Mo, 11. Dezember 2017

Dunkles Kapitel

24.05.2011 21:44

Haben noch weitere Gemeinden Hitler als Ehrenbürger?

In wie vielen österreichischen Gemeinden ist Adolf Hitler nach wie vor Ehrenbürger? Diese brisante Frage warf nun der von den Grünen publik gemachte Fall rund um die nach wie vor nicht erfolgte Aberkennug der Ehrenbürgerschaft Hitlers in der Stadt Amstetten (Bilder) auf. SPÖ-Bürgermeister Herbert Katzengruber kündigte daraufhin einen Antrag auf Widerruf der Ehrenbürgerschaft an, der dann am Dienstagabend im Gemeinderat von Amstetten mit großer Mehrheit angenommen wurde.

Eigentlich galt das dunkle Kapitel der österreichischen Geschichte rund um die Ehrenbürgerschaften Adolf Hitlers bereits 2004 als abgeschlossen. Damals wurde in der oberösterreichischen Gemeinde Haslach - als letzte Gemeinde Österreichs, hieß es - Adolf Hitler die Ehrenbürgerschaft entzogen.

Hitler auch in Waidhofen an der Ybbs Ehrenbürger
In seiner Reaktion auf die Kritik der Grünen vom Montag meinte der Bürgermeister von Amstetten nun, er habe schon mehrfach Hinweise auf andere Gemeinden bekommen, in denen Hitler ebenfalls Ehrenbürger sein soll. Ein Durchforsten der Archive in den kommenden Tagen könnte hier noch einiges an Tageslicht bringen, vermutete er.

Der erste weitere Fall ließ auch nicht lange auf sich warten: Auch in Waidhofen an der Ybbs (Bezirk Amstetten) soll der Diktator noch Ehrenbürger sein. An eine Aberkennung dieses Status denke man dort aber nicht. "Wir hatten das Thema schon vor ein paar Jahren", hieß es am Dienstag im Magistrat. Man habe daraufhin eine Rechtsmeinung einholen lassen, derzufolge es sich bei einer Ehrenbürgerschaft um ein "höchstpersönliches Recht handelt, das mit dem Tod erlischt". Ein Widerruf sei daher rechtlich gar nicht möglich, wurde betont.

Ehrenbürgerschaft wurde für "null und nichtig" erklärt
Auch Katzengruber verwies auf die Meinung von Rechtsgelehrten und Historikern, dass die Ehrenbürgerschaft mit dem Tod erlischt. Daran habe man sich gehalten und deswegen nicht eigens die Löschung beantragt. Bei der Abstimmung im Gemeinderat am Dienstagabend enthielten sich mit diesem Argument auch die beiden anwesenden FPÖ-Mandatare als einzige ihrer Stimme.

In Bezug auf den zweiten umstrittenen Ehrenbürger Paul Scherpon bremst Katzengruber: Es gebe zwar einen "eindeutigen" Brief, in dem sich Scherpon dahingehend äußere, dass die Juden "weg aus der Stadt und ihrer Bestimmung zugeführt werden sollen", aber es gebe auch Zeitzeugen, die der Meinung seien, dass "das zwar ungeschickt geschrieben ist, aber gar nicht so war". Man wolle daher zuvor einen Historiker mit der Durchleuchtung der Person beauftragen. "Das ist fair. Noch gibt es Zeitzeugen, die ihn gekannt und mit ihm gearbeitet haben", betonte der SPÖ-Politiker.

Fall in Amstetten seit 1996 dokumentiert?
Im Zuge von Recherchen rund um die 900-Jahr-Feierlichkeiten Amstettens, hatte der Gemeinderat der Grünen, Raphael Lueger, die aufrechte Ehrenbürgerschaft Hitlers entdeckt. In allen Publikationen, Veranstaltungen und Festschriften werde die NS-Zeit Amstettens ausgeblendet, so die Kritik der Grünen. Die Ehrenbürgerschaft Hitlers und auch des ehemaligen NS-Landrates Paul Scherpon sei dem Bürgermeister sowie der Stadtgemeinde bekannt, da in mehreren Veröffentlichungen darauf aufmerksam gemacht werde.

Man sei in Amstetten auf jeden Fall seit 1996 über die aufrechte Ehrenbürgerschaft Hitlers informiert gewesen, meinte Lueger. Damals hatte die Stadt einen Historiker mit einer Festschrift über die Gemeinde beauftragt, in der das nachzulesen war. Da dies den Verantwortlichen aber nicht gefiel, so Lueger, sei die Schrift dann aus dem Verkehr gezogen worden.

Lueger: "Feige und ein Affront gegenüber Opfern"
Die Feier rund um das Stadtjubiläum sei der richtige Zeitpunkt, um die Geschichte Amstettens aufzuarbeiten, fordert Lueger. Er halte nichts von Festschriften, die die unangenehme Zeit schlichtweg ausblenden. "Das ist feige und ein Affront gegenüber den Opfern der NS-Zeit", sagte Lueger. Adolf Hitler und weitere NS-Funktionäre dürften in Amstetten keine Sonderstellung mehr genießen - er gehe davon aus, dass die Stadtführung zumindest der Aberkennung der Ehrenbürgerschaften zustimmen werde, so der Grün-Gemeinderat Raphael Lueger.

Grüne stellten Forderungskatalog zusammen
Die Forderungen der Grünen in Amstetten gehen aber über die Aberkennung der Ehrenbürgerschaften von Adolf Hitler und Paul Scherpon hinaus. Sie verlangen auch die Umbenennung der Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße in Anne-Frank-Straße. Friedrich Ludwig Jahn war Initiator der Jugend-Turnbewegung (Jugend auf Kampf vorbereiten, lautete ein Schlagsatz) und trat u. a. für ein "Großdeutschland" ein.

Weitere Punkte des Forderungskataloges der Grünen umfassen die Entfernung des Turnerkreuzes in der Jahn-Straße bzw. zumindest die Anbringung einer Tafel, die die Herkunft des Turnerkreuzes kritisch erklärt, ebenso wie eine Gedenktafel für die 30 zu Kriegsende erschossenen Deserteure. Zudem wollen die Grünen ein - deutlich sichtbares - Zeichen des Gedenkens für all jene KZ-Häftlinge, die beim Bombenangriff am 20. März 1945 in Eisenreichdornach umgekommen sind und anonym in einem Massengrab auf dem Neuen Friedhof liegen.

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