Do, 22. Februar 2018

Wenn Idole schaden

15.04.2011 17:10

Essstörungen bei Jugendlichen durch falsche Vorbilder

Jugendliche sind einer Vielzahl an Informationen über gesunden Lebensstil ausgesetzt. Gerne lehnen sie sich an Beispiele an. Idole können viel Gutes bewirken, aber auch großen Schaden anrichten. Letzteren besonders im Zusammenhang mit der Ernährung, wie das Problem der Essstörungen deutlich zeigt.

Prof. Dr. Peter Scheer, Leiter der AG Psychosomatik an der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz, sieht die Zusammenhänge ganz klar: "'Germany's Next Topmodel' zum Beispiel ist ebenso ein Vorbild für Mädchen wie Bodybuilder für Buben. Oder: Fast alle Mädchen zwischen zwölf und 15 Jahren probieren zumindest eine Diät. Auslöser sind oft Filme über Massentierhaltung, die in der Schule gezeigt werden.'"

Entschlossener Gewichtsverlust
Dann werden die jungen Damen zumindest vorübergehend zu Vegetarierinnen, wie der Experte beobachtet hat. Oder sie finden sich zu dick bzw. ihre Umgebung bestärkt sie in dieser Ansicht. All das führt allzu oft zu entschlossenem Gewichtsverlust, der nicht selten in einen krankhaften Zustand mündet.

Im Gegensatz dazu sind etwa 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen übergewichtig. Laut Prof. Scheer betreiben etwa Buben entweder Sport oder sind übergewichtig. Stoffwechsel und Erbanlagen spielen dabei zwar eine gewisse, aber eher kleine Rolle. Beispiele sind es wohl, die in erster Linie zählen.

Bei anhaltender Fehlernährung müssen Grenzen gezogen werden. Prof. Scheer: "Ich rate, wachsam zu sein beim Unterschreiten der wegen des Längenwachstums zu erwartenden Gewichtszunahme bzw. beim Überschreiten der üblichen Gewichtszunahme. Alarmierend ist ein BMI von weniger als 15 bzw. von mehr als 25. Eine Ausnahme ist hier natürlich Bodybuilding."

Ernährungsberatung sinnlos
Als sinnlos hat sich der Expertenmeinung nach überraschenderweise die Ernährungsberatung erwiesen. Hingegen ein praktischer Tipp bei Untergewicht: Da etwa 30 Prozent der Kalorien über Flüssigkeiten aufgenommen werden, reicht es oft, wenn man dünnen Jugendlichen empfiehlt, jene kohlenhydratreichen Getränke zu bevorzugen, die Dicken verboten sind.

Von der Psychologie her rät Prof. Scheer zu respektvollem Umgang mit den vorliegenden Umständen: "Dicke wissen, dass sie zu dick sind. Es ist nicht angenehm, wenn man es ihnen sagt. Dünne wiederum wissen, dass sie von ihrer Umgebung für zu dünn gehalten werden. Sie sehen es allerdings selbst nicht so."

Hilfreich für das Gespräch kann es sein, sich vor Augen zu halten, dass niemand weiß, warum 95 Prozent der Jugendlichen eine Diät halten, aber nur ein Prozent an Magersucht erkrankt. Der Grund dürfte ein genetischer Fehler sein: Das Hunger-Sattheitssystem funktioniert in vielen Fällen nicht.

Deshalb haben für Prof. Dr. Scheer auch Blutabnahmen wenig Sinn: "Es sind keine auffälligen Befunde zu erwarten. Ausnahme: erhöhte Werte des Fettstoffwechsels."

Keine radikalen Veränderungen
Besteht aufgrund stark abweichender BMI-Werte Handlungsbedarf, so sollte mit dem/der Jugendlichen ein Plan zur Gewichtszu- oder -abnahme ausgearbeitet werden, der realistische Ziele setzt. Nur nicht zu radikale Veränderungen anstreben!

Prof. Scheer: "Die Hoffnung, die Eltern als Zusatzbehandler zu haben, erweist sich manchmal als trügerisch. Wöchentliche Kontrolle beim Hausarzt mit einem verständnisvollen Gespräch ist meist aussichtsreicher. Bei Magersucht sollte allerdings der Erfolg nicht länger als sechs Monate auf sich warten lassen – andernfalls ist die Überweisung an ein spezialisiertes Zentrum dringend nötig!"

von Dr. med. Wolfgang Exel, Kronen Zeitung

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