So, 17. Dezember 2017

Chaos in Pakistan

25.08.2010 12:04

Experte: "Regierung hat Lage nicht mehr unter Kontrolle"

Die verheerende Flutkatastrophe droht Pakistan dauerhaft zu destabilisieren. Vor dieser Gefahr hat der Chef des Deutschen Orient-Instituts, Gunter Mulack, am Mittwoch gewarnt. "Die Regierung hat die Lage nicht mehr unter voller Kontrolle", konstatierte der frühere deutsche Botschafter in Pakistan. Das werde nicht nur durch die den Taliban zugerechneten Anschlägen der vergangenen Tage deutlich, sondern auch durch Berichte über Lynchjustiz in verschiedenen Teilen des Landes.

Ausdrücklich wies der deutsche Ex-Diplomat den verschiedenen pakistanischen Regierungen eine Mitverantwortung für die Krisen in der Region zu: Um die Inder in Kaschmir zu bekämpfen, hätten sie jene radikal-islamischen Gruppen aufgebaut, die nun Nutznießer der Destabilisierung wären. Die islamistischen Kräfte verfügten über ein dichtes organisatorisches Netz in ganz Pakistan. Bereits beim Erdbeben 2005 habe er als Botschafter erlebt, wie effektiv sie dabei karitative Hilfe leisteten, sagte Mulack, der bis 2008 deutscher Missionschef in Islamabad war, in einem Reuters-Interview.

Der Westen müsse entschlossen helfen und der Regierung in Islamabad ins Gewissen reden. "Ich sehe in der Katastrophe auch eine Chance, das Land anders wieder aufzubauen", betonte Mulack. Bei der Hilfe müsse der Westen angesichts der heiklen Situation überaus vorsichtig vorgehen. Ausdrücklich lehnt er etwa den Einsatz von NATO-Soldaten in dem Atomstaat ab, das westliche Militärbündnis könne aber sehr wohl Hilfsmaterial ins Land bringen. Zudem forderte der Ex-Botschafter die US-Regierung auf, die Drohneneinsätze im Nordwesten des Landes einzustellen. Die US-Streitkräfte hätten bei ihrem Versuch, Taliban-Anführer zu jagen, immer wieder Zivilisten getötet: "Das hilft natürlich nicht gerade weiter im Kampf um die Herzen und Köpfe".

"Kampf um Herzen und Köpfe"
Vom Westen müsse entschlossenere Hilfe gefordert werden - schon um die Unterstützung der leidenden Bevölkerung nicht den radikal-islamischen Gruppen zu überlassen. Geholfen werden müsse auch den Menschen, die in schwer zugänglichen Landesteilen von der Flut betroffen seien. "Dann wird die Bevölkerung sehen, dass der Westen, der für vieles verantwortlich gemacht wird im negativen Sinn, ein positiver Helfer ist." Diesen "Kampf um Herzen und Köpfe" sieht Mulack nicht nur als humanitäre, sondern als strategische Aufgabe des Westens. Pakistans Stabilität sei wichtig für die ganze Region. "Solange der pakistanische Geheimdienst verdächtigt wird, die Taliban aktiv zu unterstützen, wird es auch in Afghanistan niemals Frieden geben."

Mulack rief die Deutschen zu größerer Spendenbereitschaft auf. Er wisse zwar um das schlechte Image Pakistans. "Aber nur zwei, drei Prozent der Menschen sind radikale Islamisten." Es gehe darum, den normalen Menschen zu helfen. Diese hätten auch unter der Unfähigkeit und Korruption ihrer Regierung zu leiden. Angesichts der dramatischen Ausmaße der Flut hat das Flüchtlings-Hochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) seinen Spendenaufruf inzwischen auf insgesamt 120 Millionen US-Dollar erhöht.

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