Mo, 19. Februar 2018

Kaffeehaus-Legende

09.04.2011 18:19

Leopold Hawelka feiert am Montag 100. Geburtstag

Leopold Hawelka (linkes Bild re.) feiert am Montag seinen 100. Geburtstag dort, wo er jeden Tag ist: in seinem Café Hawelka. "Beim Hunderter kommt er uns nicht aus", sagt Amir Hawelka (rechtes Bild li.), Enkel des legendären Cafetiers, lachend. Daher wurden für Montag einhundert Stammgäste - darunter Niki Lauda, Udo Jürgens und André Heller - in das Lokal in der Wiener Dorotheergasse eingeladen.

Von zwei bis vier Uhr nachmittags ist dann ein kleines Überraschungsprogramm mit Lesungen, Geigenklängen, Melange und natürlich den berühmten böhmischen Buchteln geplant.

Diese sind übrigens nicht die Leibspeise des Jubilars, wie viele meinen, erzählt Amir: "Er hat am liebsten die Haustorte, das ist ein Biskuitkuchen mit Kirschen. Die Buchteln waren ja erst am Abend mit der Oma da, und der Großvater ist immer der Tagmensch gewesen."

Stammgäste als Familienmitglieder
69 Jahre lang waren Josefine und Leopold Hawelka verheiratet, und genauso lange haben sie gemeinsam ihre Kaffeehäuser betrieben, zunächst das Kaffee Alt Wien und schon bald darauf, ab dem Jahr 1939, das Lokal in der Dorotheergasse, dem sie ihren Namen und ihr Herzblut gaben. Generationen an Künstlern, sogenannte Meinungsmacher, und Studenten haben hier Teile ihres Lebens verbracht. Wenn Eltern ihre halbwüchsigen Kinder, Frauen ihre Männer und umgekehrt suchten, war ein Anruf im Hawelka ein guter Tipp.

Die resolute Josefine und der gutmütige Leopold Hawelka machten das Kaffeehaus zu ihrem Wohnzimmer und die Stammgäste zu so etwas wie Familienmitgliedern. Jeder wurde gleich behandelt, ob er nun Schüler oder Weltstar wie Oskar Werner war, der neben Helmut Qualtinger und Friedensreich Hundertwasser gerne kam.

Hausverbot wegen des "Nackerten"
Zahlreiche Bilder an den Wänden, viele Originale der Wiener Moderne, sind das beeindruckendste Gästebuch der Wiener Innenstadt. Leopold Hawelka sammelt und schätzt nicht nur ihre Werke, sondern er malt und zeichnet auch heute noch, selbst. Auch damals, als Georg Danzer Mitte der 70er-Jahre mit "Jö schau" und seinen Zeilen über einen "Nackerten im Hawelka" für einen Skandal sorgte und Josefine Hawelka dem Sänger Hausverbot erteilte, war ihr Ehemann der Mäßigende. Danzer durfte nach einiger Zeit wieder auf "A poa Buchteln und a Bier" vorbeikommen.

Im "Hauptberuf" steht Leopold Hawelka nahezu täglich im Kaffeehaus. Von zehn bis zwölf Uhr Vormittag hält er seine "Amtsstunden" und sieht nach dem Rechten. Den Weg von seiner Wohnung in der Nähe des Stephansdoms über den Graben zum "Gschäft" erledigt er zu Fuß. Der Senior ist körperlich fit. Sein Rezept: "Ich habe mein Leben lang solide gelebt, gerne Kaffee getrunken, manchmal ein Viertel Wein und viel gearbeitet." Mittlerweile herrscht sieben Tage die Woche Betrieb. Man will die leichten Einbußen durch das Rauchverbot wettmachen. Die Aschenbecher stellt der hundertjährige "Kaffeehaus-Direktor" aus Routine trotzdem noch immer auf die Tische.

Wunsch nach Urenkeln als Geburtstagsgeschenk
Ab und zu werden alte Bekannte begrüßt, bisweilen mit Unbekannten an Tischen zusammengesetzt, vielleicht nicht so akkurat wie bei Frau Hawelka, unter deren Regime sich auf den hundertzwanzig Sitzplätzen bis zu dreihundert Gäste aneinanderschmiegen konnten. Ohne sie ist das Hawelka in den vergangenen sechs Jahren eine ziemliche "Männerwirtschaft" geworden. "Urenkel hätte sich der Großvater vielleicht schon zum Geburtstag gewünscht", schmunzelt Enkel Amir, der gemeinsam mit Bruder Michael und Vater Günter (Bild, 2. v. links) das Lokal führt. "Daran arbeiten wir noch. Und wer weiß, was noch kommt, vielleicht gibt es auch wieder eine Frau Hawelka in der Dorotheergasse." Als Präsent der Familie gibt es zum Hunderter Blumen, denn darüber würde sich der bescheidene Jubilar am meisten freuen.

Daten und Fakten zur Person
Leopold Hawelka wurde am 11. April 1911 in Mistelbach (Niederösterreich) geboren. Mit 14 Jahren zog er nach Wien und arbeitete im Restaurant "Deierl" als Pikkolo. 1936 heiratete er die um zwei Jahre jüngere Josefine Danzenberger. Einen Tag später eröffnete das Ehepaar sein erstes Lokal: das Kaffee Alt Wien in der Bäckerstraße. Drei Jahre später zogen sie in die Dorotheergasse, um das "Café Hawelka" aufzumachen. Kurz darauf wurde Hawelka in den Krieg eingezogen. 1945 sperrte das Café ohne größere Schäden wieder auf. Josefine Hawelka verstarb am 22. März 2005.

von Nadia Weiss, Kronen Zeitung
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