Fr, 24. November 2017

„Krone“-Interview

14.01.2011 07:42

Chef von pro mente: „Zweifel am Sozialstaat“

Der Sozialsparstift des Landes zeigt seine ersten Auswirkungen. Mit voller Wucht trifft er die psychosozialen Beratungsstellen von pro mente – wie auch die Einrichtung in Linz-Ebelsberg. Sie muss Ende Februar sogar zusperren. Bei einem Lokalaugenschein der Grünen erklärte Chef Erwin Puttinger, wieso die Politik bei psychischen Krisen helfen muss und warum man am Sozialstaat Österreich zu zweifeln beginnen könnte.

"Krone": Wie überraschend kam die Nachricht, dass Sie Ihre Beratungsstelle in Linz-Ebelsberg zusperren müssen?
Erwin Puttinger: Es hat uns wie ein Tsunami getroffen. Wir werden zwar mit der pro-mente-Einrichtung Linz-Mitte zusammengelegt, vier Kollegen werden aber ihren Job verlieren.

"Krone": Und das, obwohl der Bedarf an psychosozialer Beratung wirklich enorm ist.
Puttinger: Bis dato konnte pro mente 1.200 Beratungen anbieten, künftig werden es nur halb so viele sein. 2.000 wären aber eigentlich notwendig.

"Krone": Welche Auswirkungen hat es, wenn dringend benötigte Psychotherapeuten und Sozialarbeiter wegrationalisiert werden?
Puttinger: Es ist eine wirklich paradoxe Situation: Auf der einen Seite gibt's Kündigungen, auf der anderen eine Fülle an Leid. Wenn Menschen, die eine Beratung bräuchten, keine bekommen, ist die Gefahr hoch, dass sie psychisch krank werden. Es besteht die Gefahr, dass die Suizidrate steigt. Ich befürchte eine Überforderung der Kliniken.

"Krone": Wie lange müsste ich derzeit auf eine kostenlose Psychotherapie warten?
Puttinger: Mindestens vier Monate. In unserer Beratungsstelle in Traun stehen sogar schon 70 Personen auf der Warteliste.

"Krone": Müsste die Politik da nicht einschreiten?
Puttinger: Die gesamte Gesellschaft müsste bei psychischen Krisen helfen. Passiert da nichts, müsste ich an unserem Sozialstaat wirklich zu zweifeln beginnen.

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