Sa, 18. November 2017

„Es war sehr einfach“

06.04.2011 15:33

Prozess gegen den Kopf der „Daltons“-Bande

Mit Santiago Alfredo C. (56) stand am Mittwoch der mutmaßliche Kopf der "Daltons"-Bande vor einem Wiener Schwurgericht. Diese hatte zwischen 2007 und 2009 die Polizei auf Trab gehalten. Nicht weniger als neun Bank- und Postüberfälle in Wels und Wien werden den drei Kriminellen zugeschrieben, wobei sie ihren Spitznamen ihren unterschiedlichen Körpergrößen verdanken. Rund 1,2 Millionen Euro sollen sie insgesamt erbeutet haben.

Der Mann, der im Juli 2010 auf Basis eines europäischen Haftbefehls von Carabinieri in seinem Haus in Ceranova 30 Kilometer südlich von Mailand, wo er ein beschauliches Leben als Familienvater führte, festgenommen worden war, zeigte sich zu den Überfällen geständig, bestritt aber die ihm zugeschriebene führende Rolle.

Der Boss sei sein Komplize Mirko C. gewesen, der im August 2010 in Wien zu 13 Jahren Haft verurteilt wurde: "Er hat mir vorgeschwärmt, hierherzukommen und das zu tun, weil die Banken hier nicht sehr schwierig sind. Wie kann er mir unterstellen, dass ich der Kopf der Bande bin? Als ich hierhergekommen bin, war alles vorbereitet! Es war sehr, sehr einfach", erklärte Santiago Alfredo C.

Land nach Coups stets rasch verlassen

Doch nicht nur Mirko C., der sich in seinem eigenen Verfahren dahingehend geäußert hatte, sondern auch Staatsanwältin Ursula Kropiunig sah in dem Argentinier den Chef. Als Mirko C. 2005 aus einem Gefängnis in Turin entlassen wurde und sich Gedanken darüber machte, wie er seinen Lebensunterhalt bestreiten sollte, hätten ihm Zellengenossen empfohlen, ein bestimmtes Kaffeehaus in Mailand aufzusuchen und sich dort nach einem "Aldo" zu erkundigen, sagte die Anklägerin.

Tatsächlich traf der gebürtige Serbe dort laut Anklage in der Person von Santiago Alfredo C. jenen "Aldo" an, der ihm daraufhin eine Überfall- Serie in Österreich schmackhaft gemacht haben soll. Während Mirko C. in Wien die Örtlichkeiten auskundschaftete, reisten der Boss und die weiteren Komplizen - der mittlerweile in Frankreich wegen Mordes festgenommene Maurizio C. sowie ein vierter, bisher noch flüchtiger Mittäter - jeweils unmittelbar vor den Coups an und verließen nach dem Teilen der Beute rasch wieder das Land.

Flucht per Fahrrad und Auto

Ihren Spitznamen verdankte die Bande den unterschiedlichen Körpergrößen ihrer Mitglieder, die bei den Überfällen meist mit falschen Bärten, aufgeklebten Heftpflastern und Mützen maskiert auftraten. Einmal mimte einer der Räuber sogar einen Blinden. Von den Tatorten entfernten sie sich durchwegs zunächst mit in der Nähe abgestellten Fahrrädern, ehe sie ein paar Gassen weiter in teilweise im Vorfeld gestohlene Pkws wechselten.

Boss lässt sich nach Überfall "salben"

"Mein Mandant war nicht der Kopf der Bande", insistierte Verteidiger Alexander Philipp. Santiago Alfredo C. spreche nicht Deutsch, habe in Wien keinerlei Ortskenntnisse und wäre daher gar nicht in der Lage, in einem fremden Land eine Raub- Serie zu planen. "Außerdem ist er sicher nicht der Drahtigste und Schnellste", verwies der Anwalt auf Wirbelsäulen- Probleme und "Kristallbeine" des 56- Jährigen. "Er hat sich nach einem Überfall in der Therme Oberlaa salben lassen", berichtete Philipp.

Neben Santiago Alfredo C. musste sich nun vor dem Schöffensenat (Vorsitz: Bettina Neubauer) auch eine Cousine von Mirko C. verantworten. Die 41- Jährige soll für die "Daltons" zweimal ihren Wagen als Fluchtfahrzeug zur Verfügung gestellt, dieses auch gelenkt und überdies ihre Wohnung in Wels als Versteck zur Verfügung gestellt haben. Vor allem ein Coup der Bande im März 2008 - nämlich jener in einer BAWAG- Filiale in Simmering - hatte sich bezahlt gemacht und brachte mit einem Schlag 430.000 Euro ein. Zwei Überfälle im Frühjahr 2009 scheiterten, die Kriminellen mussten in diesen Fällen ohne Beute abziehen.

Der Prozess wurde schließlich vertagt. Das Beweisverfahren wird am Donnerstag fortgesetzt, die Urteilsverkündung ist für den Nachmittag geplant.

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