Mo, 20. November 2017

„Krone“-Interview

04.11.2010 14:13

Geschäftsführer von Linz09 zieht seine letzte Bilanz

Der letzte "09"-er rechnet ab - der Intendant und sein Vize sind längst über alle Berge, die Mannschaft hat sich in alle Winde zerstreut – nur der kaufmännische Geschäftsführer von Linz 09 hält als allerletzter noch die Stellung. Walter Putschögl rechnet noch endgültig ab, bevor er die Kulturhauptstadt liquidiert. Im "Krone"-Interview spricht er über die Ursachen für den 09-Erfolg, die Intendanten, den Tourismus – und den Abschiedsschmerz.

"Krone": Jetzt, wo es wirklich in Kürze vorbei ist – wie ist dieses Gefühl?
Walter Putschögl: Sicher schwingt da einiges an Wehmut mit. Es waren ja doch fünf Jahre, in denen wahnsinnig viel passiert ist. Aber ich bin schon auch froh, dass dieser Teil meines Lebens jetzt mit einem Hakerl versehen wird.

"Krone": Kein Abschiedsschmerz?
Putschögl: Nein. Es war ja immer eine völlig klare Sache, dass mit Ende 2010 mein Vertrag zu Ende sein wird.

"Krone": Sie waren Chef Dutzender Mitarbeiter bei einer europaweit – positiv – beachteten Großveranstaltung. Heute sitzen Sie alleine in einem schmucklosen Kammerl.
Putschögl: Ja, es waren in der Höchstzeit mehr als 50 fix Angestellte plus viele weitere mit Projekt- und Werkverträgen; insgesamt sicher in Spitzenzeiten 150 Mitarbeiter. Jetzt bin ich seit dem 31. Oktober hier als Liquidator ganz alleine in diesem Büro.

"Krone": An einen "Liquidator" denkt man in der Regel bei gescheiterten Unternehmen.
Putschögl: Es stimmt, das ist wirklich eine scheußliche Bezeichnung. Tatsächlich findet sie üblicherweise bei wirtschaftlichen Katastrophen Anwendung.

"Krone": Die Kulturhauptstadt aber war alles andere als eine wirtschaftliche Katastrophe.
Putschögl: Das kann man sagen! Unser Ergebnis ist mehr als zufriedenstellend. Eine schwarze Null haben wir angepeilt, jetzt sind es letztlich 1,7 Millionen Euro Überschuss.

"Krone": Dann haben Sie offenbar gut gewirtschaftet.
Putschögl: Es ist eine Leistung des gesamten Teams. Wie hat einer der ehemaligen Mitarbeiter bei der Verleihung der Bundes-Orden kürzlich so treffend gejubelt? "Wir haben einen Orden bekommen!" Aber bei uns haben eben alle an einem Strang gezogen – auch wenn's zwischendurch natürlich den einen oder anderen Rülpser gegeben hat.

"Krone": Gerade im Kulturbereich ufern die Kosten aber immer wieder beträchtlich aus.
Putschögl: Naja, bei uns hat eine ganz strenge Budgetdisziplin geherrscht. Ich habe in meinem Leben garantiert noch nie so viel gerechnet, wie in diesem Jahr.

"Krone": Wenn so viel Geld übrig bleibt, dann kann man in die viel geforderte Nachhaltigkeit von Linz09 investieren.
Putschögl: Zunächst ist ja schon viel geblieben, von Lichtlände über Pixelhotel, Turmeremit undundund. Und es wird weiter investiert. Wir haben die Triennale heuer unterstützt, den Kepler Salon, Crossing Europe, Next Comic. Es wird ein Nachfolgeprojekt zur Schulaktion "I Like To Move It" geben. Und Höhenrausch 2 kommendes Jahr.

"Krone": Dann hätte man ja "versenkte" Projekte wie den "Heiligen Berg" doch auch realisieren können. Und hätte das viel gelobte Akustikon nicht zusperren müssen.
Putschögl: Naja, die Entscheidung beim Heiligen Berg war schon richtig, beim Akustikon war ich nicht glücklich. Aber es gibt ja jetzt im neuen Musiktheater leise Hoffnung auf eine Wiedergeburt.

"Krone": Martin Heller, Uli Fuchs, Walter Putschögl: drei sehr unterschiedliche Typen im Linz09-Führungstrio.
Putschögl: Ein Schweizer, ein Deutscher, ein Österreicher – auch wenn wir alle drei Deutsch sprechen, denken und fühlen wir unterschiedlich. Aber es hat wunderbar funktioniert. Wir sind letztlich die längstdienende Führung einer Kulturhauptstadt – ganz ohne Wechsel.

"Krone": Nach einer so positiven Bilanz wird man sich um den erfolgreichen Kultur-Manager Walter Putschögl reißen. Was macht er nächstes Jahr?
Putschögl: Darüber denkt er intensiv nach. Ich habe viel Wissen im Bereich der kaufmännischen Geschäftsführung in kulturellen Belangen angesammelt. Das könnte ich einerseits in beratender Funktion weitergeben. Es gibt aber auch sehr interessante Anfragen aus Wien und Salzburg. Aber klar bleibt, dass mein Lebensmittelpunkt Linz ist. Aber diese beiden Städte sind ja nicht so weit.

"Krone": Sie kommen aus dem Oberösterreich-Landestourismus, wo Sie auch ein Rückkehrrecht gehabt hätten.
Putschögl: Ich habe den Tourismus nie aufgegeben. Wenn man im Verbund arbeitet, wie ich es jetzt gelernt habe – dann kann man da viel bewegen.

von Klaus Herrmann, "OÖ Krone"

 

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