Sa, 18. November 2017

„Wie bei Orwell“

30.11.2010 16:22

Wenn intelligente Stromzähler den Saft abdrehen

In zehn Jahren sollen 80 Prozent aller Haushalte einen "intelligenten" Stromzähler, sogenannte Smart Meter, daheim haben. Hans Zeger von der ARGE Daten zeigt sich davon wenig begeistert. Der Datenschützer sieht die Gefahr eines "Zwei-Klassen-Energiesystems". Nämlich dann, wenn Kunden, die ihre Rechnung zu spät gezahlt haben, der Strom aus der Ferne abgedreht wird. Oder wenn sozial Schwachen verordnet wird, ihr Abendessen drei Stunden später zu kochen, wenn die Spitzenauslastungszeit vorbei ist.

Die Vorstellung, dass auf einem Display im Wohnzimmer angezeigt wird, dass man gerade zu viel Strom verbraucht, "klingt ja nach George Orwell", so Zeger. Zumal zu bezweifeln sei, dass allein durch das Aufstellen neuer Zähler weniger Strom verbraucht werde. Bisher gebe es zum Einsparungspotenzial keine flächendeckenden Untersuchungen. Pilotstudien hätten allerdings gezeigt, dass viele Leute nicht bereit seien, ihren Lebensstil umzustellen, "um sich möglicherweise 50 Euro Energiekosten im Jahr zu ersparen". Eine Energieberatung wäre da viel effizienter, meint Zeger.

Aus der Ferne abschaltbar
Das größte Problem sieht der Datenschützer aber darin, dass via Smart Meter der Strombezug aus der Ferne gedrosselt oder ganz abgeschaltet werden kann. Heute sei es ja für die Mitarbeiter von Stromkonzernen eine große emotionale Belastung, Müttern an der Haustüre erklären zu müssen, "dass sie ihren Babys keine warme Milch mehr machen können".

Zwei-Klassen-Energiesystem
Die Befürchtung, dass durch intelligente Stromzähler sozial Schwache zu Stromkunden zweiter Klasse degradiert werden könnten, sei "sehr realistisch". In Italien, wo man Smart Metering schon vor ein paar Jahren eingeführt habe, bekämen "bestimmte Kunden" gar keinen Stromvertrag mehr, sondern müssten wie bei einer Handywertkarte im Vorhinein zahlen.

Der Stromzähler als "Spionagewerkzeug"
Weiteres Bedrohungspotenzial rühre daher, dass die neuen Stromzähler zu viel wüssten: "Man kann Verbraucherprofile erstellen: Wann ist jemand zu Hause?" Schon jetzt gebe es "eine Menge staatlicher Stellen", die sich dafür interessierten, etwa im Falle sogenannter Steuerausländer. Auch Vermieter könnten theoretisch über den Stromverbrauch herausfinden, ob eine Wohnung vertragsmäßig genutzt wird.

"Keine Gedanken gemacht"
Nach Ansicht Zegers hat sich der heimische Gesetzgeber über das Thema intelligente Stromzähler "keine Gedanken gemacht". Im neuen Elektrizitätswirtschafts- und organisationsgesetz (ElWOG), das am Dienstag das Parlament passierte, stehe nur, dass Smart Metering nach einer Prüfung eingeführt, nicht aber, nach welchen Kriterien evaluiert werden soll. Es fehlten die Rahmenbedingungen. In Deutschland sei es klüger gemacht worden: Die dort eingeführten elektronischen Stromzähler seien aus der Ferne weder ausles- noch steuerbar.

Das könnte Sie auch interessieren
Kommentar schreiben

Sie haben einen themenrelevanten Kommentar? Dann schreiben Sie hier Ihr Storyposting! Sie möchten mit anderen Usern Meinungen austauschen oder länger über ein Thema oder eine Story diskutieren? Dafür steht Ihnen jederzeit unser krone.at-Forum, eines der größten Internetforen Österreichs, zur Verfügung. Sowohl im Forum als auch bei Storypostings bitten wir Sie, unsere AGB und die Netiquette einzuhalten!
Diese Kommentarfunktion wird prä-moderiert. Eingehende Beiträge werden zunächst geprüft und anschließend veröffentlicht.

Kommentar schreiben
500 Zeichen frei
Kommentare
324

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Für den Newsletter anmelden