So, 19. November 2017

krone.at-Interview

24.08.2010 14:24

Andi von den Toten Hosen: „Auch bei uns gibt‘s Idioten“

Ein scheppernder Krach-Auftakt, plärrende E-Gitarren, die sich mit den vom Schlagzeuger fabrizierten Brachialsounds um die Lautstärken-Vorherrschaft matchen, und ein ständig unter Strom stehender Frontman, der seine Stimmbänder gefühlskalt traktiert, als gäbe es kein Morgen - exakt zum 50. Mal in Österreich verquirlten Die Toten Hosen am Frequency ihre obligatorischen Zutaten zu einem bombastischen Konzerterlebnis. In St. Pölten nahm sich Bassist Andi Zeit, um mit krone.at über die Beziehung von Österreich zu Deutschland, Rechtspopulismus und die bewegte Geschichte der Toten Hosen zu plaudern.

Dafür, dass er seinem Körper in (ganz) jungen Jahren mitunter Ruinöses zugemutet hat, sieht der Mann mit 48 Jahren blendend aus. Bestenfalls dezent zerfurchte Gesichtszüge zeugen von den exzessiven Zeiten der Toten Hosen in den 1980er- und 1990er-Jahren. Ansonsten scheint Andi, Bassist der Kult-Band, fitter und ausgeglichener denn je. "Was darf ich zu trinken anbieten?", gibt er im gemütlichen Back-Stage-Bereich den umgänglichen Vorzeige-Gastgeber. Das vom Mangement vorgegebene 15-Minuten-Limit für das Interview überziehen wir deutlich - für Andi kein Problem. Schließlich würden seine im Kopf säuberlich archivierten Anekdoten aus mittlerweile 28 Jahren mit den Toten Hosen vermutlich auch locker für ein 15-Tage-Gespräch reichen.

krone.at: Burgtheater, das Gürtel-Lokal "Chelsea", Würstelstandl, Wiener Sportklub - die Toten Hosen sind ohne Zweifel Wien-affin. Welchen Reiz hat Österreich für euch, abgesehen von der Bundeshauptstadt?
Andi: Es stimmt, dass wir sehr gerne in Wien sind. Unsere Beziehung zu dieser Stadt reicht sehr weit zurück. Wir haben dort - egal, ob wir in der Stadthalle, in kleineren Läden oder eben gar im Burgtheater gespielt haben –, super Leute kennengelernt. Aber auch im übrigen Österreich haben wir Klasse-Abende verbracht, zum Beispiel in Wiesen oder in Salzburg. Ich selbst habe darüber hinaus noch eine ganz spezielle Beziehung zu Österreich: Meine Eltern hatten in Strobl am Wolfgangsee ein Ferienappartement. So bin ich während meiner Kindheit immer im Sommer, im Winter und zu Ostern nach Strobl gefahren und fand es richtig gut dort.

krone.at: Bei der Fußball-WM konnte man ein Phänomen beobachten, das vor 15 Jahren wohl noch undenkbar gewesen wäre: Österreicher, die Deutschland die Daumen drücken...
Andi: War das so?

krone.at: Ja, in der Tat. Unterschreibst du die These vom "neuen, freundlichen Deutschland", das von Typen wie Özil, Müller oder Lahm repräsentiert wird?
Andi: Ich glaube, die Mannschaft wird von vielen Menschen gemocht, weil sie einen multikulturellen Hintergrund hat. Das finde ich gerade in der heutigen Zeit ganz gut. Viel entscheidender war aber, dass das deutsche Team guten Fußball gespielt hat. Dafür musste man sich nicht schämen, was man in Deutschland ja jahrelang tun musste, auch wenn der Fußball erfolgreich war.

krone.at: Apropos multikulturell: Bei eurem Auftritt im Wiener Burgtheater im Juni 2009 habt ihr die Plakatserien von FPÖ-Chef Strache als "zum Kotzen widerlich" bezeichnet. Hast du schon die aktuellen Plakate gesehen, mit denen Strache um die Wahl zum Wiener Bürgermeister wirbt?
Andi: Nein. Was steht denn da drauf?

krone.at: "Mehr Mut für unser Wiener Blut!" Zusatz: "Zu viel Fremdes tut niemandem gut". Wie gefällt euch denn das?
Andi: Das setzt nahtlos fort, was wir kennen. Es ist schon sehr befremdlich. Für mich ist es ein Wunder, dass heutzutage so etwas plakatiert werden kann und es Leute auch augenscheinlich noch gut finden. Das ist wirklich beängstigend.

