Fr, 15. Dezember 2017

"Krone"-Reportage

30.08.2010 09:06

Der traurige Fall von Hildegard: ein Fehler im System...

Ein Mann und seine Frau – Sie ist schwer behindert, er kerngesund. Vor sieben Jahren zerschmetterte eine Gehirnblutung das unbeschwerte Leben von Günther und Hilde. Das Paar hielt zusammen und kämpft bis heute Seite an Seite. Jedoch erweist sich das Gesundheitssystem mehr als Feind, denn als Freund.

Der Rauch der Zigarette schlängelt sich elegant gen Himmel, die Glut frisst langsam aber stetig das dünne Papier und verbrennt den trockenen Tabak. Immer wieder nimmt Günther einen tiefen Zug von seiner Memphis. Die rechte Hand ist über den Aschenbecher gebeugt, die Finger der linken Hand streichen über den Arm seiner Lebensgefährtin Hildegard (57). "Ich komme mir vor wie ein Bittsteller", sagt er und tötet die Zigarette aus. Er spricht über den monatlichen "Canossagang" in die Büros der Tiroler Gebietskrankenkasse.

Regelmäßig muss er dort um finanzielle Zuschüsse für die zahlreichen Therapien seiner schwer behinderten Partnerin ansuchen. Logo-, Ergo-, Physio- und Hippotherapie stehen auf Hildegards wöchentlichem Terminplan. Es ist hart, anstrengend, nicht immer von Erfolg gekrönt, aber einfach notwendig.

Hildegard fiel bei der Arbeit einfach um
Hildegard war Kellnerin. Sie und Günther lernten sich vor mehr als elf Jahren kennen und lieben. Unbeschwert war die Zeit, sie waren nicht mehr oder weniger von Sorgen geplagt, als andere "normale" Bürger in Tirol. Das Glück der beiden sollte nur drei Jahre währen. "Hildegard servierte in ihrem Café, als ihr schwarz vor Augen wurde", erinnerte sich Günther. Diagnose: Hirnblutung. Vollständige Genesung schlossen die Ärzte aus.

"Am Anfang wusste ich nicht, wie ich die neue Situation meistern sollte. Nachdem Hildegard drei Monate im Krankenhaus Hochzirl lag, nahm ich sie zu mir nach Hause. Eine 24-Stunden-Pflegestelle kam für mich nicht in Frage", betonte Günther.

Günther kümmert sich selbst um seine Liebste
Also kümmerte sich der Pensionist fortan um den Tagesablauf: Therapie, Essen kochen, waschen, füttern, zu Bett bringen etc. Günther lebt seither zwei Leben. Mittlerweile hat er einen Tagesheimplatz organisiert. "Abends und an den Wochenenden ist sie bei mir", erzählte der Innsbrucker und zündet sich eine weitere Zigarette an.

Therapie kostet Günther Tausende Euro
Zu dem seelischen Schock und den psychischen Belastungen gesellen sich nun finanzielle Probleme. Therapien sind teuer, Johanniter-Fahrservice und Tagesheimpflege kosten ebenfalls ordentlich Geld. "Hätte ich nicht so eine gute Pension, wäre ich vollends aufgeschmissen."

Die Gebietskrankenkasse sei knausrig: "Alle Therapiegesuche werden in irgendeiner Form beschnitten. Man sagte mir, dass bei meiner Partnerin keine Heilung möglich sei, deshalb erachtet die Kasse einige Therapien als völlig sinnlos", schilderte Günther kopfschüttelnd.

Die Hippotherapie, eine spezielle medizinische Betreuung auf Pferden, die laut Medizinern Haltungsverbesserungen, Entspannung und bessere Lebensqualität verspricht, wurde dem Paar gestrichen. Begründung: Bei Hilde bestehen keine Heilungschancen. 1.650 Euro für 30 Therapieeinheiten muss Günther nun aus eigener Tasche berappen. "Insgesamt gebe ich nun 1.700 Euro monatlich für Pflege und Therapien aus."

Die Haltung der Krankenkasse unterlag während der Recherchen einem stetigen Wandel: Zuerst hieß es, man würde jegliche Therapie gewähren, solange eine ärztliche Verordnung vorliege. Die zweite Stellungnahme zum Kostenersatz für die Hippotherapie liest sich dann wie aus dem Beamten-Handbuch: "Personen bis 18 Jahre bekommen 20 Hippo-Therapiestunden pro Jahr, Personen ab 18 Jahren nur sechs Stunden."

Dabei könne es nicht lege artis sein, eine pauschale Patienten-Abfertigung zu betreiben. "Jeder Kranke benötigt individuelle Therapien, da kann man nicht alles über einen Kamm scheren", meinte Günther.

Reformen fehlen
Österreich heftet sich die Plakette des vorbildlichen Gesundheitssystems an die Brust. In Wahrheit liegt das Gesundheitswesen in den letzten Zügen: Die maroden Kassen, die Einsparungsmethoden sowie die ungewisse Zukunft des aufgeblasenen Apparates, der bald nicht mehr zu finanzieren sein wird, verlangen Reformen, die die Politik nicht zustande bringt…

von Matthias Holzmann, Tiroler Krone

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