Do, 23. November 2017

Erkaufte Siege & Co.

06.05.2011 14:59

Doku erzählt die geheime Geschichte des Song Contests

Er ist wie Fußball für Leute, die Fußball nicht mögen: Am 14. Mai findet in Düsseldorf der Eurovision Song Contest 2011 statt. Ein Dokumentarfilm beleuchtet nun die geheime Geschichte des weltweit populärsten Gesangswettbewerbs von seinen Anfängen bis in die Gegenwart. Der Film spart dabei nichts aus: Vom Wett(bewerbs)rüsten zwischen dem Westen und den Sowjetstaaten über den gekauften "Lalala"-Sieg von Spaniens Diktator Franco und die anhaltenden Traumata der Null-Punkte-Kandidaten bis hin zur nicht dem "Sauerkrautklischee"-entsprechenden deutschen Vorjahresgewinnerin Lena.

Kostüme, Tanzroutine, schmalzige Melodien: Alle tragen sie zum Unterhaltungswert des Song Contest bei, aber blickt man etwas tiefer, entdeckt man einen Liederwettbewerb, der weitaus mehr als nur ein Festival des Kitsches darstellt. Könnte die Geschichte der größten TV-Show des europäischen Kontinents gleichzeitig auch die Geschichte Europas selbst sein, fragten sich deshalb auch Filmemacher aus Australien - der Song Contest erfreut sich auch "Down Under" überaus großer Beliebtheit. Ihre Erkenntnis verarbeiteten sie in "The Secret History of Eurovision", wie der Film im englischen Original heißt, der in der deutschen Fassung den etwas banal anmutenden Titel "12 Punkte für Europa - Vom Grand Prix zum Eurovision Song Contest" trägt.

Contest als Symbol des Widerstands
Die Produzenten haben dabei nicht nur unterhaltsame Anekdoten zusammengetragen, sondern rollen auch die politische Vergangenheit des Song Contests auf. So können Entwicklung und Promotion der TV-Show von Beginn an auch als Teil einer größeren Offensive des Westens betrachtet werden, wenn nicht gar als eine Art Symbol des Widerstands gegen das Sowjetregime – von einem Konflikt mit Panzern und Waffen zu einem Wettbewerb mit Liedern und Pailletten.

Kommunistische Beatles-Kopien
Der daraufhin ab 1956 stattfindenden Eurovision Song Contest wurde nicht nur beim westeuropäischen Publikum, sondern auch bald bei den östlichen Nachbarn dermaßen populär, dass sich der Ostblock in den Jahren des Kalten Krieges dazu veranlasst sah, das Event ab 1961 mit einer eigenen Ost-Variante zu imitieren: Dem Sopot Song Festival, das zwar kommunistische Kopien der Beatles hervorbrachte, aber nicht mit dem Erfolg des westlichen Song Contests konkurrieren konnte.

Was nicht heißen soll, der Song Contest wäre "hip" gewesen. Der Wettbewerb hatte nie den "Coolness-Faktor", stellte von Anfang an fast so etwas wie einen Anachronismus dar. Eigentlich eine Oberschicht-Veranstaltung und geschaffen für ein Familienpublikum, reflektierte er niemals die Popmusik-Revolution, die bereits die Straßen von London und Paris eroberte.

Franco erkaufte "Lalala"-Sieg für Spanien
Dafür wurde der Liederwettbewerb aber immer wieder instrumentalisiert und manipuliert. So zeigt der Dokumentarfilm auch, die erst kürzlich ans Tageslicht gekommene Geschichte des spanischen Diktators Franco, der 1968 seinem Land den Sieg erkaufte, indem er das spanische Staatsfernsehen Fernsehsendungen osteuropäischer TV-Anstalten kaufen ließ – ohne die Absicht diese jemals auszustrahlen –, um im Gegenzug die Stimmen der Länder garantiert zu bekommen.

Die spanische Teilnehmerin Massiel gewann dann auch mit dem einfallsreichen Lied "Lalala" (68-mal Lalala; Anm.) mit nur einem Punkt Vorsprung. Ein Jahr darauf gibt es dann 1969 in Madrid beim 14. Wettbewerb gleich vier Sieger, weswegen fünf Länder im nächsten Jahr aus Protest nicht am Song Contest teilnahmen. Österreich hatte den Wettbewerb bereits im Vorfeld boykottiert, um Franco kein Forum zu bieten.

Liedbeitrag als Signal für Revolutionsstart
Für Spannung sorgte 1974 nicht nur die schwedische Popband ABBA, die als "Modernisierer" des Wettbewerbs mit ihrem Beitrag "Waterloo" Europa im Sturm eroberte. Der italienische Beitrag wurde erst mit Tagen Verspätung im Heimatland Italien ausgestrahlt, weil die Regierung befürchtete, der Titel "Si" (Ja) könne Einfluss auf ein kurz darauf stattfindendes Referendum über ein neues Scheidungsrecht haben. Und in Portugal diente die erste Note des portugiesischen Song-Contest-Liedes als Signal zum Start der Nelkenrevolution.

Explizit politische Lieder waren beim Eurovision Song Contest nie erlaubt, doch gelegentlich konnte sich ein solches in den Wettbewerb schleichen. So kommentierte die griechische Teilnehmerin Mariza Koch 1976 in ihrem Beitrag die türkische Invasion Zyperns, ohne sich dabei ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Morddrohungen gegen das Leben der Sängerin waren die Folge.

Traumatisierte Null-Punkte-Kandidaten
Aus einem gänzlich anderen Grund schrieb der norwegische Kandidat des Jahres 1978, Jahn Teigen, Song-Contest-Geschichte. Er war der Erste - von vielen -, die mit ihrem Beitrag keinen einzigen Punkt von der Jury bekamen. Der Finne Kojo hat deshalb auch rund drei Jahrzehnte später Alpträume. Auch er bekam 1982 für seinen Liedvortrag nicht einen einzigen Punkt und wurde in seiner Heimat noch Jahre später dafür mit Cola-Dosen beworfen, wie er im Film leicht traumatisiert erzählt. Bis heute wird Kojo-Kojo bei Eishockey-Spielen in Finnland synonym für den Endstand 0:0 verwendet.

Irland: Verlieren um jeden Preis
Und wer weiß schon, dass der Wettbewerb 1992 mit 25 Ländern aus einer umfunktionierten Reithalle in einem 1.500-Seelen-Dorf in Irland übertragen wurde? Die Organisatoren müssen heute noch lachen, wenn sie erzählen, dass Irland nach dem dritten Sieg hintereinander alles daran setzte, nicht noch einmal zu gewinnen.

Der Film endet mit dem Sieg Lenas 2010, die, wie es ein NDR-Mitarbeiter im Film formuliert, "nicht die dirndltragende Blondine, die sozusagen das Sauerkrautklischee bestätigt, sondern eine moderne Frau, die mit Klischees nichts am Hut hat" und somit Deutschlands moderne Repräsentantin darstelle.

Der deutsche TV-Sender WDR zeigt "12 Punkte für Europa - Vom Grand Prix zum Eurovision Song Contest" am Montag, dem 9. Mai, um 22 Uhr. Ins Programm des ORF fand die spannende Dokumentation (vorerst) nicht ihren Weg, wie es auf Anfrage hieß.

von Harald Dragan

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