirene" von Erfolg zu Erfolg geeilt, am Montag marschierten Einheiten auch in der Hauptstadt Tripolis ein (siehe auch Infobox). Zwei Söhne Gadafis wurden festgenommen, ein dritter unter Hausarrest gestellt. Der Aufenthaltsort des Vaters ist derzeit ungewiss, dennoch ist mittlerweile klar: Der "König der Könige" ist nur mehr ein Herrscher ohne Macht.

Etliche Milliarden Euro eingefroren
Auch Gadafis schier grenzenlose finanzielle Möglichkeiten sollen großteils blockiert bzw. eingefroren worden sein. Oppositionelle schätzen sein Privatvermögen auf mehr als 100 Milliarden Euro, die meist im Ausland oder etwa in Luxusimmobilien angelegt worden seien. Verlässliche Zahlen gibt es allerdings nicht, und bei den Schätzungen werden offenbar auch staatliche Fonds einbezogen, die von Gadafis Familie beherrscht werden bzw. wurden.

Allein die Investmentgesellschaft LIA, bei deren Gründung Gadafis Sohn Saif al-Islam eine Rolle gespielt haben soll, ist an weltweit mehr als 100 Unternehmen beteiligt. Auch auf österreichischen Konten sollen rund 1,2 Milliarden Euro der Familie des libyschen Diktators und ihrem Dunstkreis veranlagt sein. Auf Anordnung der Bundesregierung hatte die Österreichische Nationalbank die Konten mit 1. März gesperrt.

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