Di, 12. Dezember 2017

Hurrikan-Drama

29.08.2010 21:14

Fünf Jahre nach "Katrina": Wunden werden nie heilen

Am fünften Jahrestag des Hurrikans "Katrina" haben die Menschen im Süden der Vereinigten Staaten der Opfer des verheerenden Wirbelsturms gedacht. In New Orleans, aber auch in vielen anderen Orten in den Staaten Mississippi und Louisiana wurde bei Gedenkveranstaltungen an die 1.800 Todesopfer erinnert. Der bedrückende Anblick von Mahnmälern und Trauerblumen vermengte sich mit dem fröhlichen Klang der Marching Bands. Doch die Wunden werden wohl nie verheilen - auch wenn die Regierung den Bewohnern noch so viel Geld verspricht.

In Louisiana trugen am Sonntagnachmittag Hunderte Trauernde "Katrina" symbolisch zu Grabe. Auf einem Gedenkgottesdienst in Chalmette im US-Staat Louisiana legten sie Briefe mit Abschiedsbotschaften in einen Sarg, der dann mit den Zeugnissen der Trauer und des Zorns beerdigt wurde. "Geh weg von uns!", beschwor ein Zettel in roter Kinderschrift. Ein anderer erinnerte an eines der 1.800 Todesopfer der Hurrikan-Katastrophe: "Ruhe in Frieden, Gloria, ich werde dich immer lieben".

"Ich habe darum gebeten, dass das Leiden ein Ende hat, dass alles wieder so wird, wie es war", sagte Walter Gifford, der inzwischen sein Haus wieder aufgebaut hat und in die Umgebung von New Orleans zurückgekehrt ist. "Ich wünschte, dass der Kummer so vieler Menschen ein Ende nähme." Auch Nancy Volpe hat im vergangenen November ihr Haus wieder bezogen. "Ich habe viel geweint, als ich meinen Brief schrieb", bekannte sie. "Aber ich bin endlich zuhause. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viel besser ich jetzt verstehe, was das bedeutet: Zuhause."

Auch die Kirche, in der der Trauergottesdienst stattfand, stand vor fünf Jahren unter Wasser - so wie fast alle Gebäude im Landkreis St. Bernard Parish. Als der Sargdeckel über den Briefen zugeklappt wurde, applaudierte die Gemeinde. "Ich war schon bei vielen Beerdigungen", sagte Erzbischof Gregory Aymond. "Aber das ist das erste Mal, dass ich Beifall hörte, als der Sarg geschlossen wurde."

New Orleans stand einen Monat unter Wasser
Der Wirbelsturm "Katrina" hatte am 29. August 2005 die Stadt New Orleans, das südliche Louisiana und die Golfküste von Mississippi unter Wasser gesetzt und verwüstet. In New Orleans dauerte es einen Monat, bis die Wassermassen abgepumpt waren.

Nicht, dass die katastrophalen Folgen völlig überraschend gewesen wären. Schon Jahre vor "Katrina" hatten Experten gemahnt, dass die Dämme einem schweren Hurrikan der Stärke 3 und darüber nicht standhalten. Als die Katastrophe vor der Tür stand, setzten die örtlichen Behörden die Evakuierungspläne zu zögerlich um. Auch Washington und vor allem die Behörde für Katastrophenmanagement FEMA war planlos, gelähmt und chaotisch. Die Koordinierung der Hilfe dauert Tage, die Bedingungen waren kaum menschenwürdig.

Der US-Kongress gab nach einer Untersuchung den Behörden auf allen Ebenen - lokal, bundesstaatlich und in Washington - die Schuld für das Desaster. Für Präsident George W. Bush wurde die Katastrophe zu einem entscheidenden politischen Sargnagel.

Insgesamt waren Küstenbereich in drei Bundesstaaten auf einer Fläche von 233.000 Quadratkilometern betroffen. Rund 350.000 Häuser wurden zerstört, 1,3 Millionen Menschen verloren ihr Zuhause. Mehr als doppelt so viele wurden von der Stromversorgung abgeschnitten. Der Gesamtschaden belief sich laut dem Rückversicherer Münchener Rück auf 125 Milliarden Dollar.

"Zittere bis ins Mark, wenn sich ein Sturm zusammenbraut"
Besonders betroffen war in New Orleans der Ortsteil Lower 9th Ward, wo bisher nur ein Viertel der 5.400 Häuser, die dort standen, wieder aufgebaut wurde. In den Häuserreihen der Lower Ninth Ward klaffen heute noch Lücken, oft hat die Natur mit dichtem Unkraut Raum zurückerobert. An Türen, Mauern, mit Brettern verrammelten Fenstern legen gesprayte Kreuze und Daten noch immer Zeugnis ab, dass man hier einst nach Überlebenden und Toten suchte.

