Mo, 19. Februar 2018

"Krone"-Reportage

17.04.2011 17:01

Grazerin "spricht" dank Computer mit ihren Augen

Ein Lidschlag verändert die Welt der Grazerin Christine Sch. Die Schwerkranke "spricht" dank eines Computers mit den Augen.

Links, rechts, hier ein E, dort ein N: Die Augen von Christine Sch. fliegen über den Bildschirm vor ihr. Er ist ihr Tor zur Welt, denn er übersetzt Blicke in Buchstaben, Wörter und ganze Sätze. Zweiaugen- statt Zehnfingersatz, sozusagen.

Frau Sch. ist auf diese technische Hilfe angewiesen. Sie leidet an ALS, eine unheilbare Krankheit, die Nerven schädigt und Muskeln lähmt. 2009 kam die Diagnose, seit Oktober des Vorjahres lebt sie im Albert-Schweitzer-Hospiz in Graz. Sie kann sich kaum bewegen, auch das Sprechen fällt ihr äußert schwer. Dennoch strahlt die 65-Jährige Lebensfreude aus. "Sie ist ein Sonnenschein, ein Lehrmeister im reifen Umgang mit ihrer Erkrankung", ist Stationsärztin Petra Wagner beeindruckt.

"Computer ist ihr unentbehrlich geworden"
Daran hat auch das Augensteuergerät großen Anteil. "Der Computer ist mir unentbehrlich geworden", schreibt Frau Sch.: "Ich kann den Ärzten und Pflegern wichtige Hinweise geben. Auch die Hemmschwelle meiner Besucher ist deutlich gesunken." Stolz ist auch Psychotherapeut Peter Hosak: "Sie verfasst jetzt sogar einen Bericht für eine Ärztezeitschrift, erzählt, was es heißt, alles zu verlieren." Frau Sch. schreibt mit ihren Augen aber auch E-Mails und führt Tagebuch. Den Besuchern gewährt sie Einblick in diese Notizen. Sie belegen die innere Stärke dieser Frau: keine Spur von Selbstmitleid, sondern Gedanken über aktuelle Ereignisse wie die Katastrophe in Japan oder die Fliegerbombe am Hauptbahnhof. Auch die kleinen Freuden ihres Alltags werden festgehalten: ein netter Besuch, ein schöner Vollmond - und vor allem klassische Musik, die große Passion der ehemaligen Mitarbeiterin in der Musikuni-Bibliothek. "Den ganzen Tag läuft Ö1", lacht Hosak.

Mit einem Lidschlag das Tor zur Welt aufstoßen
Die wertvollen Dienste des Augensteuergeräts werden aber auch von anderen Patienten in Anspruch genommen, etwa von einer Dame mit Multipler Sklerose, einer Schlaganfallpatientin oder einem Querschnittgelähmten. "Wir könnten es 24 Stunden am Tag im Einsatz haben", weiß Gerald Pichler, Leiter der Wachkomastation. Dort arbeitete bis vor Kurzem eine Dame, die 17 Jahre lang im Wachkoma lag, an einem Buch über dieses Leben. Anfang März verstarb sie, das Werk blieb daher leider unvollendet. "Der Computer bedeutet Leben für die Patienten", betont Hosak. Schon bald soll es ein zweites dieser Wunderwerke in der Klinik geben. Die Kosten von 18.000 Euro übernehmen die Damen des Klubs "Inner Wheel". Sie ermöglichen damit noch mehr Menschen, mit einem Lidschlag das Tor zur Welt aufzustoßen.

Daten und Fakten

  • Die Kosten für das Augensteuergerät, mit dem unter anderem Christine Sch. arbeitet, teilten sich die Albert-Schweitzer-Klinik (50 Prozent) sowie der Verein "Menschen im Wachkoma" und "Hospiz für alle" (je 25 Prozent).
  • Auch auf der Wachkomastation war das Gerät bereits im Einsatz. Allerdings nicht bei Wachkomapatienten im klassischen Sinn (das sind jene ohne bewusste Wahrnehmung der eigenen Personen und Umwelt), sondern bei Patienten mit minimalem Bewusstsein.
  • Die Wachkomastation besteht aus 23 Akutbetten sowie 25 Betten auf der Nachsorge. 20 Akutbetten werden vom Land Steiermark für steirische Patienten gefördert.

von Jakob Traby, "Steirerkrone"

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