Mo, 26. Februar 2018

Rene M. erschossen

13.04.2011 16:19

"Disco-Mord": 15 Jahre Haft für den Todesschützen

Der 49-jährige Andreas K., der in der Nacht auf den 21. August 2010 in der Steinheilgasse in Wien-Floridsdorf aus einem fahrenden Pkw heraus mehrere Schüsse abgegeben und dabei den 20-jährigen Rene M. tödlich verletzt hatte (siehe Infobox), ist am Mittwoch im Straflandesgericht einstimmig wegen Mordes für schuldig erkannt worden. Der mehrfach vorbestrafte Gewalttäter fasste eine 15-jährige Freiheitsstrafe aus. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Andreas K. bekannte sich zuletzt zur fahrlässigen Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen schuldig. "Ich hab' in der Verhandlung sehr viel Neues gehört. Ich muss daher davon ausgehen, dass ich die Waffe abgefeuert habe", sagte der 49-Jährige. Der Schütze nahm, nach Rücksprache mit Verteidiger Werner Tomanek, das Urteil an. Staatsanwalt Gerd Hermann meldete dagegen Berufung an.

Bei einem Strafrahmen von zehn bis 20 Jahren oder lebenslang erschien dem Schwurgericht die verhängte Strafe "tat- und schuldangemessen", so der Vorsitzende Richter Roland Weber in der Urteilsbegründung. "Ein geplanter, gezielter Mord war das sicher nicht, sondern offensichtlich eine spontane Entscheidung", sagte Weber weiter.

Mutter des Opfers erleichtert
Die Angehörigen des Opfers - Vater, Mutter, Schwester und Großmutter - erhielten rund 31.000 Euro zugesprochen, die sich aus den Begräbniskosten und Trauerschmerzengeld zusammensetzen. Die Mutter zeigte sich nach der Verhandlung erleichtert, dass es zu einer Verurteilung wegen Mordes und nicht wegen fahrlässiger Tötung gekommen war, mit der sich der Angeklagte verantwortet hatte. Mit dem Strafausmaß war Renes Mutter nicht ganz einverstanden: "20 Jahre wären gerechter gewesen."

Andreas K. hatte sich zu Prozessbeginn am Montag zwar reumütig gezeigt, sich aber zum inkriminierten Mord "nicht schuldig" bekannt, weil er sich aufgrund seiner Alkoholisierung zum Tatzeitpunkt an nichts mehr erinnern will. "Meine Erinnerung endet im Café 'Jackie' auf der Thaliastraße", erklärte der 49-Jährige, der bereits am Nachmittag heftig zu zechen begonnen haben will, als er mit einer Bekannten angeblich vier Flaschen Sekt leerte. Seine Erinnerung setze wieder ein, "als ich in einem Lokal aufgewacht bin, wo ich noch nie zuvor in meinem Leben gewesen bin". Da war es 4.30 Uhr, und Rene M. war seit rund zwei Stunden tot.

Nach Zeugenaussagen eingelenkt
Nach Zeugenaussagen erfolgte dann der Schwenk: "Aufgrund dessen, was ich hier hören musste, muss es wohl so gewesen sein. Daran habe ich keine Zweifel mehr." Diese hätte ihm spätestens Gerichtsgutachter und Schussexperte Ingo Wieser ausgetrieben: "Wir haben den Lokalaugenschein unter den exakt selben Bedingungen wie am Tag der Tat nachgestellt. Ich saß selbst im Auto, wir sind mit der angegebenen Geschwindigkeit gefahren. Die Straße war gut ausgeleuchtet, ich habe eindeutig die Passanten erkennen können, die ja auch nur fünf bis maximal sieben Meter entfernt waren!"

Welcher der drei abgegebenen Schüsse tödlich war, konnte Wieser aber nicht sagen. "Denn", so ergänzte der medizinische Sachverständige Nikolaus Klutt, "die Kugel blieb im Körper des jungen Mannes stecken, nachdem sie in der Achselhöhle eintrat, zuerst den einen Lungenflügel durchschlug, dann beide Herzkammern zerfetzte und dann auch noch den zweiten Lungenflügel verletzte. Das Opfer verstarb einige Sekunden nach der Schussabgabe."

