Fr, 25. Mai 2018

Psychosen und Co.

04.08.2011 14:39

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wenn die Psyche streikt

"Die Fahrgäste im Bus planen eine Verschwörung." "Die Nachrichtensprecherin hat eine geheime Botschaft für mich." "Der Nachbar beobachtet mich durch den Kamin." Solche Aussagen können andere Menschen erschrecken oder sie sogar zum Lächeln bringen, Menschen mit Psychosen oder Wahnvorstellungen hingegen erleben derartige Wahrnehmungen als Realität. Ihnen stellt sich eine Situation eben auf diese bestimmte Art und Weise dar.

Der Grund liegt in Stoffwechselstörungen bei der Informationsübertragung im Gehirn. Sie erleben die Wirklichkeit genauso real wie jeder andere, ihre Realität wird aber "brüchig". Meist sind es negative Botschaften, die sie (zu) erkennen (glauben).

Zum besseren Verständnis: Viele von uns haben durchaus vergleichbare Situationen auch schon einmal im Alltag erlebt. Etwa wenn wir einen Streit mit dem Partner hatten und danach auf der Straße angerempelt oder im Geschäft unhöflich behandelt werden, fühlen wir uns von aller Welt schlecht behandelt. Wer mit einem kaputten, offenen Zipp an der Hose auf die Straße muss, wird denken, dass ihn jeder Entgegenkommende anstarrt.

Jeder Fünfte in einem Leben einmal betroffen
Das allgemeine Risiko, eine psychische Erkrankung zu bekommen ist hoch, jeder Fünfte leidet einmal im Leben daran. Damit ist diese Krankheitsgruppe keine Seltenheit, die Heilungschancen durchaus vergleichbar mit jenen bei organischen Störungen.

Das Auftreten hängt von zahlreichen Faktoren ab. Es gibt Menschen, die "anfälliger" dafür sind, so wie andere leichter Darmbeschwerden oder Migräne bekommen. Lernprozesse, Lebensumstände und andere Einflüsse hinterlassen ebenfalls ihre Spuren auf der Seele. Dabei stellen die psychotischen Erkrankungen nur eine kleine Gruppe dar, hauptsächlich treten Depressionen und Ängste auf.

Prim.a. Dr. Christa Rados, Leiterin der Abteilung Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin am LKH Villach: "Es stimmt nicht, dass Betroffene sich bloß etwas zusammenfantasieren. Sie interpretieren das Erlebte nur auf ihre ganz eigene Weise. Für sie stimmt diese persönliche Wahrnehmung, es plagen sie Ängste, Sorgen und Schlafstörungen. Sie merken natürlich, dass ihre Umwelt ablehnend reagiert, ziehen sich zurück. Das verzögert die Behandlung."

Jemandem, der sich bedroht oder verfolgt fühlt zu sagen, dass er sich das alles nur einbildet, hat also keinen Sinn und trägt nicht zur Beruhigung bei. Die Expertin rät Folgendes:

  • Je früher man eingreift, umso besser, denn das Bild von der vermeintlichen Wirklichkeit fixiert sich mit der Zeit, es wird sozusagen erlernt.
  • Entscheide nicht über die Wirklichkeit bzw. über Inhalte, die dir der Kranke erzählt, sondern frage ihn nach seiner Befindlichkeit.
  • Betroffene erleben ihre Situation als quälend. Man kann Unterstützung gegen Stress, Unruhe oder andere Beschwerden anbieten, raten, den Leidensdruck mittels Therapie zu verringern.

Prim.a. Rados: "Auch psychisch Kranke wollen ein gutes Leben führen." Psychosen bedeuten natürlich eine große Anstrengung auch für Angehörige, Hilfe ist unbedingt nötig! "Der Therapeut begegnet dem Patienten in seiner Welt, holt ihn dort ab, um ihn wieder in die Realität zu führen."

Kombination von Psychotherapie und Medikamenten
Bei der ersten Abklärung kommt dem Allgemeinmediziner eine besondere Bedeutung zu, denn etwa ein Drittel der Patienten, die dort Hilfe suchen, leidet unter psychischen Erkrankungen. Das erfordert nicht nur eine diesbezügliche Ausbildung des praktischen Arztes, sondern auch eine enge Zusammenarbeit mit Fachärzten und Therapeuten. Oft glauben die Patienten, sie hätten eine Depression oder ein Burn-out und sprechen das auch an, da dies meist für sie leichter ist. Hieraus ergeben sich therapeutische Chancen.

Eine Kombination von Psychotherapie und Medikamenten kommt als Behandlung zum Einsatz. Außerdem muss abgeklärt werden, ob noch andere Krankheiten vorliegen.

Fehlgeleitete Wahrnehmung kann außerdem ein Symptom von Schizophrenie sein. Prim.a. Rados: "Über diese Krankheit gibt es viele Vorurteile, über die man aufklären muss: Patienten haben keine 'gespaltene Persönlichkeit' oder wechseln zwischen unterschiedlichen Charakteren. Sie sind meistens auch nicht gefährlicher oder krimineller als andere Menschen. Ihre Krankheit beruht auf einer Stoffwechselstörung im Gehirn. Es kommt zu Unregelmäßigkeiten in der Ausschüttung von Botenstoffen, sogenannten Neurotransmittern. Moderne Behandlungsmöglichkeiten sind nebenwirkungsarm und bringen ausgezeichnete Erfolge!"

Neuer Ratgeber liegt auf
"Seele in Not - So hilft der Psychiater" ist ein neuer Ratgeber über seelische Krankheiten, der nun österreichweit in Arztpraxen (bei Allgemeinmedizinern, Internisten, Neurologen und Psychiatern) sowie in Apotheken gratis erhältlich ist. Er wurde von führenden Experten erarbeitet und bietet Leich verständliche Information.

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