Fr, 23. Februar 2018

"Krone"-Interview

10.04.2011 14:44

Grüne Vize-Stadtchefin Rücker über Grazer Verkehr

Die grüne Grazer Vize-Bürgermeisterin und Verkehrsstadträtin Lisa Rücker (die selbst ein Rad, aber kein Auto besitzt) im "Krone"-Interview über ihre Vorstellungen zum Verkehr in der Landeshauptstadt: höhere Parkgebühren, grüne Welle, weniger Parkplätze, Abgaben für den Ausbau der Öffis, die sündteure Variobahn als Fehleinkauf, Graz als Autobahn und ihr Fehler, mitunter zu lang über Maßnahmen zu diskutieren.

"Krone": Sie haben kein Auto - wie kommen Sie von A nach B?
Lisa Rücker: In Graz super, mit Öffis, per Rad, zu Fuß. Ich nutze oft die ÖBB. Brauche ich wirklich ein Auto, nutze ich das Grazer Car-Sharing-Angebot, aber das kommt vielleicht alle zwei Monate vor.

"Krone": Ihr Satz "Ich werde es den Autofahrern so schwer wie möglich machen", hat viele geärgert. Gefällt Ihnen das Image der Auto-Hasserin?
Rücker: Eine Stadt wie Graz weist zu viele unnötige Autofahrten auf. Ich habe ja nichts gegen diejenigen, die das Auto unbedingt brauchen. Aber Vorrang für sanfte Mobilität heißt, dass Öffis, Radfahrer usw. bevorzugt werden sollten. Wenn man es den Autofahrern zu bequem macht, steigen sie nicht um. Wer mit dem Rad unterwegs ist, weiß, dass er in der Regel schneller vorankommt als mit dem Pkw.

"Krone": Ihr Ziel für den Grazer Verkehr?
Rücker: Wer ist der Verkehr? Es sind immer die anderen, die ihn verursachen. Mobilität ist gut, ist wichtig, aber das Wie ist entscheidend. In allen Städten Europas wird umgedacht, sanfte Mobilität bevorzugt, auch in Graz.

"Krone": Wie passt es da, dass die Öffis mit 1. Juni schon wieder teurer werden?
Rücker: Als Politikerin würde ich gerne alles gratis anbieten, aber das geht nicht. Wir finanzieren mit den Einnahmen die Grazer Öffis. Die Stadt wird da allein gelassen. Prinzipiell ist es so, dass ich eine Erhöhung rechtlich nicht verhindern kann, weil der Verkehrsverbund Erhöhungen beschließen darf.

"Krone": Mit der neuen 100 Millionen Euro teuren Variobahn gibt es viele Scherereien. War die Bim ein Fehlkauf?
Rücker: Diese Frage kann ich Ende Sommer beantworten. Es gibt ein Maßnahmenbündel, das umgesetzt wird. Alle Werte der Variobahn sind in der Norm, aber es stimmt, dass sie lauter ist als der City-Runner. Die Lärmentwicklung war für alle Beteiligten eine Überraschung.

"Krone": Zum Pkw - warum muss man die grüne Welle in Graz mit der Lupe suchen?
Rücker: Gegenfrage: Für wen soll es die grüne Welle geben? Autos? Fußgänger? Radfahrer? Öffis? Alle sind doch Verkehrsteilnehmer. Noch einmal: Wir setzen auf die Bevorzugung der sanften Mobilität. Auf großen Einzugsstraßen gibt es die grüne Welle für Pkw. In der Stadt ginge das nur mit einer Autobahn - aber es wird ja wohl niemand eine Autobahn durch Graz wollen!

"Krone": Wäre es nicht sinnvoller, den Autoverkehr flüssiger zu gestalten, um den Stop & Go-Verkehr, den Sprit-Verbrauch und den Ausstoß von CO2 zu minimieren?
Rücker: Es gibt sehr gute Seminare, in denen man lernen kann, den Sprit-Verbrauch zu reduzieren. Ein gleichmäßiges Tempo für alle macht den Verkehr am flüssigsten. Ein geringeres Tempo für die Autos ist auch ein Beitrag zur Sicherheit. In den 30er-Zonen haben wir kaum schwere Unfälle. Am Glacis haben wir jetzt ein Pilotprojekt laufen. Wir wollen den Verkehrsfluss für alle Beteiligten beschleunigen!

"Krone": Sie, also die Grünen, fordern weiter höhere Parkgebühren. Ihr Koalitionspartner, die VP, ist dagegen...
Rücker: Ich diskutiere dieses Thema zuerst mit der VP und nicht in der Öffentlichkeit. Um die Parkgebühren zu erhöhen, braucht es aber ohnehin einen Mehrheitsbeschluss im Gemeinderat.

"Krone": Es gab und gibt jede Menge Kritik, dass Sie Hunderte Parkplätze gekappt haben...
Rücker: Da geht es in den allermeisten Fällen um die Sicherheit in Kreuzungsbereichen. Menschenleben sind mir wichtiger als drei Parkplätze. Ich bekomme viele Rückmeldungen von Anrainern, die Schulkinder haben, und froh sind, dass deren Schulwege sicherer sind. Es gibt in Graz aber noch genügend Parkplätze, sonst würden nicht so viele mit dem Auto in die Stadt fahren.

"Krone": Sie wollen Autofahrer zur Kasse bitten, um damit Öffi-Ausbauten zu finanzieren!
Rücker: Wir haben mit der VP eine diesbezügliche Petition an das Land verabschiedet. Es ist unfair, dass riesige Parkflächen in Einkaufszentren gratis sind und man für das Parken in der Stadt zahlen muss! Es ist eine Tatsache, dass wir als Stadt Geld für den weiteren Ausbau der Öffis brauchen. Wir haben viel getan, aber es muss noch mehr passieren. Wir wollen aber nicht die Arbeitnehmer belasten, nach dem Vorbild der Wiener U-Bahnsteuer. Die Arbeitnehmer sind genug belastet. Bei den Autofahrern geht es um Kostenwahrheit. Ein Pkw verursacht nicht nur offensichtliche Kosten, wie Sprit, es fallen auch Umweltschäden an. Ein Pkw nutzt dem Einzelnen - Öffis nutzen allen!

"Krone": Was war Ihr größter Fehler als Verkehrsstadträtin?
Rücker: Dass ich bei kleinen Maßnahmen zu lange mit der VP oder der Wirtschaftskammer diskutiert habe. Wenn wir die Dinge umsetzen, sehen wir, dass sie nicht so schlimm sind, wie viele befürchtet haben.

Interview: Gerald Richter, "Steirerkrone"

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