Do, 22. Februar 2018

Sechs Monate danach

06.04.2011 14:53

Viele Ungarn leiden noch immer unter Giftschlamm-Drama

Das Leid und die Wut sind in die Menschen von Kolontar und Devecser eingesickert wie die rote Giftbrühe in ihren Boden. Spricht man die Bewohner der Dörfer auf ihr Schicksal an, winken sie verbittert ab. Vor einem halben Jahr ist über Ungarn die schlimmste Umweltkatastrophe aller Zeiten hereingebrochen: Damals barst der Damm eines gigantischen Schlammbeckens einer Aluminiumfabrik, die Welle zerstörte Tausende Existenzen. Mittlerweile ist das tödliche Rostbraun zwar fast verschwunden - doch die Landschaft bleibt weiter unbewohnbar und das Grundwasser verseucht.

"Langsam setzt das kollektive Vergessen ein", blinzelt Bernd Schaudinnus nachdenklich in die Frühlingssonne. Der Greenpeace-Mitarbeiter war unmittelbar nach dem Dammbruch am 4. Oktober 2010 dabei. Er hat erlebt, mit welcher Wucht die zwei Meter hohe und Hunderte Meter breite Giftwalze übers Land rollte und eine Fläche von 40 Quadratkilometern unter sich erstickte und verseuchte. Mit 35 km/h raste das 700.000-Kubikmeter-Ungetüm daher, und niemand war darauf vorbereitet.

Zehn Menschen starben, Hunderte wurden verletzt und Tausende obdachlos, weil sich ihre Häuser mit Arsen, Quecksilber, Cadmium, Antimon, Nickel und 33 anderen gesundheitsschädlichen Substanzen vollgesogen haben. Hunderte Gebäude sind schon abgerissen worden, mindestens ebenso viele werden bis Ende Juni folgen. Devecser und Kolontar haben längst aufgehört, in ihren üblichen Strukturen zu existieren.

Versprochene Entschädigungen sind ausgeblieben
"Den Opfern menschlicher Sorglosigkeit und Gier." Das kleine Schild haben die Einwohner von Kolontar auf einen alten Gedenkstein gehängt. Mit nur wenigen Worten üben sie stillen Protest an einem System, das sie zu Verlierern auserkoren hat. Entschädigungen gab es bisher nicht - wer sein Haus verloren hat, dem wurde ein zwar ein neues versprochen, doch bis dato ist nichts geschehen. "Viele wohnen immer noch in Sporthallen oder bei Verwandten", erklärt Schaudinnus. Die Aufregung rund um den Betreiber des Aluminium-Werks, die MAL AG, ist längst verflogen. Die Förderanlangen laufen, die Becken füllen sich wieder mit giftigen Abfallprodukten.

Fröhlich und beschwingt marschiert eine Volksschulklasse am Katastrophenkoordinationsstützpunkt vorbei. Die Kinder tragen Schutzmasken, um den rötlichen Feinstaub nicht einzuatmen. Auf eine Aushangtafel hat man Abrisspläne geklebt, auf denen Devecser in Sektoren eingeteilt ist. Je höher die römische Zahl, desto später rollen die Maschinen an. Mehr als die Hälfte des 6.000 Einwohner-Städtchens wird es in knapp drei Monaten nicht mehr geben. Schon jetzt klaffen dort, wo einst alte Gehöfte mit gepflegten Vorgärten standen, riesige Lücken. Bagger verteilen darauf hellgelbes Erdreich, darunter sickern jede Menge Schwermetalle ungehindert in den Boden.

Ehemaliger Erholungspark als lebensfeindliche Ödnis
Die Giftwelle bleibt allgegenwärtig. An Hausmauern, Fensterscheiben, Baumstämmen und Gartenzäunen hat sie sich verewigt und zwingt die Menschen in Kolontar und Devecser jeden Tag und jede Stunde, sich an den 4. Oktober 2010 zu erinnern. "Das Zeug geht unheimlich schwer runter", sagt der Greenpeace-Aktivist und lässt seinen Blick über einen ehemaligen Erholungspark schweifen, den die Aufräumtrupps ursprünglich vorhatten zu retten. Irgendwann mussten sie aufgeben - der Giftschlamm war einfach überall. Heute ist die einstige Grünanlage nur noch lebensfeindliche Ödnis.

Schaudinnus, der die Bilder von damals noch deutlich vor Augen hat, ist dennoch überrascht: "Es ist viel passiert seither." Die Erde der Felder wurde abgetragen, die Tausenden Tonnen Schlamm hat man quasi zurück nach Hause gebracht und gleich neben den Auffangbecken endgelagert. Ungarns größte Umweltkatastrophe wird zusehends unsichtbarer. Gefährlich unsichtbar. Denn sie ist nach wie vor da - und wird noch lange Zeit ungebetener Gast in Kolontar und Devecser bleiben.

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