Die Erinnerung ist noch immer wach. Kommt ein Hurrikan, steigt die Nervosität schneller als vor "Katrina". "Wenn ich Donner höre und Blitze sehe, und der Wind an meinem Haus rüttelt, verstecke ich mich unter der Decke", schreibt jemand in einem Blog der "Times-Picayune". "Seit 'Katrina' scheine ich äußerlich stärker. Aber ich zittere bis ins Mark, wenn sich ein Sturm zusammenbraut."

Aber: "New Orleans ist auf jeden Fall wieder auf den Beinen", urteilt Jim Amoss, Chefredakteur der "Times-Picayune". "Vor fünf Jahren hätte niemand gedacht, dass es mal so wird wie jetzt." New Orleans selbst hat sich mit rund 355.000 Einwohnern auf knapp 80 Prozent des früheren Standes erholt. Die Kehrseite: "Zur Normalität sind wir noch nicht zurückgekehrt, weil einige Viertel noch nicht wieder so bewohnt sind wie einst", sagt Amoss.

"Katrina" hat großes Kriminalitäts-Problem hinterlassen
Ein großes Hindernis für Rückkehrer ist die Kriminalität. Seit Katrina ist die Zahl der Verbrechen sprunghaft in die Höhe geschnellt. Die Polizei freut sich inzwischen schon über schlechtes Wetter. "Wenn es regnet, verüben die Leute weniger Verbrechen", sagt Polizeioffizier James Young. Allein für das laufende Jahr erwartet die Polizei 200 Morde. Pro Kopf der Bevölkerung hätte New Orleans damit die höchste Mordrate aller Großstädte in den USA.

Die Verwüstungen nach "Katrina" haben die Kriminalität regelrecht angelockt, die halb verfallenen Häuser in den verlassenen Stadtteilen bieten sich als Schlupfwinkel für Drogendealer an. Und wo harte Drogen sind, ist die Gewalt nicht fern. 23 Prozent der Menschen leben unterhalb der Armutsschwelle, US-weit sind es nur 13 Prozent.

Um der Kriminalität den Nährboden zu entziehen, hat die Stadt ganze Sozialwohnungsanlagen abreißen lassen. Damit keine neuen Ghettos entstehen, werden freundliche neue Appartementhäuser gebaut, die auch die Mittelschicht ansprechen sollen. Eines jener Bauprojekte zählt auch zum Patrouillegebiet von Polizeioffizier Young. "Diese Gegend war früher die reinste Kloake", berichtet er. "Es ist nun schon ein Unterschied zu früher." Die Bauherren haben dem Projekt im ehemaligen Problembezirk den wohltönenden Namen "River Garden" verpasst. Viele Appartments freilich stehen immer noch leer. "Das sind schon nette Wohnungen, nur muss man jetzt noch jemanden überzeugen, tatsächlich hierherzuziehen", sagt Young.

Obama verspricht New Orleans mehr Geld
Auch Präsident Barack Obama besuchte am Sonntag den Süden der USA. Er beendete damit zeitgleich seinen Urlaub auf der Insel Martha's Vineyard. Gemeinsam mit seiner Familie ging er an Bord eines Hubschraubers der Marine, der ihn nach New Orleans brachte, wo sich der Präsident als erstes unters Volk mischte und in einem Diner auf die Bürger der Stadt traf.

Am Nachmittag versprach der Präsident der Stadt bei einer Rede an der Xavier University dann weitere Unterstützung beim Wiederaufbau. "Meine Regierung wir Ihnen beistehen und an Ihrer Seite kämpfen bis der Job erledigt ist", sagte Obama. Laut Obama werden "Milliarden Dollar" in den Aufbau von Schulen, Straßen, Kanalisationen, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen investiert. Derzeit seien mehr als 170 solcher Projekte in Arbeit. Zudem werde ein neues System aus Schutzwällen New Orleans ab 2011 vor dem nächsten Jahrhundertsturm schützen.

"Nicht in jeder Hurrikan-Saison Russisches Roulette spielen"
"Wir sollten nicht in jeder Hurrikan-Saison wieder Russisches Roulette spielen", sagte Obama. Der Präsident bezeichnete die Folgen von "Katrina" nicht nur als Naturkatastrophe, sondern als "ein beschämendes Versagen der Regierung, die unzählige Männer, Frauen und Kinder in Stich gelassen hat." Er verwies damit auf die heftige Kritik an dem Krisenmanagement von damals

New Orleans habe in den vergangenen Jahren bedeutende Fortschritte gemacht, sagte Obama. Die Stadt sei trotz vieler ungeheilter Wunden und unwiederbringlicher Verluste mittlerweile ein "Symbol für Widerstandsfähigkeit, Gemeinschaft und Verantwortung füreinander". Obama versprach weiter, auch den Kampf gegen die derzeitige Ölpest im Golf von Mexiko so lange weiterzuführen, bis alle Schäden für die Stadt, den Staat und die Region beseitigt seien. "Wir vertrauen weiter auf solide wissenschaftliche Erkenntnisse, um mit allen langfristigen Auswirkungen der Ölpest fertig zu werden."

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