Di, 22. Mai 2018

"Silvestermord"

12.04.2011 16:08

15 Jahre Haft für das "fast perfekte Verbrechen"

Der 21-jährige Installateur-Lehrling Alexander W., der am 31. Dezember 2009 den 35-jährigen Harald W. vor dessen Wohnung in Wien-Floridsdorf erschossen hatte, weil er damit die angebliche Vergewaltigung seiner Verlobten rächen wollte, ist am Dienstag im Straflandesgericht Wien wegen Mordes zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Das Urteil in dem Prozess um das "fast perfekte Verbrechen" ist nicht rechtskräftig.

Mildernd waren die wahrheitsgemäßen Angaben des 21-Jährigen, erschwerend die "heimtückische Begehung" sowie der Umstand, "dass er andere mit reingeritten hat", wie Richterin Beate Matschnig in der Urteilsbegründung ausführte.

Wegen Beteiligung am Mord wurden der gleichaltrige beste Freund des Todesschützen sowie ein ebenfalls mit ihm befreundeter 24-jähriger Mann schuldig erkannt. Letzterer hatte Alexander W. die Waffe besorgt, ihn an den Tatort begleitet sowie an der Gegensprechanlage geläutet und damit das Opfer aus der Wohnung gelockt. Der 24-Jährige erhielt 13 Jahre Haft, der um drei Jahre Jüngere, der in das Mordkomplott eingeweiht war und Alexander W. ein falsches Alibi verschafft hatte, acht Jahre Haft.

Der Viertangeklagte, der Alexander W. mit seinem Auto an den Tatort gebracht hatte, kam mit fünf Monaten bedingt davon. Ihm glaubten die Geschworenen, dass er bis zuletzt keine Ahnung hatte, dass jemand getötet werden sollte, sondern mit einer bloßen "Abreibung" gerechnet hatte. Der 22 Jahre alte Mann wurde folglich lediglich als Beitragstäter zu einer Körperverletzung schuldig erkannt.

In der Nacht im Mai 2009 nahm alles seinen Anfang
Ausgangspunkt des "fast perfekten Verbrechens" (Staatsanwältin Patricia Lendzian) war eine Nacht im Mai 2009, die die 20-jährige Verlobte von Alexander W. nicht in der gemeinsamen Wohnung verbracht hatte. Sie landete nach einem längeren Lokalbesuch in der Wohnung eines Bekannten, wobei in dieser mit Harald W. ein zweiter Mann übernachtete.

Am nächsten Tag erklärte das Mädchen seinem Lebensgefährten auf dessen Vorhalt, ob es ihn "betrogen" habe, es könne sich an nichts mehr erinnern. Alexander W. ging daraufhin davon aus, dass die älteren Männer seiner Partnerin K.-o.-Tropfen in ein Getränk gegeben und sich an ihr vergangen hatten. "Sie hat mir erzählt, dass ihr Tanga nass gewesen ist", berichtete der 21-Jährige dem Schwurgericht.

Obwohl das Mädchen keine rechtlichen Schritte gegen die beiden Männer einleiten wollte, bestand Alexander W. auf einer behördlichen Verfolgung. Für ihn war erwiesen, dass seine Freundin Opfer einer Vergewaltigung geworden war. Möglicherweise hatte das mehr mit seiner angstbesetzten Fantasie als der Realität zu tun. Denn Alexander W. hatte der 20-Jährigen etwa verboten, ins Freibad zu gehen, weil andere Männer sie nicht im Bikini sehen sollten. Auch tätowieren durfte sie sich nicht lassen, weil kein Mann ihrer nackten Haut nahe kommen sollte.

Von "affenartiger Liebe" zu Freundin getrieben
Als die Staatsanwaltschaft das Strafverfahren gegen Harald W. und den zweiten Verdächtigen endgültig einstellte, weil das angebliche Opfer widersprüchliche Angaben lieferte bzw. Erinnerungslücken geltend machte und sich kein einziger Sachbeweis fand, "hatte mein Mandant das Gefühl, 'ich als Kleiner kann mich nicht wehren und hab' meine Freundin nicht beschützen können'", führte nun Verteidiger Rudolf Mayer ins Treffen. In "affenartiger Liebe" zu seiner Verlobten habe sich Alexander W. daher entschlossen, "das Recht in seine Hand zu nehmen".

Dabei kam ihm zuhilfe, dass auf dem staatsanwaltschaftlichen Einstellungsbeschluss Name, Anschrift und Telefonnummer des Billard-Spielers angegeben waren, der von der Justiz als Erstbeschuldigter geführt worden war.

