So, 22. Oktober 2017

Gezielte Racheaktion

23.03.2011 19:49

Schütze hatte weitere Namen auf seiner „Todesliste“

Der 59-jährige Amokläufer Alfred Fuchs wollte in der Bezirkshauptmannschaft Wien-Umgebung in Klosterneuburg offenbar ein noch weit größeres Blutbad anrichten. Drei Menschen sollten sterben: neben dem angeschossenen Abteilungsleiter Alexander M., der weiterhin in Lebensgefahr schwebt, Förster Martin A. und Amtstierarzt Holger H. Der Förster versteckte sich stundenlang in Todesangst im Nebenzimmer, der Tierarzt befindet sich derzeit im Ausland und entging so dem Attentat.

Der spätere Geiselnehmer kam am Dienstag nicht in die Bezirkshauptmannschaft, um zu verhandeln. Er wollte nur eines: Rache für das angebliche Unrecht, das ihm widerfahren war. Drei Männer standen auf seiner "Todesliste":

  • Alexander M., Leiter der Forstabteilung in der BH Wien-Umgebung – weil er vor Jahren in einem Verfahren wegen illegaler Ablagerungen beim Reitstall in der Nähe von Wolfsgraben gegen den 59-Jährigen entschieden hatte.
  • Amtstierarzt Holger H., weil er vor Kurzem eine Beschlagnahme der unterernährten und vernachlässigten Pferde in Aussicht gestellt hatte. Der Veterinärmediziner befindet sich im Ausland – und entging so dem Attentat.
  • Förster Martin A., der in die Verfahren verwickelt war. Als der Amokläufer am Dienstag um sich schoss, versteckte sich Martin A. im Zimmer des abwesenden Tierarztes. Stundenlang harrte er in Todesangst Wand an Wand mit dem Schützen aus. Und drückte die ganze Zeit die Türschnalle nach oben, damit ja niemand hereinkommen konnte.

Mit der Scheidung begann der Abstieg
Doch wie konnte es zu dem Amoklauf kommen? Was brachte den Pferdezüchter und Gestütsbesitzer zu der schrecklichen Tat, die noch mehr Opfer hätte fordern sollen? Mit seinen Pferden war der Pferdenarr einst auf der Wiener Trabrennbahn Krieau erfolgreich. Doch mit der Scheidung begann der Abstieg. Er vernachlässigte seine Tiere, zog sich zurück, galt in der Nachbarschaft als Sonderling.

Wegen Pfändung der Pferde ausgetickt
Vor zwei Wochen spitzte sich die Situation zu: Auf seinem Hof wurde eine gerichtliche Versteigerung angeordnet. Daraufhin verbarrikadierte er den Hof und bedrohte eine Tierschützerin. Bis er am Dienstag endgültig ausrastete. Der Tatablauf in der Bezirkshauptmannschaft habe sich über zwei Räume erstreckt, so Oberst Franz Polzer vom Landeskriminalamt. Der Amokläufer habe den knapp 60-jährigen Leiter der Forstabteilung demnach offensichtlich "gnadenlos verfolgt". Das mehrfach getroffene Opfer schwebte am Mittwochabend unverändert in Lebensgefahr.

Die Tatortarbeit wurde unterdessen abgeschlossen, erklärte Polzer. Der Schütze, der laut Obduktion eindeutig Selbstmord verübt hat, hatte demnach aus zwei illegalen, halbautomatischen Faustfeuerwaffen geschossen. An der Wohnadresse des 59-Jährigen ist auch eine Pumpgun gefunden worden, teilte der Oberst mit. Diese Waffe stehe mit der Tat jedoch nicht in Zusammenhang. Wofür sie der Mann verwendet hatte, sei nicht bekannt.

Die Kriminalisten wollen in den kommenden Tagen noch weitere Mitarbeiter der BH befragen. Ebenfalls einvernommen werde jene 52-jährige Frau, die sechs Stunden lang als Geisel in der Gewalt des Täters war. Die Ergebnisse dieser Befragungen würden jedoch nicht veröffentlicht, kündigte Polzer an.

Zwei Polizisten als stille Helden
Neben der Eliteeinheit Cobra gibt es noch zwei uniformierte Lebensretter als stille Helden: Zwei Polizisten waren ohne Waffen zu dem Amokläufer gegangen, um den angeschossenen Amtschef bergen zu können. "Jeden Tag im Einsatz für unsere Sicherheit" – der Leitspruch der Polizei trifft auf die beiden Beamten aus Niederösterreich voll zu. Die Polizisten waren als Erste am Schauplatz des Amoklaufes gewesen.

Und ohne zu zögern, riskierten sie für den mehrmals angeschossenen Forst-Abteilungschef Alexander M. ihr Leben. Denn die Inspektoren durften den Schwerstverletzten erst bergen, nachdem sie ihre Dienstpistolen abgelegt hatten. Unbewaffnet, nur mit einer Schutzweste, zogen die Beamten den Schwerverletzten vom Amokläufer über den Gang weg.

Täter hatte noch 13 Schuss Munition in Waffen
13 Schüsse gab der Amokläufer – er hatte weder Waffenschein noch Besitzkarte – in der Bezirkshauptmannschaft ab. Nachdem der 59-jährige die Waffe gegen sich selbst richtete, fanden die Ermittler zwei 9-Millimeter-Pistolen neben ihm. 13 Stück Munition waren noch in den beiden illegalen Tatwaffen übrig. Womöglich hat die Ladehemmung bei einer Pistole ein noch größeres Blutbad verhindert.

Die beiden einstigen Maschinenpistolen waren offenbar vor langer Zeit in den USA auf Halbautomatik zurückgebaut worden. Dann wurden sie irgendwann über dunkle Kanäle nach Österreich geschmuggelt. Da die Seriennummern herausgeschliffen sind, kann der Weg der Waffen nicht mehr zurückverfolgt werden.

BH am Mittwoch wieder geöffnet
Die BH in Klosterneuburg war am Mittwoch wieder normal geöffnet. Obwohl Parteienverkehr und Kundenfrequenz in gewohnten Bahnen liefen - lediglich die Forstabteilung blieb dienstlich und als Tatort gesperrt -, konnte von "business as usual" nicht die Rede sein. Das Akutteam war noch mit drei Mitarbeitern vor Ort und sprach mit den geschockten Bediensteten. Auch der Bezirkshauptmann überlegte, die psychologische Betreuung in Anspruch zu nehmen: "Ich bin schlichtweg fertig." Das Betreten des Büros sei am Mittwoch keinem leicht gefallen, "bei den Schritten ins Gebäude ist der Schock erst so richtig hervorgekommen".

Die Sicherheitsfrage - in den Bezirkshauptmannschaften kann jeder ein- und ausgehen - werde nun sicher wieder ein Thema, meinte Bezirkshauptmann Wolfgang Straub. "Wir sind aber ein Dienstleistungsunternehmen wie jeder Handelsbetrieb und wollen ein offenes und freundliches Haus bieten", betonte er und sprach sich gegen Personenkontrollen am Eingang aus. Man werde aber nun bei "allen Personen, die uns in irgendeiner Form bedrohen", das Verhältnis zwischen ihnen und ihrem Sachbearbeiter untersuchen lassen. Möglicherweise könne man ja mit einem einfachen Aktwechsel angespannte Verhältnisse beruhigen.

von Doris Vettermann, Christoph Budin und Christoph Weisgram (Kronen Zeitung) und krone.at

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