Sa, 21. April 2018

"Sonne, Wasser, CO2"

28.02.2011 12:19

Genmanipulierte Bakterie produziert Dieseltreibstoff

Fast vier Jahre hat das US-Unternehmen Joule Unlimited nach eigenen Angaben hinter verschlossenen Türen gearbeitet, um die Erdöl-süchtige Welt zu revolutionieren. Man stehe vor dem Durchbruch, gab Joule-CEO Bill Sims nun am Sonntag bekannt. Die 70 Mitarbeiter der Firma hätten es geschafft, ein Bakterium genetisch so umzuprogrammieren, dass es bei der Photosynthese Dieseltreibstoff ausscheidet. Die Kosten würden bei 30 Dollar pro Barrel liegen, so Joule. Beobachter sind indes noch unsicher, ob die Technologie auch im großen Stil funktionieren kann.

"Selbst wenn wir nur zur Hälfte richtigliegen, wird das die größte Industrie der Welt revolutionieren, nämlich die Öl- und Gasindustrie", sagte Sims, der mit seiner Firma im US-Bundesstaat Masachusetts werkt, am Sonntag der Associated Press. "Und wenn wir zur Gänze richtig liegen, wird es die Welt verändern."

Joule hat es nach eigenen Angaben zum ersten Mal in der noch jungen Geschichte der Biokraftstoffe geschafft, einen erneuerbaren Treibstoff herzustellen, der der molekularen Zusammensetzung von Diesel entspricht, ohne dafür Biomasse wie Getreide oder Algen sowie aufwendige Raffinerieverfahren zu benötigen.

Bakterium scheidet Diesel-Moleküle aus
Ein genetisch neu programmiertes Cyanobakterium, das in der von Joule vorgestellten Technologie in Sonnekollektor-ähnlichen Behältnissen gehalten wird, scheidet bei der Photosynthese höhere Alkane aus, Hauptbestandteil von Diesel und Kerosin. Die einzigen dafür benötigten Zutaten: Sonne, Wasser und Kohlendioxid. Das Cyanobakterium sei in der Natur "überall zu finden" und weniger komplex als etwa eine Alge, wodurch die gentechnische Manipulation wesentlich einfacher sei, so Joules Top-Forscher Dan Robertson.

Die Firma behauptet, den Treibstoff mehr oder weniger direkt von den "Bioreaktor" genannten Behältnissen, die wie Solarfarmen im Freien aufgestellt werden können, abpumpen zu können. Eine weitere Raffinierung sei im Prinzip nicht mehr notwendig. Das System hat Joule bereits vergangenes Jahr patentieren lassen und damit erstmals für Aufsehen in der Ölindustrie gesorgt.

Kosten bei nur 30 Dollar pro Barrel
Die gewagteste Behauptung des Unternehmens sind jedoch seine Kostenrechnungen. Die Bakterien seien viermal so effizient wie beispielsweise aus Algen gewonnener Biokraftstoff. Auf einem Acre - etwa 4.000 Quadratmeter oder zwei Drittel eines Fußballfeldes - produzieren die Bakterien in einem Jahr 15.000 Gallonen bzw. rund 57.000 Liter Treibstoff. Das sind 358 Barrel Öl pro Jahr. Joule beziffert die Kosten mit 30 Dollar pro Barrel. Der Preis für ein Barrel Erdöl der Sorte Brent lag am Montag bei 113,25 Dollar.

Ein weiterer Vergleich: Der Diesel-Jahresverbrauch in Österreich hat vergangenes Jahr 9,7 Milliarden Liter betragen. Um ihn mit dem "Bakteriendiesel" zu decken, müsste man Treibstoff-Sonnenfarmen auf 680 Quadratkilometern Fläche errichten, d.h. auf etwas weniger als einem Prozent der Gesamtfläche Österreichs; adäquate Sonneneinstrahlung sowie klimatische Bedinungen vorausgesetzt, über die Joule aber noch nicht genauer informiert hat.

Funkioniert es auch im großen Stil?
Beobachter glauben dem Unternehmen die vorgestellten Zahlen, sind aber skeptisch, was den Ausbau der Technologie im großen Stil betrifft. Der US-Universitätsprofessor Timothy Donohue meinte gegenüber der Associated Press: "Es kann funktionieren, die eigentliche Frage ist aber, ob es funktionieren wird. Es gibt viele gute Ideen, die scheitern, wenn man sie hochskaliert."

Philip Pienkos vom US-Department für Erneuerbare Energien ist skeptisch, was das Verfahren an sich betrifft. Den bisherigen Daten nach zu urteilen, befinden sich die von den Baktieren ausgeschiedenen Treibstoff-Moleküle in einer relativ großen Menge Wasser, aus der man sie erst einmal rausbekommen müsse. "Wenn sie das nicht effizient hinbekommen, tauschen sie ein Problem gegen das andere", meint Pienkos in Bezug auf traditionelle Biosprit-Technologien, die auf Biomasse zurückgreifen.

Joule: In zwei Jahren kommerziell
Nichtsdestotrotz will Joule heuer mit einer rund acht Fußballfelder großen Testanlage in Betrieb gehen, um seine Versuche in großem Rahmen zu beweisen. Geht alles gut, glaubt man, schon in zwei Jahren in den kommerziellen Bereich vordringen zu können.

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