So, 17. Dezember 2017

Video aus der Tiefe

27.08.2010 09:43

Minenarbeiter in Chile zeigen, wie sie überleben

Die 33 eingeschlossenen Minenarbeiter in Chile haben jetzt auch eine audiovisuelle Botschaft an die Oberfläche gesendet. Mit einer Mikro-Videokamera, die zu den in 688 Metern Tiefe festsitzenden Männern hinuntergelassen werden konnte, haben sie einen 45-minütigen Film gedreht, der durch die Räumlichkeiten unter Tage führt und herzliche Grußbotschaften an die Familien der Eingeschlossenen enthält. Tenor der Kumpel: "Es geht uns gut - aber wir haben riesigen Hunger!"

"Wir haben alles organisiert", sagt einer der Arbeiter stolz in die Kamera, als er durch den Wohnzimmer-großen Schutzbunker führt, in dem die 32 chilenischen Arbeiter und ein bolivianischer Kumpel seit dem 5. August überleben. Obwohl auch in Stollen und anderen Einrichtungen Platz sei, um sich die Füße zu vertreten, habe man hier soetwas wie ein Hauptquartier eingerichtet. "Wir halten hier jeden Tag Besprechungen ab und muntern uns gegenseitig auf." Dann deutet er auf ein dunkles Eck: "Und hier beten wir."

Ein Zahnputzbecher als Beweis für Normalität
Der 45-minütige Film, der am Donnerstagabend in kurzen Auszügen im chilenischen Staatsfernsehen gesendet wurde, zeigt alle Kumpel wohlauf, wenn auch verdreckt und abgemagert. Für die Grußbotschaften an die Familie nehmen sie ihre Schutzhelme ab, die sie ansonsten fast die ganze Zeit tragen. Einige seiner Kumpel hat der Kameramann beim Filmen offenbar erst aus dem Schlaf geweckt, wie auf den Videoaufnahmen zu sehen ist.

Mit Domino und Kartenspielen vertreibe man sich die Zeit in dem engen, spärlich beleuchteten Raum, der aber trotz aller Umstände sauber aufgeräumt ist. Neben dem Erste-Hilfe-Kasten an der Wand sind die wenigen Besitztümer und Alltagsgegenstände aufgereiht. Stolz zeigt ein Arbeiter in dem Video auf den gemeinsamen Zahnputzbecher, der den Überlebenswillen der Kumpel beweisen soll und dass sie tägliche Rituale nicht aufgegeben haben. Aus einem Kanister verteilen sie Wasser für Gesicht und Hände. Auch Deo, Duschgel und ein paar Flaschen Alkohol sind zu sehen.

Warum die Arbeiter fast alle keine Oberbekleidung tragen, ist schnell erklärt: Ein Thermometer neben dem "Bad" zeigt 29,5 Grad Celsius. Am Ende des Videos stimmen sie schwitzend die Nationalhymne an.

Schwierige Essenslieferung durch Acht-Zentimeter-Rohr
Die seit rund drei Wochen in der kleinen Gold- und Kupfermine San Jose am Rand von Copiapo in der Atacama-Wüste eingeschlossenen Bergarbeiter leiden aber an Flüssigkeitsmangel und Hunger. Sie verloren jeweils zwischen acht und zehn Kilo Gewicht, berichtete Chiles Gesundheitsminister Jaime Manalich am Donnerstag.

Über das acht Zentimeter dünne Rohr, durch das am Donnerstag auch die Kamera nach unten gelassen wurde, werden die Arbeiter bisher nur mit Spezialnahrungsmitteln zum Trinken versorgt. Das Herablassen von Gegenständen sei sehr schwierig, hieß es. In den kommenden Tagen sollen die Kumpel aber immer mehr feste und auch kalorienreichere Nahrung bekommen, wie Manalich sagte. Zudem ist geplant, den in der Kupfermine eingeschlossenen Männern durch den Verbindungsschacht einen kleinen Projektor zu schicken, damit die Eingeschlossenen Filme gucken können.

Rettung könnte bis Weihnachten dauern - NASA unterwegs
Die Rettung selbst kann sich noch drei bis vier Monate hinziehen. Mit der Bohrung eines breiteren Rettungsschachts kann erst jetzt begonnen werden. "Tag Eins" der entscheidenden Etappe ist für Samstag geplant. Dann soll das Spezialbohrgerät "Strata 950" beginnen, den Rettungstunnel in die Tiefe zu treiben. Der Bohrer gräbt sich Tag für Tag 8 bis 15 Meter tiefer ins Erdreich. Der entstehende Kanal ist etwa 40 Zentimeter breit und wird in einem zweiten Bohrgang auf 66 bis 70 Zentimeter erweitert. Dann sollen die Männer einzeln in einem schmalen Korb nach oben gezogen werden.

Experten der US-Raumfahrtbehörde NASA sollen Manalich zufolge spätestens zu Wochenbeginn an der Mine in der Atacama-Wüste, etwa 850 Kilometer nördlich der Hauptstadt Santiago, eintreffen, um die chilenischen Helfer zu unterstützen. Die chilenische Regierung bat die NASA um ihren Rat, da die Situation der Bergleute vergleichbar sei mit Astronauten, die monatelang in Weltraumstationen ausharrten. Auch sollen die NASA-Experten versuchen, die Sauerstoffversorgung unter Tage zu optimieren.

Gericht friert Gelder des Minen-Betreibers ein
Angesichts erster Klagen von Familien der Bergarbeiter gegen die Betreiberfirma der Mine hat indes ein Gericht das Einfrieren von umgerechnet rund 1,4 Millionen Euro für zukünftige Schadenersatzforderungen angeordnet. Die Angehörigen werfen dem Unternehmen Fahrlässigkeit vor, weil das Bergwerk im Jahr 2008 nach einer Schließung aus Sicherheitsgründen voreilig wieder geöffnet wurde, wie der Anwalt der Familien sagte.

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