So, 19. November 2017

Einwohner entsetzt

15.06.2011 11:26

Chinesen kopieren Hallstatt für Luxus-Resort

Entsetzen im malerischen Hallstatt: Die 900-Seelen-Gemeinde in Oberösterreich wird schon bald originalgetreu nachgebaut - in China. Seit Monaten haben Architekturspione aus dem Reich der Mitte jeden Stein fotografiert, um eine exakte Kopie des Weltkulturerbes zu errichten. Die Anlage wird der Mittelpunkt eines neuen Luxusviertels in Guangdong werden.

"Dürfen die das überhaupt?" Diese Frage hört man in diesen Tagen auf den Straßen des malerischen Hallstatt immer wieder. Seit bekannt wurde, dass eine Investorengruppe aus China in Guangdong eine Kopie des Ortes errichten will, ist die Gemeinde in Aufruhr. Vor allem deswegen, weil der Plan nur durch einen Zufall aufgedeckt wurde.

"Ein Informant hat mir von dem Projekt berichtet, aber zunächst konnte ich das gar nicht glauben. Erst als er mir die Baupläne zeigte, wusste ich, dass die Geschichte stimmt", sagt Monika Wenger, die als Erste in Hallstatt von dem Vorhaben erfuhr, gegenüber krone.at. Wenger ist Chefin des Hotels "Grüner Baum", das ebenso wie die Kirche und der Marktplatz ein Teil der chinesischen Version von Hallstatt werden soll.

Architekturspione fotografierten jedes Detail
Dass asiatische Touristen den Ort lieben, lässt sich schon an den Besucherzahlen ablesen. Doch langsam wird klar, dass viele der vermeintlichen Touristen in jüngerer Zeit in Wirklichkeit Architekturspione waren, die den Ort haargenau unter die Lupe nahmen. "Die haben jedes Holzbrett an jedem Balkon fotografiert. Aber offenbar nur, um möglichst genaue Nachbau-Pläne gestalten zu können", sagt die entsetzte Hotelchefin. "Dass die Chinesen Autos und Maschinen kopieren, wussten wir ja, aber gleich ganze Orte?"

Bürgermeister soll "Kulturaustausch" zustimmen
Auch Bürgermeister Alexander Scheutz hat von den Plänen Wind bekommen. Bereits im Mai habe es eine Anfrage aus China gegeben, die aber nicht vermuten ließ, was für ein Projekt da geplant sei, sagt er. "Für Juli hatte sich eine Delegation angekündigt und davon geredet, dass man eine Kooperation samt Kulturaustausch starten könnte", so der SPÖ-Politiker. Auch eine Städtepartnerschaft wurde angeregt, ein unterschriftsreifes Kooperations-Memorandum bereits übersendet. Davon wird jetzt aber seitens der Hallstätter erst einmal wieder Abstand genommen

Zwar glaubt Hotelchefin Wenger, dass der Nachbau durchaus eine Werbung für das Original sein kann, doch noch größer ist die Angst, dass in Zukunft die chinesischen Touristen ausbleiben. Wie andere Hallstätter stellt sich die Hotel-Chefin jetzt vor allem die Frage, ob solch eine Kopie überhaupt zulässig ist: "Mein Bauchgefühl sagt mir, dass da doch zumindest die Besitzer im Vorfeld gefragt werden müssen."

Experte: "Ist es sinnvoll, alles dem Kommerz zu opfern?"
"Die rechtliche Lage muss noch überprüft werden", meint auch Hans-Jörg Kaiser von ICOMOS Austria, dem nationalen Rat für Denkmalpflege, einer Unterorganisation der UNESCO. Prinzipiell sei es aber legal, Gebäude zu fotografieren und dementsprechend nachzubilden: "Alles, was außen ist, ist öffentlich zugänglich." Man sehe das Projekt aber kritisch: "Ist es sinnvoll, alles dem Kommerz zu opfern? Die Landschaft und auch die Bewohner des Ortes, die aus ihm erst das machen, was er ist, wird man schließlich nicht nachbauen können."

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