Sa, 16. Dezember 2017

Hundstage

27.08.2010 15:02

Mit Kane und Lynch in "Dog Days" nackt durch Shanghai

Nackt durch die Straßen von Shanghai laufen – das hat es in einem Videospiel bislang auch noch nicht geben. Kane und Lynch, das psychopathische Duo aus Eidos gleichnamigen Shooter, sind eben anders. Vom Spiel selbst, dessen zweiter Teil unter dem Titel "Dog Days" seit kurzem in den Läden steht, lässt sich das jedoch nur bedingt behaupten.

Ein allerletzter Coup noch, dann möchte Söldnerseele Marcus "Kane" Adam sich zur Ruhe setzen. Doch bereits kurz nach seiner Ankunft in Shanghai läuft alles aus dem Ruder. Sein alter Kompagnon Lynch erschießt versehentlich das Gspusi eines angesehen Unterwelt-Bosses mit guten Verbindungen zur Politik, was bald darauf zur Folge hat, dass nicht nur zahlreiche Ganoven, sondern auch die Freunde und Helfer der Polizei das Duo tot sehen wollen. Echte Hundstage eben.

Kane und Lynch haben daher nur einen Wunsch: das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Von Blei geschwängerter Luft begleitet, führt die Flucht der beiden stilecht an chinesischen Wäschereien, Sushi-Lokalen und Shopping-Malls vorbei über verlassene Baustellen, heruntergekommene Industrieanlagen oder das Innere eines Wolkenkratzers, ehe das Spiel – so viel sei verraten – am rettenden Flughafen sein leider sehr abruptes und geradezu unspannendes Ende nimmt.

Dazwischen gibt es außer zu überleben und zu ballern, was das Zeug hält, ehrlich gesagt nicht viel zu tun. Taktische Ziele, wie eine Person zu beschützen oder einen Transporter an der Flucht zu hindern, werden von Level zu Level seltener. Und auch strategische Komponenten, wie das noch vom Vorgänger gewohnte Befehligen anderer Mitstreiter, wird man bei "Kane & Lynch 2: Dog Days" vergeblich suchen. Das mag allerdings vielleicht auch daran liegen, dass man mit Ausnahme des letzten Levels nun nicht mehr den rational denkenden Kane, sondern den aufbrausenden Lynch steuert.

So kommt es, das einen trotz abwechslungsreich gestalteter und oftmals großzügig angelegter Umgebungen das dumpfe Gefühl beschleicht, in einem Schießbudenkabinett zu sein: Einer nach dem anderen strömen die Gegner in den Raum, gehen in Deckung und starten einen Stellungskrieg. Sind sie nach langem hin und her dann endlich aus dem Weg geräumt, darf kurz verschnauft werden, ehe das Prozedere im übernächsten Raum von vorne beginnt.

Eigentlich schade, denn die Geschichte als solche und ihre beiden Hauptdarsteller, die sich aufgrund ihres negativen Images positiv von den sonst so gebräuchlichen strahlenden Helden unterscheiden, wissen zu fesseln. Auch in Sachen Optik unterscheidet sich "Kane & Lynch" deutlich von seinen Mitbewerbern, wirkt die ganze Inszenierung doch, als wäre sie mit einer Handkamera gefilmt worden. Wackler, Aussetzer, Pixelfehler und Bildartefakte inklusive.

Ist die Flucht nach gut sechs bis sieben Stunden gelungen, darf man sich dem abermals umfangreichen Multiplayer-Part widmen. Neben einem Koop-Modus für zwei Spieler (online oder offline per Splitscreen) und dem Arcade-Mode, in dem es von Runde zu Runde schwieriger wird, als Bankräuber vor den Verfolgern zu flüchten, warten der bereits bekannte "Fragile-Alliance-Modus", die Team-Deatchmatch-Variante "Cops and Robbers" und der "Undercover Cop"-Modus, in dem man sich unter eine Gruppe von Bankräubern mischt und verhindern muss, vorschnell entdeckt zu werden.

Fazit: "Kane & Lynch 2: Dog Days" beginnt rasant, verliert im weiteren Spielverlauf (Stichwort: "More of the same") aber an Fahrt und endet schließlich ziemlich schwach. Spaß macht die Tour de Force durch Shanghai dennoch. Das liegt zum einen an dem ungewöhnlichen Duo, dessen charakterliche Besonderheiten man aber sicherlich noch besser hätte herausarbeiten können; zum anderen an der intensiven Erzählweise, die durch die Handkamera-Optik und die authentisch wirkende Kulisse Shanghais zusätzlich verstärkt wird. Dass der Spaß nach gut sieben Stunden bereits vorbei ist, wird durch den gelungenen Mehrspieler-Part glücklicherweise wieder wettgemacht.

Plattform: Xbox 360 (getestet), PS3, PC
Publisher: Eidos
krone.at-Wertung: 8/10

von Sebastian Räuchle

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