krone.at: Hast du eine Erklärung dafür, warum Rechtspopulismus in Österreich so erfolgreich ist, in Deutschland aber kaum?
Andi: Da wäre ich vorsichtig. Es gibt diesbezüglich auch in Deutschland definitiv Probleme. Ich will also nicht mit dem Finger auf Österreich zeigen, denn wir müssen zuerst vor unserer eigenen Türe kehren. Auch bei uns gibt's viele Idioten. Deswegen muss man immer noch versuchen, das Problem zu bekämpfen.

krone.at: Wie konkret? Was könnt ihr als Musikgruppe - etwa mit Songs wie "Sascha" oder "Madeleine" - tatsächlich bewegen?
Andi: "Sascha" hatte ja in der Zeit, in der das Lied entstanden ist, auch einen ganz konkreten Effekt: Die Republikaner, um die es in diesem Lied auch geht, haben uns verklagt - und verloren. Offensichtlich haben wir also bei den richtigen Leuten das Richtige ausgelöst. Ich denke also schon, dass man damit bestimmte Leute zum Nachdenken bringen kann. Bei einem Festival wie hier in St. Pölten wirst du kaum rechts-national eingestellte Leute finden, du musst sie daher auch nicht überzeugen. Aber wir engagieren uns auch abseits der Musik immer wieder und geben gerne ein Statement dagegen ab.

krone.at: Euer politisches Engagement ist bekannt. Was im Hinblick auf die "Hosen-Biografie" auch gerne diskutiert wird, ist euer Verhältnis zum Kommerz. Allgemein gefragt: Wie viele Situationen hat es in der Band-Geschichte gegeben, von denen ihr im Nachhinein sagt: "Da haben wir uns den Zwängen des Kommerzes zu sehr unterworfen"?
Andi: Klar gibt es Situationen, von denen wir heute denken, dass wir sie nicht machen hätten müssen. Aber Kommerz ist für mich ein komisches Wort. Was beinhaltet das? Ein Beispiel: Als wir unsere erste Single gemacht haben - 500 Stück, selbst gepresst - gab es einige, die meinten, das sei schon Kommerz. Das muss mir einmal einer erklären. Ich glaube viel mehr, dass wir heute viel unabhängiger sind als damals - eben weil wir erfolgreich sind. Wir haben heute unsere eigene Plattenfirma, unsere eigene Konzertagentur und können so viel mehr selbst bestimmen, was wir eigentlich wollen. Letztendlich ist es immer Kommerz, wenn du in den Laden gehst und dir etwas kaufst. Die Frage ist, ob du vertreten kannst, was du tust. Und ich glaube schon, dass wir diesbezüglich mit Punkrock einen guten Weg gefunden haben. Aber, um auf die Frage zurückzukommen, natürlich gab es Momente, die wir im Nachhinein anders entschieden hätten.

krone.at: Zum Beispiel?
Andi: "Battle of the bands". Die Platte fand ich nicht so gut. Es gab auch Fernseh-Formate, an denen wir uns nicht beteiligen hätten müssen.

krone.at: War etwa die "Friss oder stirb"-Doku auf MTV so ein Format? Die hatte ja mit Musik gar nichts zu tun.
Andi: Aber genau das war ja die Idee. Da ging's eher drum, zu sehen, wie Fernsehen gemacht wird. Das haben wir sehr gerne gemacht und es hat Spaß gemacht. Denn wenn wir uns in ungewöhnlichen Situationen befinden, etwa beim Fallschirmspringen, reagieren wir ganz anders und erfahren so auch mehr über einander. Das hatte schon seinen Reiz. Ich würd's zwar nicht noch einmal machen, aber das eine Mal war es okay. Es gibt eben Sachen, die wir gerne ausprobieren. So sind wir halt.

krone.at: Eine gute Überleitung. Frontman Campino hat vor etlichen Jahren einmal sinngemäß gemeint: Um Punk zu sein, muss man nichts können und nichts sein - man muss einfach nur sagen: "Ich bin Punk". Ist diese Definition noch zeitgemäß?
Andi: Das gilt nach wie vor, ja. Um Punk zu sein, musst du keine Qualifikationen haben, das war immer schon so. Das war ja auch das Brilliante an Punkrock: Jeder konnte eine Band gründen. Als ich angefangen habe, Bass zu spielen, konnte ich auf zwei Seiten spielen - die anderen waren mir im Weg. Bevor es Punkrock gegeben hat, wäre es undenkbar gewesen, auf diese Weise in eine Band aufgenommen zu werden. Punkrock ist die Musik, mit der wir groß geworden sind, die wir lieben und ohne die es uns nicht geben würde.