Ein Film, der von der Überwachungskamera einer in der Steinheilgasse ansässigen Firma aufgenommen wurde, zeigte zufällig das tödliche Geschehen. Darauf ist die gespenstische Szene zu sehen, wie der junge Mann die Steinheilgasse entlang geht, sich ein Fahrzeug annähert, den nächtlichen Spaziergänger passiert und dieser wenige Schritte später zusammenbricht.

Zweifel am "Blackout" des Angeklagten
Zweifel am angeblich vollständigen "Blackout" des Angeklagten nährte auch ein Aktenvermerk, den eine Polizistin angefertigt hatte, nachdem sich der damals noch 48-Jährige am 28. August 2010 - also eine Woche nach der Tat - in Begleitung seines Verteidigers Werner Tomanek gestellt hatte. Während der Anwalt mit anderen Beamten den Einvernahmetermin seines Mandanten festlegte, soll der Angeklagte der Beamtin in groben Zügen von der nächtlichen Autofahrt, die Rene M. das Leben kostete, erzählt und erklärt haben, er habe "den Buben erschossen".

Tomanek verwies darauf, dass sein Mandant rund 17 Stunden nach den Schüssen mit 2,6 Promille Alkohol im Blut aufgegriffen wurde, als er beim Versuch, sein Auto vor einem Heurigen einzuparken, einen Blechschaden verursachte. Der Anwalt meint, sein Mandant müsse in der vorangegangenen Nacht noch mehr "intus" gehabt haben, und hatte daher zahlreiche Zeugen zum Trinkverhalten des 49-Jährigen beantragt.

Im Kaffeehaus eines Bekannten nahm alles seinen Anfang
Der Angeklagte war am Abend des 21. August 2010 im Kaffeehaus eines 29-jährigen Bankangestellten gelandet, das dieser offenbar nach Feierabend bzw. in seiner Freizeit betreibt. Der Wirt sah den 49-Jährigen, der zu seiner Stammkundschaft zählte, einige Spitzer trinken. Als er um 1.30 Uhr das Lokal schließen wollte, bat ihn der 49-Jährige, ihn mit seinem BMW heimzufahren. Der Banker und Teilzeit-Gastronom erklärte sich bereit, dieser Bitte nachzukommen, obwohl die Adresse, die ihm der Mann nannte, am anderen Ende der Stadt lag.

Er war ein netter Kerl. Ich wollte nicht, dass er den Führerschein verliert", erklärte der 29-Jährige im Zeugenstand den sichtlich erstaunten Berufsrichtern, die vermutlich noch selten Wirte angetroffen haben, die angetrunkene Stammgäste nach der Sperrstunde in deren Autos heimwärts chauffieren. Der 49-Jährige sei "betrunken", aber noch in der Lage gewesen, "mich zu lotsen".

Zeuge hörte in der Steinheilgasse einen Knall
In der Steinheilgasse angelangt, wo nicht nur Rene M. ums Leben kam, sondern auch der Angeklagte wohnt, habe er plötzlich einen "Knall" vernommen, schilderte der Zeuge weiter. Als er auf den Beifahrersitz sah, erblickte er eine Pistole in den Händen seines Begleiters. Dieser hatte aus dem geöffneten Beifahrerfenster geschossen: "Ich bin erschrocken. Ich hatte Angst." Unmittelbar danach ließ Andreas K. drei weitere Schüsse folgen (von denen einer Rene M. traf, Anm.): "Er hat wahllos aus dem Auto geschossen. Für mich war das ein wildes, unbedachtes Herumschießen."

Der einzige Tatzeuge versicherte, er habe weder Rene M. noch sonst einen Passanten wahrgenommen: "Das war eine leer gefegte Straße."

Als er zwei Tage später von dem Toten in der Zeitung las, habe ihn der Angeklagte beruhigt, erzählte der Gastronom: "Er hat gesagt: 'Mach da kane Sorgen, das war in einer Parallelstraße.' Ich hab' das geglaubt." Erst als in den Medien ein Foto des verdächtigen Fahrzeugs erschien und er in diesem den BMW seines Stammgasts erkannte, habe er sich bei der Staatsanwaltschaft gemeldet, so der Zeuge abschließend.

von Gabriela Gödel (Kronen Zeitung) und krone.at

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