Mo, 11. Dezember 2017

"Übervorsichtig"

15.04.2011 11:48

Österreicher Europameister der Technologieskepsis

Nicht skeptisch, sondern übervorsichtig sind die Österreicher, wenn es um Technologie geht. Darin schienen sich die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Club Research" am Donnerstagabend in Wien einig. Anlass und Thema war jene Eurobaromer-Umfrage, welche die Österreicher im vergangenen Jahr als "Europameister der Technologieskepsis" auswies. Dabei zeigten die Österreicher eine Zurückhaltung gegenüber technischem Fortschritt - und das über alle abgefragten Technologiefelder hinweg.

Für den Sozialpsychologen Wolfgang Wagner von der Universität Linz, der die Eurobarometer-Umfrage für Österreich betreute, hängt die Skepsis der Österreicher gegenüber Technologie auch mit dem unausgeprägten Interesse und der mangelnden Information über Wissenschaft generell zusammen. Mit beinahe 60 Prozent lag Österreich mit der Angabe, dass es im täglichen Leben unwichtig ist, etwas über Wissenschaft zu wissen, an der wenig ruhmreichen ersten Stelle. "Wir sind Wissenschaftsmuffel", konstatierte Wagner, der aber auch durchaus Widersprüchliches in den Ergebnissen fand.

Denn "zeitgleich sind Österreicher die zweitoptimistischsten bei der Frage, ob natürliche Ressourcen dank wissenschaftlichem und technischem Fortschritt unerschöpflich sein werden", so Wagner. Was im Fachpublikum zu Gelächter führte, ließ Wagner fragen, ob Technologiegläubigkeit in diesem Zusammenhang mit Optimismus oder einer Unwissenheit und Ignoranz gleichgesetzt werden kann.

Ein ebenso hohes Vertrauen hätten die Österreicher darin, dass Technologie gesünder macht. "Gesundheit ist ein Kernthema im alltäglichen wissenschaftlichen Verständnis", so Wagner, "weil man damit am ehesten in Kontakt kommt."

Kontakt zu Technologien fehlt
Ebendieser Kontakt ist es, der vielen bei großen Technologien zu fehlen scheint. "Bei Technologiekontroversen wie Kernenergie, Stammzellenforschung und Gentechnik ist eine potenzielle Bedrohung da, die sinnlich nicht fassbar ist, wie etwa Armut, Krankheit oder Hunger", so Alexander Bogner vom Institut für Technikfolgenabschätzung der Akademie der Wissenschaften. Ist etwas undurchschaubar, macht es Angst. Dass eine "gesunde Skepsis" durchaus gerechtfertigt sei, zeigten die jüngsten Ereignisse in Japan.

In der scheinbaren Angst der Österreicher sieht Stefan Poledna, Chef der Wiener Firma TTTech, "eine gewisse bauernschlaue Skepsis" und "übergroße Vorsicht". Das sei stets "stark mit wirtschaftlichen Aspekten verwoben". "Wir fragen uns: Wer trägt den Nutzen, wer die Kosten, wer das Risiko?"

Auch Bogner sieht in der Skepsis der Österreicher nicht Unverständnis, sondern den Risikoaspekt. "Es ist falsch zu sagen: 'Wenn Leute es verstehen würden, wären sie weniger voreingenommen'", so Bogner. Erfahrungen im Ausland hätten gezeigt, dass Menschen nach wissenschaftlicher Aufklärung noch kritischer waren als vorher.

Bei Skepsis gegenüber Gebieten wie Gentechnik komme der Mobilisierungseffekt hinzu. So scheint die Anti-Atomkraft und Anti-Gentechnik-Haltung in Österreich mittlerweile identitätsstiftend. Auch der Aspekt der Ethik werde zwar stärker, "scheint aber nicht diesen Mobilisierungseffekt zu haben".

Technologie-Skepsis auch "historisch verankert"
Für Eva Buchinger vom Austrian Institute of Technology (AIT) ist die Skepsis auch durchaus "historisch verankert". "Wir hatten hier nie derartige Industrien, uns fehlen prägende Gründungsväter wie beispielsweise Siemens in Deutschland", so die Soziologin.

Manch einer aus dem Publikum gab sogar den "stark ausgeprägten Konservatismus", das "Sich-nicht-ändern-wollen" und "die verpönte Veränderung" als Kennzeichen eines sich vor Bewegung fürchtenden Österreichers an. Wagner sieht die Einflüsse dieser Prägung im Elternhaus, in der Schule und in den Medien, an die er appellierte. "Oft lesen wir nur dann Berichte, wenn etwas schief gegangen ist."

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