krone.at: Wenn ihr mit so wenig Können heute bei Null beginnen würdet - könntet ihr dann auch so erfolgreich werden?
Andi: Wer will das schon wissen? Dabei spielen eine Menge Faktoren eine Rolle: Glück, wann du durch welche Tür läufst, zu welchem Zeitpunkt. Wichtig ist auch, wie du dich untereinander verstehst. Es ist ja nicht selbstverständlich, 28 Jahre durch die Gegend zu touren und das immer noch zusammen zu tun...

krone.at: ... und letztendlich auch noch im Grab neben den Bandkollegen liegen zu wollen.
Andi (lacht): Wir hoffen, das dauert noch eine Weile. Aber wir haben's tatsächlich gebucht. Wir haben uns bereits einen Platz am Düsseldorfer Friedhof für ein Gemeinschaftsgrab resevon einander zu haben?
Andi: Wie's kommt, so kommt's. Du kannst ja auch morgen einen Unfall haben und das Ganze ist gegessen. Ich weiß es zu schätzen, dass wir unsere Musik schon so lange machen und sie auch noch von vielen jungen Menschen gut gefunden wird. Das sollte man schon würdigen. Und das tu ich. Was in fünf Jahren ist, kann ich dir nicht sagen. Ich glaube zwar nicht, dass wir uns zerstritten haben, aber garantieren kann das niemand.

krone.at: Aber es ist wohl eine Seltenheit, dass es in 28 Jahren - das Jahr 2006 ausgenommen - keine größere Pause, nur einen Besetzungswechsel und, zumindest öffentlich, keinen Streit gibt.
Andi: Das gibt's nicht so oft, das stimmt. Warum das bei uns so ist, kann ich nicht sagen. Ich weiß auch nicht, warum Die Toten Hosen erfolgreich geworden sind. Aber ich bin dankbar.

krone.at: Was erzählt ihr eigentlich jungen Menschen über Drogen?
Andi: Ich denke, man sollte relativ offen über die Risiken und über die positiven Sachen sprechen.

krone.at: Positive Sachen?
Andi: Alles nur zu verdammen, halte ich nicht für den Trick. Natürlich passieren da auch Sachen, die reizvoll sind. Aber selbstverständlich musst du aufzeigen, was die Gefahren sind und dass man da auch mit dem Feuer spielt. Ich halte es aber für viel problematischer, dass eine der schädlichsten Drogen, nämlich Alkohol, gesellschaftlich akzepiert, Marihuana hingegen verteufelt wird. Ein bisschen mehr Aufklärung täte da schon Not. Und Jugendliche nehmen dir viel mehr ab, wenn sie merken, du weißt, wovon du sprichst, als wenn du's nicht weißt.

krone.at: In welchem Zustand würden wir dich antreffen, wenn jetzt beispielsweise das Jahr 1988 wäre und in drei Stunden das Konzert losginge?
Andi: Wir waren partymäßig auf jeden Fall härter unterwegs als heute. Aber so würde ich eine Tour heutzutage nicht mehr durchhalten, das haben wir übrigens früher auch nicht immer. Ich gebe schon zu, dass ich auch Konzerte gespielt habe, bei denen ich betrunken war. Umso mehr genieße ich es heute, Konzerte nüchtern zu spielen. Das macht einfach mehr Spaß. Das heißt nicht, dass wir heute nicht mehr feiern, aber wir versuchen es, auf nach dem Gig bzw. der Tour zu verlegen. Das ist besser für die Leute und besser für uns. Aber das ist auch ein Lernprozess. Denn natürlich hast du Lampenfieber, wenn du auf die Bühne gehst.

krone.at: Immer noch?
Andi: Ja. Es wechselt vielleicht im Grad, aber es ist auf jeden Fall vorhanden. In der Anfangszeit betäubst du das, indem du ein paar Bier trinkst. Heute mach' ich das überhaupt nicht mehr.

krone.at: Es mag kitschig klingen, aber ihr habt - zumindest im deutschsprachigen Raum - alles erreicht, habt auf allen großen Bühnen gespielt, ihr habt finanziell natürlich längst ausgesorgt. Worauf arbeitet ihr nach 28 Jahren noch hin?
Andi: Ich habe die letzte Tour zum Beispiel sehr genossen. Zu sehen, dass zu unseren Konzerten nach wie vor so viele Leute erscheinen und unsere Musik auch noch gut finden - das reicht mir. Ich habe darüber hinaus keine speziellen Wünsche oder Vorstellungen. Für mich ist es Befriedigung genug, auf die Bühne zu gehen und zu spielen.

von Michael Fally, krone.at

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