Pistole ohne Schalldämpfer besorgt
Der 21-Jährige kaufte sich zunächst ein Wertkartentelefon, rief damit eines Tages Harald W. an und gab sich als Paketzusteller aus, um den Mann zweifelsfrei als Peiniger seiner Freundin identifizieren zu können. Nachdem er sich auch noch geeignete Kleidung besorgt hatte, suchte er den Billard-Spieler auf. "Während der Paketzustellung trug der Angeklagte in der Brusttasche eine Stiftkamera, welche Harald W. filmte. Das Video zeigte er anschließend seiner Freundin, die ihm bestätigte, dass es sich dabei um Harald W. handelte", skizzierte die Staatsanwältin in ihrer Anklageschrift das weitere Geschehen.

Im Anschluss ließ sich Alexander W. von einem Freund um 1.000 Euro eine Pistole besorgen und die Waffe auf ihre Funktionstüchtigkeit überprüfen. Er selbst kümmerte sich um eine Sturmhaube mit Sehschlitz und Einweghandschuhe und wählte als "Mordtermin" mit Bedacht Silvester, da er keinen Schalldämpfer für die Pistole auftreiben konnte: Alexander W. ging davon aus, dass der Schuss im allgemeinen Knallkörper-Getöse nicht besonders auffallen würde.

Freund hilft bei geschickter Fälschung von Alibi
Von seinem besten Freund, einem gleichaltrigen Lehrling, ließ sich Alexander W. ein Alibi beschaffen, indem er diesen mit seinem eigenen Pkw nach Pressbaum schickte und bat, dort eine Radarfalle auszulösen. Er gab dem 21-Jährigen auch sein Mobiltelefon mit, um später nachweisen zu können, zum Tatzeitpunkt nicht in Wien eingeloggt gewesen zu sein. Ein weiterer guter Freund und ein laut Anklage ebenfalls eingeweihter Bekannter chauffierten ihn selbst zur Wohnung des Billard-Spielers.

Harald W. ins Gesicht geschossen
Mit einem sogenannten Z-Schlüssel und Pistole gelangte der 21-Jährige vor die Wohnung von Harald W., wo er sich mit einer Sturmhaube maskierte, die Waffe entsicherte und abwartete, bis einer seiner Komplizen an der Gegensprechanlage beim 35-Jährigen anläutete. Als Harald W. die Wohnungstür öffnete, schoss ihm Alexander W. wortlos ins Gesicht.

"Dann bin ich weggelaufen", schilderte der Angeklagte sachlich und ruhig. Zum Motiv bemerkte er: "Es war nicht nur Rache, es war auch, dass ich die ganzen Gedanken aus dem Kopf rauskrieg. Ich wollte die ganzen Emotionen loswerden." Eine Pistole habe er deshalb genommen, "weil es kurz und schmerzlos ist". Über die ihn erwartende Strafe äußerte sich der 21-Jährige folgendermaßen: "Ob ich jetzt 15 Jahre, 20 Jahre oder die Todesstrafe bekomme, ist für mich ein und dasselbe."

Kurz und schmerzlos war der Tod des 35-jährigen Mannes keineswegs, wie Gerichtsmediziner Johann Missliwetz in seinem Gutachten erläuterte. Das Projektil war Harald W. in den Mund gedrungen, gegen die Wirbelsäule geprallt und vom Opfer verschluckt worden. Dem nur mit einem Frotteebademantel Bekleideten gelang es noch, auf die Straße zu wanken, wo er mit seiner klaffenden Wunde von außen gegen eine Lokalscheibe klopfte und verzweifelt versuchte, sich zu artikulieren.

Opfer verblutete qualvoll
Da das Projektil aber nicht nur sieben Zähne zerschmettert, sondern auch Zunge und Kehlkopf zerfetzt hatte, konnte sich Harald W. nicht mehr verständlich machen. Er erlag schließlich im Notarztwagen seinem massiven Blutverlust. Wie Missliwetz darlegte, dürften von der Schussabgabe bis zum Todeseintritt zehn bis 15 Minuten verstrichen sein.

Die Ärzte waren zunächst von einem Unfall bzw. Selbstmord ausgegangen. Die Amtsärztin, die als Erste die Leiche zu sehen bekam, vermutete, im Mund des Mannes wäre ein Feuerwerkskörper explodiert. Da es Ende 2009 in Wien kein gerichtsmedizinisches Institut mehr gab, konnte nicht umgehend eine Obduktion durchgeführt werden. Das Spital, in das die Leiche gebracht wurde, weigerte sich nämlich, ein Röntgen durchzuführen, wie Missliwetz den Geschworenen darlegte: "Neben den Patienten ist das offenbar pfui gacks."

Der Tote musste daher auf die Veterinärmedizinische Uni-Klinik gebracht werden, wo die Leichenöffnung durchgeführt werden konnte. Dabei fand sich im Dünndarm das tödliche Projektil. Dass Harald W. von fremder Hand getötet worden war, wurde klar, als an seinen Händen keine Schmauchspuren festgestellt werden konnten.

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