Fr, 24. November 2017

Kultur im Pinzgau

03.04.2011 14:59

41. Literaturtage in Rauris rund um das Thema Schuld

"...und ich begehre, nicht schuld daran zu sein" - dieses Zitat hat die Intendantin der Rauriser Literaturtage, Brita Steinwendtner, vor die 41. Ausgabe dieses fünftägigen Festivals im Salzburger Bergdorf gestellt. Etwa 20 Autoren sind diesem Ruf gefolgt und haben von Mittwoch, dem 30. März, bis einschließlich Sonntag aus Schlüsselwerken ihres Schaffens oder aus brandaktuellen Büchern gelesen.

Zum Teil wurden die Rauris-Texte noch nie in Österreich präsentiert oder noch unveröffentlichten Manuskripten entnommen. Als besonders ergiebig erwiesen sich heuer die Gespräche mit dem Publikum: Gespräche über die ewige Frage der Schuld. Die Lesung des fast 80-jährigen Aharon Appelfeld, der sich mit mehr als 40 Büchern in die Weltliteratur geschrieben hat, könnte dabei als Höhepunkt dieses Literaturfestivals bezeichnet werden. Zwar las der jüdisch-österreichische Autor aus Czernowitz nur wenige Sätze auf Hebräisch, Schauspieler Peter Arp trug die eindringlich-klaren Original-Passagen aus dem Roman "Katerina" vor.

"Hassen und Vergeben sind keine Kategorien für mich"
Aber Appelfeld, dessen Familie fast zur Gänze von den Nazis ermordet worden war, redete mit den Leuten über Schuld und Angst und erzählte in beeindruckend humanistischer Milde von der Unmöglichkeit des Hassens: "Die Mörder selbst haben mich wenig beeindruckt. Hassen und Vergeben sind keine Kategorien für mich. Ich verstehe diese Menschen, die von Haus zu Haus gehen und ohne Grund Leute erschießen einfach nicht. Ich wollte aber immer über Dinge schreiben, die ich verstehe, und das ist das Menschliche", sagte Appelfeld, einer der einflussreichsten literarischen Zeitzeugen des Holocaust, und fügte hinzu, dass Sprache und Katastrophen eigentlich ja gar nicht zusammenpassten.

Nicht weniger authentisch wirkte die 75-jährige Marie-Therese Kerschbaumer. In ihrem Schlüsselwerk "Der weibliche Name des Widerstandes" setzt sie ebenfalls auf wertfreien, scheinbar distanzierten Erzählton, der begreifbar macht, ohne zu moralisieren. Zudem fesselte Kerschbaumer mit einem verblüffend rhythmischen, an liturgische Sprachmelodie angelehnten Vortrag sowie mit einer Reihe von Gedichten in raffinierten Versmaßen. Die große humanistische Katastrophe des 20. Jahrhunderts ist auch Thema zweier junger Autorinnen und ihrer neuen Romane. Die 34-jährige Astrid Rosenfeld - sie betonte, keine Jüdin zu sein, nichts persönlich erlebt oder beobachtet und alles frei erfunden zu haben - sowie die 30-jährige deutsche Jüdin Vanessa Fogel versuchten, die Schuld der dritten Generation erfassbar zu machen - nicht, ohne die im Wahnwitz des Vernichtungskrieges liegenden Wurzeln ihrer Liebesgeschichten und Dramen zu beleuchten. Besonders Fogel beeindruckte mit ihrer geradlinig-unverschnörkelten Sprache.

Steeruwitz ließ Rauriserinnen schreiben
Michael Stavaric
befasste sich in seinem aktuellen Roman "Brenntage" mit dem Loslassen und Abschiednehmen, und der Autor, Theologe und Dogmatiker Gottfried Bachl versuchte sich unter anderem in seinem Buch "Der schwierige Jesus" der Schuldfrage von katholischer, aber humorvoll-freigeistiger Seite her zu nähern. Eher langweilige, an Thema und Publikum vorbeischrammende Lesungen waren auch dabei in den vergangenen vier Tagen. Marlene Streeruwitz' Beitrag aber gehörte da nicht dazu. Besonders ihr Projekt am Freitag, in dem sie eine begonnene und unfertige Geschichte von Rauriser Hobby-Literatinnen fertigschreiben ließ, beeindruckte nicht nur die aktiv Mitwirkenden. Spannend auch Ludwig Lahers Lesung aus seinem aktuellen Roman "Verfahren". Darin beschäftigt sich der Autor mit einer Serbin, die vom österreichischen Asylrecht zermürbt wird.

Und - ganz zu Beginn - der Beitrag der Rauriser Literaturpreisträgerin Dorothee Elmiger aus der Schweiz, die in ihrem Roman "Einladung an die Waghalsigen" eine starke Geschichte virtuos erzählt. Diese vielfach gelobte und ausgezeichnete 25-jährige Schweizerin gilt als eine der literarischen Hoffnungen und setzte am Donnerstag einen beeindruckenden Akzent an den Beginn dieses Literaturfestivals in Rauris.

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